Schwellenländer liefern zentrale Bausteine für die KI-Revolution

Schwellenländeraktien haben nach Jahren schwächerer relativer Wertentwicklung wieder an Schwung gewonnen. Die jüngste Erholung war nach Einschätzung von Rohit Chopra, Portfolio Manager/Analyst im Emerging Markets Equity-Team von Lazard Asset Management, bislang jedoch stark auf wenige Bereiche konzentriert.

Getragen wurde sie vor allem von der Nachfrage nach künstlicher Intelligenz und den damit verbundenen Lieferketten in Korea und Taiwan. Daraus könnte sich aus Sicht des Experten jedoch eine breitere Gewinnerholung in den Schwellenländern entwickeln.

 

KI bleibt ein wichtiger Treiber

Der KI-Boom sei zuletzt ein wichtiger Treiber für Schwellenländer-Aktien gewesen. Viele Unternehmen in Asien seien heute unverzichtbarer Bestandteil der globalen KI-Lieferkette. „Emerging Markets liefern wesentliche Bausteine für die KI-Revolution“, sagt Chopra. „Unternehmen wie Samsung Electronics und SK Hynix beispielsweise zählen zu den führenden Anbietern im Speicherbereich und entwickeln Hochbandbreitenspeicher, die für KI-Anwendungen eine wichtige Rolle spielen. Taiwan Semiconductor Manufacturing wiederum gilt als zentraler Anbieter von Logikchips.“

Insgesamt liege die KI-Wertschöpfungskette also nicht allein in den USA, sondern hänge in hohem Maße von Unternehmen aus Taiwan, Korea, China und anderen Teilen der Emerging Markets ab. Dabei seien Schwellenländer nicht nur eine klassische Aufholgeschichte. Teile dieser Märkte trieben vielmehr die vierte Industrialisierung aktiv mit voran.

 

Samsung Electronics Aktie Chart

 

Bewertungen und Gewinne sprechen für Schwellenländer

Neben dem KI-Thema sprechen aus Chopras Sicht auch Bewertungen und Gewinnperspektiven für Emerging Markets. Derzeit würden Schwellenländeraktien mit einem Bewertungsabschlag von nahezu 30 Prozent gegenüber dem MSCI World gehandelt, bei gleichzeitig steigender Eigenkapitalrendite.

Rückenwind komme zudem vom US-Dollar. Nach einer langen Phase, in der die Stärke der US-Währung Schwellenländer belastet habe, lasse dieser Belastungsfaktor nach. Historisch hätten Phasen eines schwächeren Dollars Emerging Markets-Aktien häufig unterstützt, da globale Kapitalflüsse wieder stärker in diese Märkte flössen.

Auch innerhalb des Technologiesektors sei der Bewertungsunterschied erheblich. EM-Unternehmen in Bereichen wie Halbleiter, Software und digitale Infrastruktur würden mit einem Abschlag von etwa 30 bis 50 Prozent gegenüber vergleichbaren US-Unternehmen gehandelt, obwohl sie vom selben globalen Investitionszyklus profitieren und teils ähnliche oder höhere Gewinnerwartungen aufweisen würden. Anleger könnten so am KI-Thema teilhaben, ohne ausschließlich auf die hoch bewerteten Marktführer in den USA setzen zu müssen.

 

Die Erholung könnte breiter werden

Chopra gibt jedoch auch zu bedenken: „Wenn man sich die Rally in den Emerging Markets ansieht, war sie bislang relativ eng“, erklärt Chopra. „Sie wurde vor allem durch die Nachfrage der Hyperscaler und durch künstliche Intelligenz getragen, insbesondere in Ländern wie Korea und Taiwan, wo sich die Gewinnerwartungen verbessert haben.“ Anleger sollten die starke Konzentration der jüngsten Kursentwicklung nicht ausblenden – ähnlich wie in den entwickelten Märkten.

Künftig könne die EM-Investmentstory jedoch über die bisherigen KI-Gewinner hinausgehen. In Lateinamerika sieht Chopra wieder mehr Anlegerinteresse. In Brasilien etwa hätten eine orthodoxere Geldpolitik, positive Realzinsen und ein verbessertes Umfeld für bestimmte Rohstoffe dazu beigetragen, dass Kapital in den Markt zurückkehre.

Auch Indien könnte wieder stärker in den Fokus rücken. Das Land sei in den vergangenen 18 Monaten deutlich hinter den meisten anderen Schwellenländern zurückgeblieben. Sobald Belastungen durch Energiepreise nachließen und die heimische Wirtschaft wieder anziehe, dürfte auch das Investoreninteresse dort wieder steigen. „Für uns steht dabei im Vordergrund, die zugrunde liegenden Unternehmen sorgfältig zu analysieren und nicht einfach nur das günstige Beta eines Landes zu kaufen“, so Chopra.

Auch der Ausbau industrieller Kapazitäten im Nahen Osten, insbesondere in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien, könnte zur Verbreiterung der Emerging Markets-Story beitragen.

 

Geopolitik bleibt ein Risiko

Geopolitische Risiken bleiben ein wichtiger Faktor. Die Belastung rund um die Straße von Hormus habe gezeigt, wie bedeutend diese Route für den Welthandel sei. Besonders in Asien und Südostasien seien die Auswirkungen spürbar gewesen. Länder wie die Philippinen, Indonesien und Indien seien stärker betroffen, weil sie auf Energieimporte aus dem Nahen Osten angewiesen seien.

Wenn Energiepreise wieder nachgäben und die geopolitische Lage sich normalisiere, könnten diese Belastungen nachlassen. Daraus könne sich in einigen Märkten auch eine Erholung der Gewinne ergeben. Die geopolitische Komplexität sei für Chopra zugleich ein Grund, Emerging Markets differenziert zu betrachten. Anleger investierten nicht in „Brazil Inc.“ oder „China Inc.“, sondern in Unternehmen, die in diesen Ländern ansässig seien.

 

Strategisch statt taktisch investieren

Für Chopra spricht die Vielfalt der Schwellenländer dafür, sie nicht lediglich als kurzfristigen KI- oder Makro-Trade zu betrachten. Emerging Markets stünden heute für rund 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung auf Kaufkraftparitätsbasis und etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung, würden aber nur rund 10 Prozent der globalen Aktienmarktkapitalisierung ausmachen. Dieses Ungleichgewicht unterstreicht aus seiner Sicht, dass die Anlageklasse langfristig stärker in den Fokus rücken könnte.

„Wir sehen Emerging Markets nicht als opportunistische Anlageklasse, in die man nur investiert, wenn der Dollar schwach ist oder Bewertungen günstig erscheinen“, sagt Chopra. „Aus unserer Sicht sollten Anleger Schwellenländer als strategische Allokation verstehen.“

Gerade langfristig orientierte Investoren könnten von der Kombination aus attraktiveren Bewertungen, steigender finanzieller Produktivität, unterschiedlichen Wachstumstreibern und einer geringeren Korrelation zu entwickelten Märkten profitieren.

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