Erstrahlt Gold in neuem Glanz?

GAM: In Finanzkreisen wird Gold oft lapidar als «das gelbe Metall» bezeichnet. Gold ist jedoch weit mehr als nur ein Rohstoff: Es ist das Edelmetall schlechthin. Seit seiner Entdeckung in der Jungsteinzeit vor rund 12.000 Jahren wurden weltweit nur 190.000 Tonnen abgebaut.

Aufgrund seiner besonderen Eigenschaften (beständig, glänzend, formbar und selten) ist Gold eines der ältesten Tauschmittel. Goldreserven wurden schon immer als Währungsabsicherung von Münzgeld und Banknoten verwendet.

Obwohl der «Goldstandard» inzwischen seine Allgemeingültigkeit verloren hat, halten Staaten nach wie vor erhebliche Goldreserven. Aus diesem Grund werden der Goldpreis und die damit verbundenen Erwartungen unverändert durch Zentralbankmassnahmen beeinflusst.

Erst kürzlich sorgte der Vorschlag des italienischen Vizepremiers Matteo Salvini (Parteivorsitzender der Lega Nord und einer der eher umstrittenen Politiker des Landes) am Goldmarkt für Wirbel. Er forderte die italienische Zentralbank zum Verkauf ihrer Goldreserven zur Finanzierung der geplanten Staatsausgaben auf.

Die Banca d’Italia verfügt mit ca. 2.400 Tonnen nach der US-Notenbank (Fed) und der Deutschen Bundesbank über die drittgrössten Goldbestände der Welt. Ein Abverkauf in diesem Umfang würde sich zweifellos erheblich auf den Goldpreis auswirken.

 


 

Allerdings entspricht der aktuelle Barwert (von ca. EUR 93 Milliarden) nur rund 4% der Staatsverschuldung Italiens. Ein Goldverkauf der Notenbank wäre also keineswegs eine Lösung für das Schuldenproblem des Landes.

Im Gegenteil: Nach unserer Einschätzung könnte ein solcher Schritt dem Land sogar zusätzliche Schwierigkeiten bereiten. Artikel 30 des EU-Vertrags verlangt eindeutig die Unabhängigkeit der nationalen Zentralbanken und verbietet jegliche Form der Staatsfinanzierung.

Salvini hat in den vergangenen Monaten wiederholt deutlich gemacht, dass ein EU-Austritt Italiens für ihn ausgeschlossen ist. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass die Marktteilnehmer seine Äusserungen über einen möglichen Goldverkauf durch die Banca d’Italia getrost ignorieren können.

Vielmehr haben im Jahr 2018 Zentralbanken weltweit ihre Goldreserven durch erhebliche Zukäufe um 650 Tonnen aufgestockt (eine Steigerung von 74% gegenüber 2017). Dies entspricht ungefähr 15% der globalen Nachfrage.

Dabei handelt es sich um das zweitgrösste Volumen, das jemals innerhalb eines Kalenderjahres erworben wurde. Es wird nur durch das Volumen übertroffen, das im Jahr 1967 erworben wurde, als der Dollar noch an den Goldpreis gebunden war.

Schätzungen zufolge verfügen die Zentralbanken insgesamt über 34 000 Tonnen an Goldreserven – eine Zahl, die angesichts der vermehrten geopolitischen Spannungen (Gold erweist sich häufig als «der ultimative sichere Hafen») und robusteren Schwellenländerwährungen (die eine geringere Unterstützung durch die Notenbanken benötigen) weiter steigen dürfte.

 

 

Ein besseres Jahr als 2018?
Weshalb hat der Goldpreis, obwohl viele Zentralbanken 2018 als äusserst aktive Goldkäufer auftraten, im Kalenderjahr dennoch leicht nachgegeben? Die Antwort darauf erklärt nicht nur diese scheinbare Anomalie, sondern liefert auch Hinweise auf den Ausblick. Die Geldpolitik der grossen Zentralbanken der Welt beeinflusst die Goldpreisentwicklung meist stärker als deren Umgang mit den Goldreserven.

Darüber hinaus besteht ein besonderer Zusammenhang zwischen Gold und dem US-Dollar. Dadurch kommt der Fed-Politik eine massgebliche Bedeutung zu, da der Preis von Gold (und anderen Rohstoffen) in US-Dollar festgestellt wird. Steigt der Dollar gegenüber anderen globalen Währungen, wird Gold (in Nicht-USD-Währungen) teurer, was die Nachfrage naturgemäss begrenzt.

Ebenso wenig darf ausser Acht gelassen werden, dass Gold eine «renditelose Währung» darstellt, also keinen laufenden Ertrag (Zinsen, Dividenden etc.) abwirft. Das bedeutet, dass durch das Halten von Goldbeständen in Zeiten steigender Zinsen Opportunitätskosten entstehen.

Im Jahr 2018 hob die Fed nicht nur den Leitzins viermal an, sondern straffte die Geldpolitik zusätzlich durch kontinuierliche Bilanzverkürzung. Diese Entscheidungen wurden als Versuch gewertet, einer möglicherweise steigenden Inflation vorzugreifen, die die Realzinsen auf kurze Frist unweigerlich ansteigen lassen würde.

Mittlerweile haben die Fed und die meisten anderen Notenbanken angesichts der sich abschwächenden Weltwirtschaft jedoch einen vorsichtigeren Kurs zur «geldpolitischen Normalisierung» eingeschlagen. Die Gefahr, dass die globale Geldpolitik vorsorglich gegen einen Inflationsanstieg eingesetzt wird, scheint daher vorerst gebannt zu sein.

Korrigierte Erwartungen hinsichtlich der Realzinsen und der Entwicklung des US-Dollars haben im aktuellen Jahr eine Goldpreisrally ausgelöst, die durch die Nachfrage von Zentralbanken und anderen Anlegern auf der Suche nach «sicheren Häfen» verstärkt werden könnte. Wir halten es in diesem Zusammenhang für sinnvoll, sich zu vergegenwärtigen, dass Gold (und Rohstoffe im Allgemeinen) Sachwerte sind, die in traditionellen Anlageportfolios eine ausgezeichnete Diversifikationsmöglichkeit und Verlustminderung bieten.

 


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