Europas übersehene KI-Gewinner – US-Aktien rund 50% teurer bewertet als europäische Titel

Europäische Aktien haben in den letzten Monaten deutlich zugelegt. Die Berichtssaison für das erste Quartal verlief sowohl in den USA als auch in Europa sehr stark und bestätigte damit die wirtschaftliche Erholung.

Gleichzeitig kam es zu einer gewissen Umschichtung von Mitteln weg von den USA, da Europa von anderen Entwicklungen und Sektoren geprägt ist als der US-Markt, somit aber eine Möglichkeit bietet, das Portfolio abseits des Technologiesektors zu diversifizieren.

 

Europäische Aktien bleiben im Vergleich zu US-Titeln historisch günstig

Im historischen Vergleich ist Europa allerdings relativ gesehen immer noch sehr günstig gegenüber den USA. Die Differenz hat sich angesichts des außergewöhnlich starken Gewinnwachstums in den USA zwar geringfügig verringert, doch beträgt der Unterschied zwischen den beiden Regionen immer noch mehr als das 6-Fache des Kurs-Gewinn-Verhältnisses – ein Rekordabstand im historischen Vergleich.

Eine gute Gewinnentwicklung weisen die Sektoren Industrie, Halbleiter und Versorger auf, die durch einen starken Investitionszyklus mit hoher Planbarkeit gestützt wird.

Auch Banken befinden sich angesichts der Aussicht auf höhere oder stabile Zinsen weiterhin in einer guten Position.

Europäische Halbleiterhersteller sind die Hauptnutznießer der KI, ebenso wie Industrieunternehmen, die an den Investitionen in Rechenzentren beteiligt sind, sowie Versorgungsunternehmen, die zur Stromversorgung der Rechenzentren beitragen.

Neben Halbleitern sind Unternehmen aus dem Bereich Elektrotechnik – ein Segment von Industrieunternehmen, das sich auf die Elektrifizierung und Stromumwandlung in Rechenzentren sowie auf die Kühlung konzentriert – besonders gut positioniert. Energieversorger, wie beispielsweise öffentliche Stromversorger, werden vom Bauboom rund um Rechenzentren profitieren.

 

Speicher-Unternehmen zum Teil überbewertet

Die Sektoren Software und Unternehmensdienstleistungen könnten weiterhin zu kämpfen haben, da KI für Umbrüche und neue Herausforderungen sorgt. Künstliche Intelligenz stellt viele etablierte Geschäftsmodelle auf die Probe, was zu erheblichen Verschiebungen in der Marktentwicklung geführt hat.

Der Sektor Software, einst ein Liebling des Marktes, hat deutlich an Wert verloren, ebenso wie viele Dienstleistungsunternehmen. Daher ist das wichtigste Qualitätsmerkmal einer Aktie ihre Fähigkeit, eine Wettbewerbsposition zu verteidigen – insbesondere angesichts möglicher Disruptionsgefahren durch KI.

Einige Segmente in der Lieferkette von Rechenzentren sind eindeutig überbewertet, wie beispielsweise Speicher und Teile des Energiemanagements, auch wenn ein Höchststand möglicherweise noch in weiter Ferne liegt.

Hier könnte der Marktoptimismus die Fundamentaldaten überholt haben.

Es ist unwahrscheinlich, dass das Preisniveau gehalten werden kann, sobald neue Kapazitäten in Betrieb genommen werden.

Die am stärksten unterbewerteten Titel könnten unter den Unternehmen zu finden sein, die als KI-Verlierer wahrgenommen werden, wie beispielsweise Softwareunternehmen, da die Risiken durch den KI-Wandel möglicherweise stark übertrieben wurden.

 

Marktkommentar von Francesco Sedati, Head of Equities bei Eurizon

Analyse der Broker-Test.de Redaktion

Wie groß der Bewertungsabschlag Europas tatsächlich ausfällt, zeigt der direkte Vergleich der beiden Leitindizes: Aktien in den USA kosten Anleger pro Euro erwarteten Gewinns derzeit rund 50% mehr als europäische Titel.

Bemerkenswert dabei: trotz dieser deutlich günstigeren Bewertung hinkt die Kursperformance in Europa dem US-Markt weiterhin hinterher – ein Widerspruch, der zeigt, dass die Bewertungslücke allein noch kein Kaufargument ist, sondern eher ein strukturelles Merkmal des Marktes bleibt.

 

Europa vs. USA: Die Bewertungslücke in Zahlen
Stoxx Europe 600 vs. S&P 500, Stand: Mitte Juli 2026
14,9x
KGV Stoxx Europe 600
▲ deutlich günstiger als USA
3,2%
Dividendenrendite Europa
▲ fast 3x höher als USA
2,3x
Kurs-Buchwert-Verhältnis Europa
▲ weniger als halb so teuer wie USA
+19,0%
12-Monats-Performance Europa (€)
▼ hinter USA (+30,6%)
Quelle: Marktdaten, Stand: Mitte Juli 2026.

 

Die Frage für Anleger lautet deshalb weniger, ob Europa günstig ist – das ist unstrittig –, sondern welche Sektoren die Bewertungslücke tatsächlich verdient in Ordnung bringen können und welche eher zu Recht abgestraft wurden. Genau hier setzt die Unterscheidung zwischen KI-Profiteuren und KI-Verlierern aus dem ersten Teil an.

 

Europäische Aktien: Chancen und Risiken entlang der KI-Lieferkette
Einordnung nach Sektoren, Stand: Mitte Juli 2026
Chancen
  • Halbleiterhersteller und Elektrotechnik-Unternehmen profitieren direkt vom Rechenzentrums-Investitionszyklus
  • Versorger mit stabilen, gut planbaren Erträgen durch den Strombedarf der Rechenzentren
  • Banken profitieren weiterhin von der Aussicht auf stabile bis höhere Zinsen
  • Rekord-Bewertungsabschlag zu den USA bietet strukturelles Aufholpotenzial bei anhaltend starker Gewinnentwicklung
Risiken
  • Software- und Dienstleistungsunternehmen stehen durch KI-Disruption unter anhaltendem Bewertungsdruck
  • Speicher-Unternehmen und Teile des Energiemanagements gelten bereits als überbewertet
  • Trotz günstiger Bewertung bleibt die Kursperformance hinter den USA zurück – die Lücke muss sich nicht zwangsläufig schließen
  • Neue Kapazitäten könnten das aktuelle Preisniveau bei überhitzten Teilsegmenten nicht halten lassen
Quelle: Eigene Auswertung auf Basis aktueller Marktdaten. Keine Anlageberatung.

 

Wie deutlich der Bewertungsabstand zwischen den beiden Regionen ausfällt, zeigt sich am besten im direkten Vergleich der wichtigsten Kennzahlen.

 

Stoxx Europe 600 vs. S&P 500 im Vergleich
Bewertung und Performance, Stand: Mitte Juli 2026
Günstiger bewertet
Stoxx Europe 600
Europa · 600 Titel
KGV14,9x
KBV2,3x
Dividendenrendite3,2%
12M-Performance (€)+19,0%
S&P 500
USA · 500 Titel
KGV22,4x
KBV5,3x
Dividendenrendite1,1%
12M-Performance (€)+30,6%
Quelle: Marktdaten, Stand: Mitte Juli 2026. Keine Anlageberatung.

 

Für bewertungsorientierte Anleger mit etwas längerem Atem bietet Europa damit weiterhin ein interessantes Aufholszenario – vorausgesetzt, die Auswahl konzentriert sich auf jene Sektoren, die tatsächlich von KI und dem Rechenzentrums-Investitionszyklus profitieren, statt pauschal auf den gesamten Markt zu setzen.

Wachstumsorientierte Anleger, die zuletzt vom Momentum der US-Technologiewerte profitiert haben, dürften dagegen abwägen müssen, ob sie einen Teil ihres Portfolios bewusst in Richtung der günstigeren, aber langsamer laufenden europäischen Substanzwerte verschieben wollen.

Am Ende bleibt es, wie schon im ersten Teil angedeutet, eine Frage der Aktienauswahl: nicht jede günstige Bewertung ist gerechtfertigt, und nicht jede teure ist es nicht.

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