US-Nebenwerte: Anleger unterschätzen die Chancen jenseits der Magnificent Seven

US-Nebenwerte werden nach Einschätzung von Stefan Tang, Portfolio Manager und Analyst im Lazard Baylight-Team, von vielen Anlegern vorschnell abgeschrieben. Zwar hätten Small Caps in den vergangenen Jahren deutlich hinter den großen US-Aktienindizes zurückgelegen. Der Vergleich sei jedoch verzerrt, weil der S&P 500 in ungewöhnlich hohem Maße von wenigen großen Technologiewerten getragen worden sei.

„US Small Caps werden häufig vorschnell als strukturell unattraktiv abgeschrieben“, erklärt Tang. „Dabei wird übersehen, dass der Vergleich mit dem S&P 500 durch die außergewöhnliche Dominanz weniger Mega Cap-Technologiewerte verzerrt ist.“

Über einen Zeitraum von zehn Jahren bis Ende März 2026 habe der Russell 2000 Index, die gängige Benchmark für US-Nebenwerte, annualisiert 9,5 Prozent erzielt, während der S&P 500, die wichtigste Benchmark für US Large Caps, auf 13,6 Prozent gekommen sei. Nach Einschätzung von Tang zeige dies weniger eine strukturelle Schwäche der Nebenwerte als vielmehr die historische Sonderstellung weniger großer US-Technologieunternehmen.

„Die entscheidende Frage ist nicht, ob US Small Caps grundsätzlich an Attraktivität verloren haben, sondern wo in diesem breiten und ineffizienteren Markt attraktive Chancen liegen“, so Tang.

 

Russell 2000 Index Chart

 

Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Mega Cap-Thema

Besonders deutlich werde dies beim Thema künstliche Intelligenz. Der KI-Boom werde häufig als reines Mega Cap-Thema wahrgenommen, weil die großen Plattform- und Infrastrukturunternehmen an der Spitze der Wertschöpfungskette stünden. Der Ausbau der KI-Infrastruktur reiche jedoch deutlich weiter und betreffe auch kleinere Anbieter aus Bereichen wie Energieinfrastruktur, Rechenzentren, Kühlung, Netzwerktechnologie, Halbleiterausrüstung und spezialisierter Software.

„Ein erheblicher Teil der KI-Chancen liegt nicht in den offensichtlichsten Namen“, sagt Tang. Entscheidend sei dabei, nicht allein auf thematische Narrative zu setzen. Trends wie KI, die Rückverlagerung von Produktion in die USA oder Elektrifizierung müssten sich in den operativen Kennzahlen der Unternehmen niederschlagen.

„Für Small Cap-Investoren geht es darum, Unternehmen zu identifizieren, bei denen KI-Nachfrage bereits in den Fundamentaldaten sichtbar wird – etwa durch steigende Auftragseingänge, höhere Auslastung oder Margenverbesserungen.“

 

Weniger Research, mehr Ineffizienzen

Auch die Marktstruktur spreche aus Sicht von Tang für einen aktiven Ansatz. Der US Small Cap-Markt umfasse mehr als 2.500 Unternehmen und sei deutlich weniger gut analysiert als der Large Cap-Bereich. 57 Prozent der Unternehmen im Russell 2000 würden von fünf oder weniger Sell-Side-Analysten beobachtet; im S&P 500 treffe dies nur auf ein Prozent der Unternehmen zu. Gleichzeitig hätten nur 15 Prozent der Small Caps mehr als zehn Analysten, verglichen mit 89 Prozent der Large Caps.

„Geringere Analystenabdeckung bedeutet langsamere Informationsverarbeitung – und damit mehr Raum für Fehlbewertungen“, sagt Tang. „In kaum einem anderen Segment des US-Aktienmarkts ist eigenes Research so wichtig wie bei Small Caps.“

Neben der geringen Coverage spricht auch die Heterogenität des Marktes für ein selektives Vorgehen: Rund 38 Prozent der Unternehmen im Russell 2000 seien per März 2026 nicht profitabel gewesen. Das erhöhe die Risiken pauschaler Indexinvestments, schaffe aber Chancen für selektive Investoren.

„Der Unterschied zwischen passiver Indexexposition und gezielter Titelauswahl ist bei Small Caps besonders groß“, erklärt Tang. „Ein Index muss den gesamten Markt halten – auch Unternehmen, die Anleger vielleicht bewusst meiden würden. Aktive Investoren können dagegen gezielt nach Geschäftsmodellen suchen, bei denen sich Fundamentaldaten verbessern.“

 

Private Equity als externer Preisanker

Auch die Rolle von Private Equity werde aus Sicht von Tang häufig einseitig bewertet. Manche Investoren argumentierten, dass Private-Equity-Gesellschaften die attraktivsten Unternehmen aus dem öffentlichen Small Cap-Markt herauskauften und damit die Qualität des verbleibenden Anlageuniversums schmälerten. Diese Sichtweise sei jedoch unvollständig.

Private-Equity-Investoren könnten auch als externe Preisanker fungieren. Wenn Finanzinvestoren oder strategische Käufer börsennotierte Small Caps zu deutlichen Prämien übernehmen, könne dies für bestehende Aktionäre Wert realisieren.

„Private Equity ist nicht zwangsläufig ein Gegenargument gegen börsengehandelte Small Caps“, erklärt Tang. „In vielen Fällen kann Übernahmeaktivität helfen, den strategischen Wert eines Unternehmens sichtbar zu machen und Wert für Aktionäre zu heben.“

 

Warum aktives Management entscheidend ist

Nach Einschätzung von Tang spricht die Struktur des US Small Cap-Marktes für einen disziplinierten, fundamental orientierten Investmentansatz. Entscheidend sei, Verbesserungen bei Umsatzentwicklung, Profitabilität und Kapitalallokation von Unternehmen frühzeitig zu erkennen, strukturelle Verlierer zu vermeiden und Risiken aktiv zu steuern.

„Der US Small Cap-Markt ist nicht strukturell beschädigt“, resümiert Tang. „Er ist ein breites, heterogenes und ineffizientes Anlageuniversum. Für Investoren, die sorgfältig analysieren und Risiken aktiv steuern, können gerade diese Ineffizienzen langfristig attraktive Chancen eröffnen.“

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