Brent unter 100 US-Dollar: Aber wie lange noch?
In den letzten zwei Monaten hat Öl seinen Spitznamen „Schwarzes Gold“ zweifellos einmal mehr verdient. Der Konflikt im Nahen Osten hat den Preis für den Energieträger auf Höhen katapultiert, die wir seit dem Sommer 2022 nicht mehr gesehen haben. Stand Brent Ende Februar noch bei knapp über 60 US-Dollar, notierte es am 4. Juni um 95 US-Dollar – nachdem der Preis an den kritischsten Punkten des Konflikts kurzzeitig sogar die Marke von 110 US-Dollar durchbrochen hatte.
Da sich nun offenbar ein Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran am Horizont abzeichnet, wächst unter Anlegern die Hoffnung, dass der Höhepunkt der Ölpreis-Rallye endlich überstanden ist. Doch wie die Seitwärtsbewegung der letzten Wochen zeigt, dürfte es deutlich komplizierter sein, den Ölschock zu beenden, als ihn auszulösen.
In diesem Artikel beleuchten wir all diese Schlüsselfaktoren und wagen einen Ausblick auf die weitere Preisentwicklung von Öl im Vorfeld der wichtigen, nachfragestarken Sommer-Reisesaison auf der Nordhalbkugel und darüber hinaus.
Brent Öl Chart
Eine neue Normalität
Bitcoin mag nach wie vor das bevorzugte Asset für Volatilitäts-Trader sein, doch Öl ist wieder einmal zum wichtigsten geopolitischen Vermögenswert der Welt avanciert. Nach einer der unberechenbarsten Marktphasen seit Sommer 2022 bewegt sich Brent derzeit weitgehend seitwärts zwischen 90 und 100 US-Dollar pro Barrel.
Nach Ausbruch des Krieges im Nahen Osten explodierten die Preise kurzzeitig auf über 120 US-Dollar. Berichten zufolge wurden im Intraday-Handel sogar Spitzenwerte von 125 bis 128 US-Dollar erreicht, als die Eskalation im Konflikt zwischen dem Iran und den USA eine mehrmonatige Schließung der Straße von Hormus befürchten ließ.
Das prägende Merkmal des Marktes in den letzten zwei Wochen war jedoch nicht der Preisanstieg an sich, sondern die heftigen Kurskorrekturen nach unten, sobald Gerüchte über einen Waffenstillstand oder ein Schifffahrtsabkommen aufkamen. So fiel Brent Anfang dieser Woche in nur einer Handelssitzung um mehr als 5% und tauchte kurzzeitig auf ein deutlich natürlicheres Niveau im hohen 80er-Bereich ab, nachdem staatliche iranische Medien andeuteten, dass ein Friedensentwurf die Öffnung der Straße von Hormus innerhalb eines Monats ermöglichen könnte.
Das Problem: Die Händler trauen den Schlagzeilen – oder den verdächtig regelmäßigen Freitagnachmittags-Kommentaren von Präsident Trump, die Frieden versprechen – nicht mehr vollends über den Weg. Die physischen Störungen bleiben gravierend, die Kosten für Schiffsversicherungen liegen weiterhin deutlich über dem Niveau von vor einem Jahr, und mehrere Analysten argumentieren inzwischen, dass selbst ein formeller Waffenstillstand die Energieflüsse aus der Golfregion voraussichtlich nicht vor weit in das Jahr 2027 hinein normalisieren würde.
Das erklärt, warum sich Öl nach jedem Abverkauf immer wieder kräftig erholt. Der Markt entfernt sich allmählich davon, eine unmittelbare Katastrophe einzupreisen, und geht zunehmend dazu über, eine anhaltende strukturelle Beeinträchtigung der Angebotskapazität zu bewerten. Die globalen Lagerbestände wurden während des Konflikts bereits massiv abgebaut; manchen Schätzungen zufolge gingen die Vorräte in Phasen des stärksten Abbaus um 4–5 Millionen Barrel pro Tag zurück, da Verbraucherländer auf ihre Reserven zurückgriffen, um den Markt zu stabilisieren.
Gleichzeitig haben Infrastrukturschäden in Teilen der Golfregion die Sorge verstärkt, dass ein Teil der ausgefallenen Produktion selbst bei einer diplomatischen Entspannung nicht rasch zurückkehren könnte. Das ist ein entscheidender Tonwechsel gegenüber dem Jahresbeginn. Der Markt wird nicht mehr nur von der Angst vor Unterbrechungen getrieben, sondern zunehmend von der Möglichkeit, dass ein Teil der Störungen, die wir gesehen haben, inzwischen semipermanent geworden ist.
Nutze sie oder verliere sie
Diese Realität bringt OPEC+ in eine sehr starke Position. Laut Reuters erwägen mehrere Mitgliedstaaten beim nächsten Treffen offenbar eine moderate Produktionsausweitung um rund 188.000 Barrel pro Tag , doch Händler bleiben skeptisch, dass dies die ausfallenden Lieferungen aus der Golfregion, die fast ein Viertel des globalen Ölangebots ausmachen, nennenswert kompensieren kann.
Noch wichtiger ist jedoch, dass die freien Kapazitäten selbst zunehmend Anlass zur Sorge geben. Analysten schätzen inzwischen, dass die effektiven freien OPEC-Kapazitäten auf 2,5 Millionen Barrel pro Tag sinken könnten. Das ist entscheidend, weil es die Fähigkeit des Marktes verringert, plötzliche Preisschocks abzufedern.
In früheren Krisen konnten Händler relativ sicher davon ausgehen, dass Saudi-Arabien und seine Verbündeten den Markt letztlich mit zusätzlichem Angebot fluten würden, um angebotsseitige Ausfälle auszugleichen. Diesmal wächst jedoch die Unsicherheit darüber, wie viel tatsächlich einsetzbares Angebot noch vorhanden ist und wie schnell es die Abnehmer erreichen könnte, solange die Schifffahrt durch Hormus beeinträchtigt bleibt.
Vor diesem Hintergrund haben makroökonomische Bedingungen eine ungewöhnlich große Bedeutung erlangt. Ein starker US-Dollar und weiterhin hohe Renditen von US-Staatsanleihen bremsen weiteres Aufwärtspotenzial, weil Händler zunehmend befürchten, dass ein dauerhaftes Ölpreisniveau von über 100 US-Dollar Nachfragezerstörung auslösen könnte, insbesondere in Europa und Teilen Asiens.
Unterdessen sind die US-Rohöllagerbestände weiter gesunken; das API meldete kürzlich einen weiteren Abbau um 2,8 Millionen Barrel, was den sechsten wöchentlichen Rückgang in Folge markiert. Das Ergebnis ist ein Markt, der zwischen gegenläufigen Kräften gefangen ist: strukturell knappem Angebot und fragiler globaler Nachfrage. Sollte die Diplomatie spürbare Fortschritte machen und ein Teil der Lieferungen aus der Golfregion wieder aufgenommen werden, könnte sich Brent mittelfristig wieder in der Spanne von 85–95 US-Dollar stabilisieren.
Scheitern die Gespräche jedoch oder halten die Störungen in der Schifffahrt bis in die sommerliche Nachfragesaison an, könnte der Markt die Spanne von 110–130 US-Dollar rasch erneut testen, insbesondere angesichts der stark geschrumpften Lagerbestände und freien Kapazitäten. Der entscheidende Unterschied zwischen heute und früheren Energieschocks besteht darin, dass dies nicht mehr wie ein kurzlebiger geopolitischer Preissprung aussieht. Zunehmend scheint der Markt dies als länger anhaltende Neuordnung der globalen Öllogistik und der Risikobewertung zu behandeln.
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