7,3 Prozent: Neues Rekordhoch bei Preissteigerungen

Quirin PrivatbankDer Gang in den Supermarkt oder zur Zapfsäule ist derzeit wahrlich kein Vergnügen. Mit einer Inflationsrate von 7,3 Prozent fielen die Preissteigerungen im März 2022 so hoch aus wie lange nicht mehr.

Viele Menschen sind verunsichert – die enormen Preissteigerungen sind für jeden von uns im Portemonnaie spürbar, sie treffen Menschen mit geringerem Einkommen aber ungleich härter.

 

 

Entsprechend groß ist die mediale Aufmerksamkeit für das Thema. Nicht selten wird dabei auch von renommierten Medien suggeriert – mal recht deutlich, mal eher subtil –, dass uns diese hohen Inflationsraten nun sicher auch in den nächsten Jahren begleiten werden.

Doch das, liebe Leserinnen und Leser, ist keinesfalls ausgemacht!

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, es geht mir keinesfalls darum, die aktuelle Lage zu beschönigen oder die Inflationszahlen kleinzureden. Unser Anlagemanagement und ich, wir beobachten die aktuelle Situation sehr genau.

 


 

Die Unterstellung, die hier und da zu hören ist, dass diese hohe Inflation nun bliebe, so sicher wie das Amen in der Kirche, ist aber irreführend.

Und falls Sie deswegen besorgt sein sollten, dann hoffe ich, dass ich Ihnen diese Sorge heute ein Stück weit nehmen kann, auch wenn die 7,3 Prozent zugegebenermaßen ein wirklich dickes (Oster-)Ei sind, um es mit saisonal passenden Worten zu formulieren.

 

Inflation getrieben von Energiepreisen

Schauen wir zunächst einmal auf die Inflation selbst – wie wird sie eigentlich gemessen? Es gibt einen vom Statistischen Bundesamt definierten Warenkorb mit allen Waren und Dienstleistungen, die die Deutschen im Durchschnitt konsumieren. Diese sind entsprechend ihres tatsächlichen Anteiles an den Gesamtausgaben im Warenkorb vertreten.

Die Inflation bildet also die entsprechend gewichtete durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen ab. Deshalb kann Ihre persönliche Inflation eine ganz andere sein als meine, beispielsweise wenn ich im Moment überdurchschnittlich viel tanken würde und Sie unterdurchschnittlich viel.

 

 

Die aktuell fast in allen Bereichen spürbaren Preissteigerungen sind in erster Linie getrieben von den zuletzt explodierten Energiekosten. Diese sind allein im März 2022 um 40 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahresmonat gestiegen.

Nahezu jedes Konsumgut und jede Dienstleistung benötigt in irgendeiner Form Energie, weshalb die Energiepreissteigerungen mittelbar eben auch auf fast alle anderen Bereiche durchschlagen, vor allem auch auf die Kosten von Lebensmitteln, die gegenüber dem Vorjahresmonat im Schnitt um rund 6 Prozent gestiegen sind.

 


 

Kerninflation deutlich niedriger

In diesem Zusammenhang ist oft auch die Rede von der Kerninflation, doch was verbirgt sich dahinter? Die Kerninflation beschreibt die Preissteigerungen, bereinigt um die Bereiche Energie und Lebensmittel.

Jetzt werden Sie vielleicht denken: Das ist doch unfair, wenn gerade die Güter, die aktuell besonders teuer sind, einfach rausgerechnet werden.

Der Punkt ist jedoch, dass nicht das rausgenommen wird, was aktuell besonders stark steigt, sondern das, was immer besonders volatil ist. Und das trifft vor allem für die Bereiche Energie und Lebensmittel zu.

Wären die Preise anderer Güter besonders volatil, würden diese rausgerechnet. Zudem kann es ja auch sein, dass die Energiekosten oder die Lebensmittelpreise mal wieder sinken – dann treiben sie die Inflation nicht mehr, ja würden sie sogar dämpfen, und werden trotzdem bei der Berechnung der Kerninflation nicht berücksichtigt.

Dieses Rausrechnen der besonders volatilen Posten führt dazu, dass die Kerninflation deutlich weniger schwankungsanfällig und damit das verlässlichere Maß ist, wenn es darum geht, breiter angelegte und hartnäckigere Inflationstrends zu erkennen.

So lag die Kerninflation im März bei 3,4 Prozent, nachdem sie im Februar 3,0 Prozent betragen hatte. Damit fällt sie zwar eindeutig spürbar höher aus als üblich – historisch gesehen liegt sie in der Regel bei 1 bis 2 Prozent –, meines Erachtens aber ist das, Stand heute, noch kein Grund, sich große Sorgen zu machen.

 

 

Inflationserwartungen sind intakt

Die noch relativ moderate Entwicklung der Kerninflation ist der Hauptgrund, warum ich trotz der aktuellen Inflationszahlen noch gut schlafen kann. Dazu kommt ein weiterer wichtiger Faktor, die Inflationserwartungen der Kapitalmarktteilnehmer.

Diese kann man aus bestimmten Kursentwicklungen an den Anleihemärkten ableiten. Diese Erwartungen gelten derzeit als stabil und intakt, denn die Marktteilnehmer erwarten für den 5-Jahres-Zeitraum, der in 5 Jahren beginnt, eine durchschnittliche Inflation in der Euro-Zone von 2,4 Prozent.

Das ist nahezu das Normalmaß, so peilt die EZB ja im Schnitt ebenfalls etwa 2 Prozent an.

Was heißt das? Das Vertrauen der Marktteilnehmer in den Geldwert des Euro und in die Notenbankpolitik ist intakt. Im Fachjargon spricht man dann davon, dass die Inflationserwartungen bei etwa 2 Prozent verankert bleiben, und das ist der eigentlich entscheidende Punkt, selbst wenn die aktuellen Inflationsraten unseren Puls nach oben treiben.

In gewisser Weise sind diese sogenannten impliziten Inflationserwartungen ein guter Indikator, ob und inwieweit wir uns in der Hinsicht langfristig Sorgen machen müssen.

 

 

Alles in allem lässt sich also sagen: Ja, wir erleben gerade eine hohe Inflation und eine leicht erhöhte Kerninflation, aber die erwähnten Inflationserwartungen sind ein deutlicher Hinweis, dass dies nicht zwingend auf Dauer so bleiben muss.

Und auch die Energiepreise werden aus meiner Sicht nicht dauerhaft auf einem derart hohen Niveau verharren.

 

Anleger sollten Inflation immer im Auge behalten

Und dennoch gilt: Niemand kann hellsehen, auch wir nicht. Niemand weiß, ob und wann die Inflationsraten wieder spürbar sinken werden.

Für die weitere Inflationsentwicklung ist es ganz entscheidend, wie der Krieg in der Ukraine weiter verläuft und wie sich Corona in China entwickelt, wo es erneut zu einem größeren Ausbruch gekommen ist.

Was wir aber mit Sicherheit wissen, ist, dass es für Anleger – und ich meine Anleger, nicht Konsumenten – letztlich unerheblich ist, ob die Inflation 2, 5 oder 8 Prozent beträgt.

 


 

Denn auch eine niedrigere und damit aus Anlegersicht vermeintlich nicht so schlimme Inflation vernichtet Vermögen, wenn es auf entsprechenden Konten geparkt wird.

Die Kombination von Niedrig- oder Minuszins und Inflation lässt die Vermögenswerte deutscher Anleger auf Giro-, Spar- und Tagesgeldkonten stetig schrumpfen, und das nicht erst, seitdem die Inflation 7,3 Prozent beträgt.

Vielmehr zeigt der Blick auf die Realverzinsung, dass wir bereits seit mehr als 10 Jahren in einer Welt mit negativen Realzinsen leben.

 

 

Was bedeutet das konkret?

 

Wenn Sie heute 100.000 Euro auf dem Girokonto liegen haben, hat dieses Vermögen in 10 Jahren – selbst unter der Annahme einer moderaten Inflation von 2 Prozent, von der wir momentan weit entfernt sind – nur noch eine Kaufkraft von rund 82.000 Euro, ein „Verlust“ von 18 Prozent.

Es ist also nicht nur bei hohen Inflationsraten problematisch, Geld auf vermeintlich sicheren Konten zu parken, sondern auch bei moderaten.

Um das eigene Vermögen vor einem inflationsbedingten Wertverfall zu schützen, sollten Anlegerinnen und Anleger je nach persönlichem Risikoprofil in Aktien investieren.

So können sie am unternehmerischen Wachstum partizipieren – und zwar unabhängig davon, ob die Inflation 2 oder 8 Prozent beträgt.

So leidlich die aktuelle Situation für uns alle ist, so hoffe ich, dass die hohen Inflationsraten den einen oder anderen Sparer jetzt doch endlich aufschrecken und dazu führen, dass weniger Geld auf Konten geparkt wird, die den Wert täglich schrumpfen lassen, und das Kapital stattdessen gewinnbringend in Aktienanlagen investiert wird.

 

Autor: Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank und Gründer von quirion

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