AstraZeneca stoppt Lungenkrebs-Studie: warum steigt die Aktie trotzdem ?
Es ist der zweite Rückschlag innerhalb von gut fünf Wochen – und trotzdem legt die Aktie zu. AstraZeneca hat die Phase-III-Studie eVOLVE-Lung02 mit dem experimentellen Wirkstoff Volrustomig bei metastasiertem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs eingestellt. Ein unabhängiges Datenüberwachungskomitee kam bei einer turnusmäßigen Zwischenauswertung zu dem Ergebnis, dass die Kombination aus Volrustomig und Chemotherapie keines der beiden primären Studienziele erreichen dürfte – weder das progressionsfreie Überleben noch das Gesamtüberleben in der primären Patientengruppe.
Am selben Tag kam jedoch die Gegenmeldung aus dem eigenen Haus, und die war deutlich gewichtiger, als es die Schlagzeile zum Studienstopp vermuten lässt.
Ein Kandidat scheitert, das Schlüsselprodukt liefert
Parallel dazu meldeten AstraZeneca und der japanische Partner Daiichi Sankyo positive Ergebnisse aus der Phase-III-Studie DESTINY-Lung04: Enhertu erreichte als Erstlinientherapie bei HER2-mutiertem, fortgeschrittenem Lungenkrebs eine statistisch signifikante und klinisch relevante Verbesserung des progressionsfreien Überlebens gegenüber dem globalen Behandlungsstandard – als erstes HER2-gerichtetes Medikament überhaupt in dieser Patientengruppe.
Für den Markt ist das die relevantere Nachricht. Volrustomig war ein Kandidat unter vielen, Enhertu ist bereits heute eines der Schlüsselprodukte des Konzerns. Und mit jeder Indikation, die früher in der Behandlungslinie liegt, wächst das adressierbare Umsatzpotenzial – Jefferies veranschlagt die Spitzenumsätze des Präparats mittlerweile bei 10 bis 12 Milliarden Dollar. Dass die Aktie am Meldungstag gegen den Studienstopp anstieg, ist also weniger Ignoranz gegenüber der schlechten Nachricht als eine schlichte Gewichtung der beiden Meldungen.
Fundamental: Kernergebnis je Aktie plus 21%, Onkologie plus 15%
Im Halbjahr wuchs der Gesamtumsatz um 6%. Rechnet man den Patentverlust bei Farxiga und die staatlichen Beschaffungsprogramme in China heraus, waren es 11% – das ist die Zahl, an der man die Grunddynamik ablesen kann. Das Kernergebnis je Aktie legte im Halbjahr um 11% zu, die Kern-Bruttomarge lag bei 83%. Der Onkologie-Bereich, um den es hier ja im Kern geht, kam auf 14,1 Milliarden Dollar Umsatz und damit auf ein Plus von 15% mit zweistelligen Wachstumsraten in allen wichtigen Regionen.
Das Management bestätigte dabei sein Ziel von 80 Milliarden Dollar Gesamtumsatz im Jahr 2030 – gegenüber 58,7 Milliarden im Jahr 2025 ein durchaus ambitionierter Sprung, der eben genau von Produkten wie Enhertu getragen werden muss. Seit den Zahlen zum vierten Quartal 2025 hat der Konzern 30 Zulassungen in wichtigen Regionen erhalten.
| Kennzahl | Wert | Veränderung | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Produktumsatz Q2 2026 | 14,5 Mrd. USD | +5 % | Erwartung getroffen |
| Kernergebnis je Aktie Q2 | 2,63 USD | +21 % | 5 % über Konsens |
| Gesamtumsatz H1 2026 | +6 % | +11 % bereinigt | Generika-Gegenwind |
| Onkologie-Umsatz H1 | 14,1 Mrd. USD | +15 % | Wachstumsmotor |
| Kern-Bruttomarge H1 | 83 % | H2 niedriger erwartet | Saisonalität |
| KGV 2026e | ca. 15 | — | Konsensschätzung |
| Umsatzziel 2030 | 80 Mrd. USD | 2025: 58,7 Mrd. | bestätigt |
AstraZeneca Aktie Chart
Analysten sehen bis zu 74% Kurspotenzial
Die Analystengemeinde ist trotz der Serie von Rückschlägen bemerkenswert konstruktiv geblieben. Das höchste Kursziel stammt von Bernstein Research: Justin Smith hob es Ende Juli von 18.500 auf 20.200 Pence an und bestätigte sein „Outperform“. Mit Blick auf die neuen Produktkandidaten im zweiten Halbjahr und im kommenden Jahr sei das Verhältnis von Chancen zu Risiken positiv, die Briten hätten die aussichtsreichste Pipeline der Branche. Gegenüber dem aktuellen Kurs entspricht das einem Aufwärtspotenzial von rund 74%.
Was diese Spannweite so weit macht, ist weniger Uneinigkeit über das laufende Geschäft als über die Frage, wie viel Pipeline-Wert man einem Konzern zubilligt, dem innerhalb von fünf Wochen zwei Phase-III-Programme wegbrechen. Am 9. Juli verfehlte der Wirkstoff Wainua (Eplontersen) in der Studie CARDIO-TTRansform bei der Herzmuskelerkrankung ATTR-CM sein primäres Ziel. Die Aktie brach in London um fast 10% ein und verlor an einem Tag rund 19 Milliarden Pfund an Wert – der schwächste Handelstag seit März 2020. Die Bank of America hatte dort mit Spitzenumsätzen von rund 3,7 Milliarden Dollar kalkuliert, der Konzern selbst mit mehr als 5 Milliarden. Bei Patienten, die den Wirkstoff als Monotherapie erhielten, zeigte sich immerhin ein erkennbarer, statistisch aber nicht eindeutiger Nutzen.
Hinzu kam Anfang August eine ganz andere Art von Belastung: Berichte über Fusionsgespräche mit dem US-Konkurrenten Bristol Myers Squibb, die ein Unternehmen von rund 400 Milliarden Dollar Wert geschaffen hätten. Die Aktie verlor daraufhin bis zu 7% – die Anleger reagierten also nicht auf ein operatives Problem, sondern auf die Sorge um strategische Verwässerung. Jefferies nannte sich „perplex“, Citi sprach von einer Überraschung angesichts der erstklassigen eigenen Pipeline. Wenige Tage später dementierte eine mit dem Vorgang vertraute Person gegenüber Reuters, dass es überhaupt Gespräche gegeben habe. Dass institutionelle Adressen die tieferen Kurse durchaus nutzen, zeigt der Einstieg von Barings: rund 143.000 Aktien im Wert von etwa 28 Millionen Dollar.
- Onkologie wächst mit 15 % und trägt den Konzern
- Enhertu rückt mit DESTINY-Lung04 in die Erstlinie vor
- Breite Pipeline federt einzelne Ausfälle ab
- Bewertung nach 25 % Kursrückgang deutlich entspannt
- 30 Zulassungen seit dem Jahresende 2025
- Zwei Phase-III-Fehlschläge in fünf Wochen
- Kardiologie-Programm als Wachstumssäule geschwächt
- Umsatzziel 2030 hängt an wenigen Schlüsselprodukten
- Patentverluste bei Farxiga, Preisdruck in China
- Übernahmefantasien belasten statt zu stützen
Fazit: Der Studienstopp ist die kleinere Nachricht
Die eigentliche Belastung sitzt woanders. Der Wainua-Fehlschlag hat eine ganze Wachstumssäule beschädigt, und die Übernahmespekulationen haben gezeigt, wie nervös der Markt geworden ist. Zusammen haben diese beiden Dinge ein Viertel der Bewertung gekostet – bei einem Unternehmen, das im Halbjahr bereinigt 11% Umsatz- und 11% Ergebniswachstum ausgewiesen hat.
Für langfristig orientierte Anleger, die Rückschläge in der Forschung als Teil des Geschäftsmodells akzeptieren und nicht als Betriebsunfall, ist der Titel bei einem KGV von rund 15 und nur knapp über dem Jahrestief interessanter geworden, als er es seit Langem war. Wer dagegen auf Planbarkeit setzt, sollte abwarten, wie die vollständigen Wainua-Daten beim europäischen Kardiologie-Kongress aufgenommen werden… denn dort entscheidet sich, ob aus dem Rückschlag ein Totalverlust wird oder eine Fußnote.
Am Ende gilt in der Pharmabranche eine simple Rechnung: Eine Pipeline wird nicht danach bewertet, wie viele Studien gelingen, sondern danach, ob die richtigen gelingen!
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