Doppelte Belastung für Öl: Rally setzt sich fort

Falls der Ölmarkt Anfang dieses Jahres volatil erschien, lassen die vergangenen Wochen dies wie Routine wirken. Nachdem die Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) zwischen Washington und Teheran eine reibungslose Wiederöffnung der Straße von Hormus in Aussicht gestellt und Brent kurzzeitig auf knapp über 70 USD gedrückt hatte, ist der Konflikt nun mit voller Wucht erneut aufgeflammt – und hat den Ölpreis mit nach oben gezogen. Brent stieg am Mittwoch (29. Juli) innerhalb einer einzigen Sitzung um 7,9 % auf einen Schlusskurs von 90,74 USD, nachdem Trump nach einem Angriff mit ballistischen Raketen auf US-Streitkräfte angekündigt hatte, Iran hart zu treffen.

Am 30. Juli wurde Brent bei 89,43 USD gehandelt – ein Plus von mehr als 18 % allein im vergangenen Monat. Am 23. Juli überschritt Öl erstmals seit Mai die Marke von 100 USD je Barrel, nachdem Jemens Huthi-Rebellen saudische Schiffe im Roten Meer angegriffen hatten.

Damit drohte eine weitere wichtige Route für Ölexporte wegzufallen, die durch die beinahe vollständige Schließung der Meerenge bereits stark eingeschränkt sind.

Was im Februar als Krise mit einem einzigen Engpass begann, hat sich zu einer deutlich gefährlicheren Lage entwickelt, und der Markt beginnt gerade erst, deren Bedeutung einzupreisen.
Im Großen und Ganzen wird die Situation von zwei Faktoren bestimmt, die sich inzwischen auf besorgniserregende Weise gegenseitig verstärken.

Die erste ist der fragile Zustand der immer wieder verletzten Waffenruhe. Die zweite sind die strukturellen Schäden bei Angebot und Nachfrage, die der Konflikt den globalen Energiemärkten bereits zugefügt hat.

Keine der beiden Entwicklungen wird sich rasch auflösen, und beide haben erhebliche Auswirkungen auf den weiteren Ölpreisverlauf.

Eine Waffenruhe nur dem Namen nach

Das MoU vom Juni sollte einen Wendepunkt markieren, ist jedoch leider zu einem Paradebeispiel für die Kluft zwischen diplomatischen Dokumenten und der Realität geworden. Als die Waffenruhe unter gegenseitigen Vorwürfen von Verstößen rasch zerbrach, wurden die Angriffe auf Tanker in der Meerenge wieder aufgenommen. Iranisch unterstützte Milizen im Irak griffen zudem Ölanlagen in den saudischen Regionen Riad und im Osten mit Drohnen an, worauf gemeinsame Vergeltungsschläge der USA und Saudi-Arabiens folgten. Die Huthi erklärten unterdessen ein Seeembargo gegen Saudi-Arabien und bekannten sich zu Angriffen auf zwei Tanker im Roten Meer. Laut Rystad Energy stehen dadurch rund 2,5 Millionen Barrel saudischer Ölexporte pro Tag auf dem Spiel – zu einer Zeit, in der der Verkehr durch die Straße von Hormus ohnehin stillsteht. Saudi-Arabien bestätigte, dass seine Ölförderkapazität nach Angriffen auf Energieanlagen um rund 600.000 Barrel pro Tag gesunken ist. Zudem wurde eine wichtige Pipeline getroffen, die die Straße von Hormus umgehen soll.

 

Brent Öl Chart

 

In ihrer Gesamtheit sind die Folgen dieses Embargos an zwei Fronten gravierend. Die Straße von Hormus und die Meerenge von Bab al-Mandab stehen zusammen für fast 40 % des weltweiten Ölangebots. Da beide Meerengen und die East-West-Pipeline als Ausweichroute unmittelbar bedroht sind, ist bei einer erneuten Eskalation kaum eine Obergrenze für den Ölpreis erkennbar. Iran hat zudem Omans Vorschlag einer gemeinsamen Kontrolle der Straße von Hormus im Verhältnis 50:50 abgelehnt. Teheran besteht darauf, die volle Kontrolle über die einlaufende Schifffahrtsroute und einen Teil der auslaufenden Route zu behalten. Damit bleibt kaum Spielraum für einen Kompromiss, der eine Normalisierung des Handelsverkehrs ermöglichen würde. API-Daten zufolge sanken die US-Rohölbestände vergangene Woche um weitere 3,3 Millionen Barrel. Das deutet auf eine anhaltende Marktverknappung hin, obwohl Berichten zufolge neue diplomatische Gespräche laufen. Und wenn die vergangenen fünf Monate dem Markt eines gelehrt haben, dann, dass solche Gespräche mit erheblicher Skepsis betrachtet werden sollten.

Nachfragezerstörung und das Angebotsparadox

Hinter der Schlagzeilenvolatilität durch Tankerangriffe und Trumps unablässige Ultimaten zeigt sich am globalen Ölmarkt ein strukturelles Bild voller widersprüchlicher Signale, die Prognosen besonders schwierig machen. Auf der Nachfrageseite sind die Kriegsschäden, wie die jüngsten Daten zeigen, erheblich. Die EIA prognostiziert für 2026 einen durchschnittlichen Rückgang des weltweiten Ölverbrauchs um 1,2 Millionen Barrel pro Tag. Davon entfallen 0,8 Millionen Barrel pro Tag auf Nicht-OECD-Volkswirtschaften; Asien ist aufgrund seiner geografischen Anfälligkeit für Versorgungsstörungen am Golf am stärksten betroffen. Obwohl die IEA für die sommerliche Reisesaison eine saisonale Erholung des Verbrauchs erwartet, dürfte die weltweite Ölnachfrage im Gesamtjahr um 1 Million Barrel pro Tag sinken. Die Erholung hängt vollständig von der riskanten Annahme ab, dass sich die Durchflüsse durch die Meerenge allmählich normalisieren.

Auf der Angebotsseite ist das Bild ebenso unklar. Das weltweite Ölangebot dürfte 2026 im Durchschnitt um 3,9 Millionen Barrel pro Tag auf 102,4 Mio. Barrel pro Tag sinken. Die Angebotsausfälle am Golf wurden jedoch teilweise durch ein starkes Wachstum außerhalb der OPEC+ in Nord- und Südamerika ausgeglichen: Freigaben aus der strategischen US-Erdölreserve sowie die ausgeweitete Förderung in Brasilien, Kanada und Guyana haben die Rohölexporte aus dem Atlantikbecken in Märkte östlich von Suez seit Kriegsbeginn um 3,5 Mio. Barrel pro Tag erhöht. Auch die OPEC+ steht vor einem ironischen Dilemma.

Ein Großteil ihrer theoretischen freien Kapazitäten befindet sich ausgerechnet in den Golf-Feldern, die wegen des Konflikts entweder stillgelegt oder nicht zugänglich sind. Die IEA stellte fest, dass die Raffineriemargen auf den höchsten Stand seit vier Jahren gestiegen sind.

Die Märkte für Diesel und Benzin haben sich deutlich verknappt, obwohl der Rohölmarkt besser versorgt erscheint.

Diese Diskrepanz ist vor allem darauf zurückzuführen, dass wichtige Exportraffinerien am Golf ihren Betrieb noch nicht wieder aufgenommen haben. Anlegern bleibt nur, auf einen nachhaltigen diplomatischen Durchbruch zu warten, der die Flut von Waffenstillstandsgerüchten und bombastischer Rhetorik durchbricht.

Die EIA erwartet, dass die Nachfrage 2027 um 2,0 Millionen Barrel pro Tag steigen wird, sobald die Preise nachgeben und sich die Lieferströme vollständig erholen. Diese Annahme setzt jedoch einen Frieden voraus, den offenbar keine der beiden Seiten auch nur annähernd herbeiführen kann.

 

WTI Öl Chart

 

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