Börsenausblick – Starkes erstes Halbjahr schreit nach einer Sommerpause
Nach einer außergewöhnlich starken Entwicklung der internationalen Aktienmärkte im ersten Halbjahr spricht viel dafür, dass die Börsen in den kommenden drei bis sechs Monaten in eine Phase der Konsolidierung übergehen. Eine längere Seitwärtsbewegung wäre aus historischer Sicht keineswegs ungewöhnlich. Vielmehr gibt sie den Anlegern Zeit, die hohen Bewertungen zu verarbeiten und auf neue fundamentale Impulse zu warten.
Trotz des weiterhin intakten langfristigen Aufwärtstrends rund um künstliche Intelligenz und Digitalisierung mehren sich kurzfristig die Risiken, die einer Fortsetzung der Rally entgegenstehen.
Messlatte für Berichtssaison immer höher
Unternehmen wie Marvell Technology, Micron, Broadcom oder Qualcomm haben in den vergangenen Quartalen außergewöhnlich starke Wachstumsraten erzielt und damit die Messlatte für zukünftige Ergebnisse immer höher gelegt.
Selbst solide Zahlen in der kommenden Berichtssaison könnten nicht ausreichen, um weitere Kursanstiege auszulösen.
Vielmehr dürfte entscheidend sein, ob die Unternehmen ihre optimistischen Prognosen bestätigen oder sogar anheben können.
Enttäuschungen könnten dagegen zu stärkeren Gewinnmitnahmen führen.
Broadcom Chart
Notenbanken suchen selbst nach Orientierung
Auch die Geldpolitik spricht für eine Phase der Orientierung. Sowohl die US-Notenbank Federal Reserve als auch die Europäische Zentralbank befinden sich in einem Übergang zwischen restriktiver und potenziell lockerer Geldpolitik.
Während die Märkte mit Zinsmaßnahmen im zweiten Halbjahr rechnen, haben die Notenbanken mehrfach betont, dass zukünftige Entscheidungen vollständig von der Entwicklung der Konjunktur- und Inflationsdaten abhängig bleiben.
Dadurch dürfte jeder neue Inflations- oder Arbeitsmarktbericht die Zinserwartungen kurzfristig verändern und für erhöhte Schwankungen sorgen, ohne jedoch einen klaren Trend vorzugeben.
Inflation noch nicht unter Kontrolle
Hinzu kommt, dass die Inflation zwar weiter zurückgegangen ist, aber noch nicht vollständig unter Kontrolle ist. Vor allem steigende Löhne, anhaltend hohe Dienstleistungspreise und mögliche Energiepreisanstiege könnten den Inflationsrückgang verlangsamen. Sollte sich dieser Trend bestätigen, würde sich auch der Spielraum der Notenbanken für weitere Zinssenkungen verringern. Die Kapitalmärkte befinden sich somit in einer Phase, in der positive Nachrichten bereits weitgehend eingepreist sind, während negative Überraschungen deutlich stärkere Reaktionen auslösen könnten.
Frieden in Nahost noch weit weg
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor bleibt die geopolitische Lage im Nahen Osten.
Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran verlaufen weiterhin schwierig. Vor allem das iranische Atomprogramm, die Aufhebung von Sanktionen sowie die Sicherheit der Schifffahrtswege durch die Straße von Hormus verhindern bislang einen nachhaltigen diplomatischen Durchbruch.
Die Finanzmärkte haben zwar einen Teil der geopolitischen Risikoprämie bereits wieder abgebaut, dennoch bleibt das Risiko einer erneuten Eskalation bestehen. Sollte es zu militärischen Zwischenfällen oder einer Beeinträchtigung der Öltransporte kommen, könnten die Energiepreise rasch wieder steigen.
Höhere Ölpreise würden nicht nur die Inflation erneut antreiben, sondern auch die Wachstumsperspektiven insbesondere für Europa belasten.
Öl Chart
Seitwärtstrend bedeutet keine Trendwende
Hinzu kommt ein saisonaler Effekt. Historisch zählen die Sommermonate häufig zu den ruhigeren Börsenphasen. Viele institutionelle Investoren reduzieren in dieser Zeit ihre Handelsaktivitäten, wodurch die Liquidität sinkt. Gleichzeitig fehlen nach Abschluss der Berichtssaison häufig neue fundamentale Impulse. Dies führt regelmäßig dazu, dass sich die großen Aktienindizes über mehrere Wochen in vergleichsweise engen Handelsspannen bewegen. Erst mit Beginn des Herbstes und der nächsten Berichtssaison kehren häufig neue Trends an die Märkte zurück.
Eine mögliche Seitwärtsbewegung sollte allerdings nicht mit einer Trendwende verwechselt werden.
Die langfristigen Wachstumstreiber bleiben intakt. Der weltweite Ausbau von KI-Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur, Halbleitern und Energieversorgung dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Unternehmen aus den Bereichen künstliche Intelligenz, Netzwerktechnologie, Software und Strominfrastruktur verfügen weiterhin über attraktive strukturelle Wachstumsperspektiven. Allerdings dürften die Investoren in den kommenden Monaten stärker zwischen Gewinnern und Verlierern differenzieren, anstatt den gesamten Technologiesektor gleichermaßen nach oben zu treiben.
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