Krisenstimmung am Golf: Öl droht neues Allzeithoch

Wer die Nachrichten in den letzten Wochen verfolgt hat, kam an einem Thema nicht vorbei: dem Krieg zwischen dem Iran und den USA und dessen Auswirkungen auf die weltweiten Ölpreise. Nachdem die USA und Israel einen folgenschweren Angriff auf den Iran gestartet hatten, übernahm die Islamische Republik die Kontrolle über das wichtigste Nadelöhr des globalen Öltransports: die Straße von Hormus. Infolgedessen schoss der Ölpreis um mehr als 50 % in die Höhe und durchbrach zu Ostern die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel.

Ein vermeintliches Waffenstillstandsabkommen und die Wiederöffnung der Meerenge für mit den USA verbündete Länder ließen die Märkte kurzzeitig aufatmen. In der Hoffnung, das Schlimmste sei überstanden, fiel der Preis für Brent-Rohöl bis zum 17. April wieder auf etwa 90 US-Dollar zurück. Doch die anschließende Blockade iranischer Häfen durch Trump und das Scheitern der Gespräche in Islamabad sorgten für eine massive Zunahme der Unsicherheit und trieben die Preise erneut nach oben.

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels (30. April) hat Brent wieder das Niveau von 2022 erreicht und notiert bei 121,65 US-Dollar pro Barrel. Das entspricht einem schockierenden Zuwachs von über 100 % seit Jahresbeginn. Was für den Endverbraucher negative Folgen hat, bietet versierten Tradern derzeit unglaubliche Profitmöglichkeiten.

Der Haupttreiber für die mittelfristige Preisentwicklung von Öl bleibt wenig überraschend der Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Doch auch auf der Angebotsseite gibt es entscheidende Stellschrauben: Die Förderpolitik der OPEC+ und die Freigabe strategischer Ölreserven fungieren hier als große Unsicherheitsfaktoren. Hinzu kommt der natürliche Marktdruck: Extrem hohe Preise belasten die Nachfrage und das Wirtschaftswachstum, was im Laufe der Zeit unweigerlich zu einer Rückkehr zu einem Marktgleichgewicht führen wird.

In diesem Artikel beleuchten wir all diese Faktoren und werfen einen Blick auf die möglichen nächsten Kursbewegungen am Ölmarkt.

Anhaltende Preisanstiege und schwindende Reserven

Die Ölpreise haben sich nach der anfänglichen Panik nicht in dem Maße abgekühlt, wie viele erwartet hatten. Stattdessen ist der Markt in eine deutlich besorgniserregendere zweite Phase eingetreten, in der sich der geopolitische Schock zu einer anhaltenden Angebotskrise ausgeweitet hat.

Brent-Rohöl wird aktuell deutlich über 120 US-Dollar pro Barrel gehandelt und markierte bereits Intraday-Hochs von über 126 US-Dollar – ein Niveau, das seit 2022 nicht mehr erreicht wurde.

Händler gehen zunehmend davon aus, dass die Störungen in der Golfregion kein kurzfristiger Schock mehr sind, sondern eine echte, langfristige Belastung für die globalen Energieströme darstellen.

Das größte Nadelöhr bleibt die Straße von Hormus, durch die normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird.

Was als reine geopolitische Risikoprämie begann, entwickelt sich zunehmend zu einer physischen Knappheitsprämie.

Es zirkulieren weniger freie Frachtkapazitäten, was höhere Versicherungskosten und längere Transportwege bedeutet, während Raffinerien händeringend nach alternativen Ölsorten suchen.

 

Selbst dort, wo Öl verfügbar ist, ist der Transport an die Märkte langsamer und teurer geworden.

Exportinfrastruktur, Tanklager, Raffinerien und die Schifffahrtslogistik am Golf sind in unterschiedlichem Maße beeinträchtigt.

Und selbst dort, wo Anlagen noch voll betriebsfähig sind, fordern Versicherer, Tanker-Reeder und Käufer deutlich höhere Prämien, bevor sie zum Tagesgeschäft übergehen.

Die Verbrauchernationen haben versucht, den Schock durch den Rückgriff auf strategische Reserven und kommerzielle Lagerbestände abzufedern, doch diese Puffer schmelzen schnell dahin. So fielen die US-Rohöllagerbestände in den jüngsten Wochen um 6,2 Millionen Barrel auf 459,5 Millionen Barrel, während die Exporte auf Rekordhöhen stiegen, weil Europa und Asien versuchten, ausbleibende Lieferungen zu kompensieren.

Diese Entwicklung ist entscheidend: Jedes Fass, das heute aus den Lagern entnommen wird, muss morgen potenziell ersetzt werden. Sollten die Regierungen im Laufe des Jahres damit beginnen, ihre Notreserven wieder aufzufüllen, könnte dies zu einem zusätzlichen Nachfrageschub führen, der auf eine ohnehin schon extrem angespannte Lieferkette trifft.

Insofern ist ein Ölpreis von 120 US-Dollar längst nicht mehr nur das Resultat von Kriegsschlagzeilen.

Er spiegelt eine Welt wider, die gerade schmerzhaft feststellt, dass freie Förderkapazitäten, Reserven und Geduld knapper sind als bislang angenommen.

 

Selbstregulierende Nachfrage und Machtkämpfe der Ölförderer

Auch wenn eine Lösung des Krieges noch in weiter Ferne scheint, dürfte das nächste Kapitel weniger von Raketen als vielmehr von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt werden. Historisch gesehen tragen extrem hohe Ölpreise den Keim ihres eigenen Niedergangs in sich, da sie das Wirtschaftswachstum bremsen, das Vertrauen der Unternehmen schwächen und letztlich die Treibstoffnachfrage einbrechen lassen.

Es gibt bereits erste Anzeichen dafür, dass dieser Prozess in Gang kommt. Analysten warnen zunehmend vor einem stagflationären Umfeld, in dem die Energiekosten hoch bleiben, während sich das globale Wachstum abkühlt – insbesondere in den importabhängigen Volkswirtschaften Europas und Asiens.

Laut Reuters ist Brent seit Kriegsbeginn am 28. Februar um rund 75 % gestiegen.

 

Brent Öl Chart

Das ist eine Größenordnung, die Verbraucher und Unternehmensmargen massiv unter Druck setzt, noch bevor sich überhaupt die sekundären Effekte in der Inflation bemerkbar machen.

Dennoch dürfte eine schwächelnde Nachfrage allein nicht ausreichen, um das Marktgleichgewicht wiederherzustellen, solange das Angebot beeinträchtigt bleibt. Die oft wiederholte Annahme, die OPEC+ könne einfach den sprichwörtlichen Hahn aufdrehen und für Ordnung sorgen, erscheint zunehmend fraglich. Die Spannungen zwischen den einzelnen Mitgliedern des Kartells sind kaum noch zu ignorieren, was nicht zuletzt durch die jüngste Entscheidung der VAE unterstrichen wurde, die OPEC zu verlassen.

Saudi-Arabien verfügt zwar nach wie vor über die größten freien Kapazitäten und bleibt der zentrale Akteur, doch jeder Versuch, den Preis zu stützen, erfordert Kompromisse: Entweder man tritt Marktanteile an Konkurrenten ab, insbesondere an die USA, oder man produziert mehr und riskiert sinkende Einnahmen.

Allerdings gibt es bei den derzeitigen Höchstpreisen den massiven Anreiz, die Gunst der Stunde zu nutzen und Gewinne einzufahren. Die US-Schieferölproduzenten (Fracker) agieren heute zwar weitaus disziplinierter als noch in den 2010er Jahren.

Doch bei nachhaltigen Preisen von über 70 bis 75 US-Dollar für WTI sind viele von ihnen hochprofitabel und in der Lage, ihre Fördermengen mit der Zeit auszuweiten.

 

WTI Öl Chart

Das Ergebnis ist ein Markt mit einer höheren Preisuntergrenze, aber auch einem deutlich sichtbaren Deckel. Die Preise können irrational hoch bleiben, solange die geopolitischen Störungen anhalten.

Doch je länger sie über der Marke von 120 US-Dollar verharren, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit von Nachfragezerstörung, der Suche nach alternativen Energieträgern und einem Angebotswachstum außerhalb der OPEC.

Für Anleger ist dies längst kein kurzfristiger Preissprung mehr, bei dem man schlicht auf den Trend aufspringen oder blind dagegen wetten kann.

Vielmehr erleben wir ein langwieriges Tauziehen zwischen Knappheit und Marktanpassung – mit noch völlig offenem Ausgang.

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