USA: Neue Fakten = neue Prognosen für Wirtschaftswachstum und Zinsen

Die Aussage “When the facts change, I change my mind – what do you do, sir?” wird gerne dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes zugeschrieben. Ob er dies wirklich gesagt hat, ist umstritten. Aber es passt (leider) nur zu gut zur aktuellen Lage.

Wir hatten ausgerechnet am 27. Februar an dieser Stelle unsere US-Prognosen aktualisiert. Donald Trump nahm darauf überraschenderweise keine Rücksicht, als er für den nächsten Tag den Befehl zum Angriff auf den Iran gab. Wir haben auf den Krieg im Nahen Osten und seine Folgen für die Weltmärkte dann am 13. März mit geänderten Annahmen zu den Ölpreisen und neuen Inflationsprognosen reagiert.

Aber dieser erste Schritt stellt sich angesichts der bis zuletzt andauernden Kampfhandlungen mittlerweile als unzureichend heraus. Im Geiste Keynes haben wir deshalb unsere Einschätzungen noch einmal überprüft. Ausgangspunkt der neuen Prognosen ist ein höheres Profil für die Energiepreise.

Selbst wenn der Konflikt im Nahen Osten zeitnah endet und die Straße von Hormus zügig wieder frei befahrbar wird, sind Produktions- und Transportinfrastruktur beschädigt worden. Es wird daher eine Weile dauern, bis sich der Ölpreis wieder normalisiert.

 

 

Öl, Benzin, Dünger: Golfkonflikt erhöht US-Inflationsprognose

Während der Erdgaspreis in den USA nur geringfügig gestiegen ist, haben dort die Heizöl- und vor allem die Benzinpreise spürbar zugelegt. Darüber hinaus zeichnet sich durch die Lieferunterbrechung bei den am Persischen Golf hergestellten Düngemitteln zusätzlich ein Preisschub bei Nahrungsmitteln ab. Auch in anderen Sektoren bzw. bei anderen Produktkategorien spielt die Golfregion wegen ihrer niedrigen Energiepreise global eine wichtige Rolle. Hier kommt es zu Engpässen und/oder kräftigen Preisanstiegen.

All dies dürfte dazu führen, dass unsere erste Anpassung der US-Inflationsprognose vor zwei Wochen zu kurz greift. Wir heben die Prognose für das Plus beim Gesamtindex 2026 daher erneut um zwei Zehntel an. Mit 3,1% im Jahresschnitt erwarten wir nun einen um 0,4 Prozentpunkte höheren Anstieg der Verbraucherpreise als vor dem Krieg. Dies reflektiert höhere Energie-, Nahrungsmittel- und Kernpreise. 2027 dürfte die Teuerung bei 2,5% liegen.

 

 

Obwohl die USA seit 2019/2020 ein Nettoexporteur von Energie sind, wird der aktuelle Ölpreisschock die US-Konjunktur per saldo belasten. Die Realeinkommen der Haushalte, durch den geringen Stellenaufbau eh schon gedämpft, geraten durch den Inflationsschub unter Druck.

Die angesichts anhaltender Klagen vieler Konsumenten über die „affordability“ sowieso schon mäßige Stimmung sollte sich zusätzlich eintrüben. Der private Konsum wird darunter leiden. Positive Effekte in der Öl- und Gasproduktion bzw. -verschiffung können dies nicht kompensieren.

 

Weniger Wachstum, mehr Inflation: Fed kann 2026 nicht lockern

Wir senken vor diesem Hintergrund unsere Prognose für den Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts 2026 von 2,3% auf 2%. Weniger Wachstum und mehr Inflation verschärfen den Zielkonflikt der Fed. Zwar würde die Notenbank gerne durch den Inflationseffekt des Angebotsschocks „hindurchsehen“. Da die Verbraucherteuerung jedoch nunmehr schon seit fünf vollen Jahren ununterbrochen oberhalb des Fed-Ziels von 2% liegt, hat sie diesen Luxus wohl nicht.

Wir gehen davon aus, dass die Sorgen um den Arbeitsmarkt kurzfristig groß genug bleiben, um eine Zinserhöhung zu verhindern. Die bis vor kurzem von Marktteilnehmern, Ökonomen und – zumindest bis zur FOMC-Sitzung am 17./18. März – auch von einer Mehrheit der Geldpolitiker erwartete weitere Lockerung 2026 dürfte jedoch wegen des bevorstehenden merklichen Anziehens der Teuerung unterbleiben.

Dies wird der designierte nächste Fed-Chef Kevin Warsh dem Präsidenten erklären müssen, der seit langem (und zuletzt unmittelbar nach seinem Angriff auf den Iran und dem Sprung bei den Rohölnotierungen) sofortige Zinssenkungen fordert.

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