Aktie im Fokus: 25 Jahre Telekom – Lernkurve für Anleger

Quirin PrivatbankRund 25 Jahre ist es her, da wurde Bill Clinton in den USA als Präsident wiedergewählt. In Schottland wurde mit dem Schaf Dolly das erste geklonte Säugetier der Welt geboren.

Deutschland wurde im altehrwürdigen Wembley-Stadion zum dritten Mal Fußball-Europameister. Und mit „Deep Blue“ bezwang erstmals ein Schachcomputer einen Schachweltmeister, den Russen Garri Kasparow.

Sie vermuten richtigerweise, dass wir uns in unserem heutigen Logbuch nicht mit diesen Geschehnissen befassen wollen. Es geht vielmehr um ein anderes besonderes Ereignis aus dem Jahr 1996, im Zuge dessen viele Deutsche erstmals die Börse für sich entdeckten:

Fast auf den Tag genau vor 25 Jahren (am 18. November 1996) fiel nämlich an der Börse der Startschuss für die Telekom-Aktie.

 

Ein Börsengang mit Fanfaren und einer gigantischen Werbetrommel

35 Jahre nach dem Börsengang der ersten deutschen „Volksaktie“ mit dem passenden Namen Volkswagen bemühte sich der Bund zum zweiten Mal, eine Aktie unters Volk zu bringen. Mit der Privatisierung der Deutschen Telekom sollte ordentlich Geld in die – wie so oft – klammen Staatskassen gespült werden, was letztlich ja auch gelang.

Vielen Anlegerinnen und Anlegern dürfte der Aufstieg und Fall der T-Aktie noch in Erinnerung sein – aufgrund des vergleichsweise kurzen (aber sehr heftigen) Höhenflugs und der anschließenden rasanten Talfahrt mit dem bis heute andauernden Verweilen in der Talsohle wohl eher in schmerzhafter als in guter.

Viele haben sich seitdem geschworen: „Nie wieder Aktien!“

Eine starke Beteiligung von Privatanlegern war vom Bund beim Telekom-Börsengang ausdrücklich gewünscht. Die gigantische Werbe- und Informationsoffensive, die hierzulande in Sachen Aktienmarketing bis heute ihresgleichen sucht, und die gewährten Rabatte auf den Ausgabekurs (in Verbindung mit bestimmten Haltefristen) verfehlten ihr Ziel nicht.

Zu den Werbeträgern gehörte beispielsweise auch der Schauspieler und seinerzeitige Publikumsliebling Manfred Krug … Sie erinnern sich? Er sollte dem angestaubten Image der von der staatlichen Post abgespaltenen Telekom mehr Flair verleihen.

Seine rhetorische Frage „Wenn die Telekom an die Börse geht, geh ich mit – und Sie?“ nahmen dann auch zahlreiche Menschen für bare Münze. Auch diejenigen, die mit der Börse bislang nichts am Hut hatten.

Deutschland wurde regelrecht vom Börsenfieber gepackt.

Noch eine kurze Anmerkung zu Manfred Krug: Der inzwischen verstorbene Lockvogel bezeichnete seine Werbekampagne später als „größten beruflichen Fehler“ und entschuldigte sich „aus tiefstem Herzen“ bei allen Mitmenschen, die eine von ihm empfohlene Aktie gekauft hatten und enttäuscht wurden.

Er wird uns ganz sicher durch seine Schauspiel- und Jazzsängerkunst in guter Erinnerung bleiben, weniger als Aktientippgeber.

Eine weitere schillernde Persönlichkeit neben Manfred Krug war zweifelsohne Ron Sommer, der damalige smarte Vorstandschef der Telekom. Sommer gab die Parole aus: „Die T-Aktie soll eine echte Volksaktie werden.“ Auch er trug dazu bei, Millionen Bundesbürger erstmals zum Aktienkauf zu bewegen.

Der erste Börsengang der Telekom war fünffach überzeichnet und es lagen Zeichnungsaufträge von sage und schreibe 1,9 Millionen Privatanlegern vor. 43 % der zur Verfügung stehenden Aktien gingen an private Anlegerinnen und Anleger, der Rest an institutionelle Investoren.

Bei den folgenden Börsengängen 1999 und 2000, bei denen der Bund weitere Aktien ausgab, wuchs die private Beteiligungsquote dann sogar auf 54 respektive 70 % an.

Die T-Aktie startete an ihrem ersten Handelstag (18. November 1996) über ihrem Ausgabepreis von 28,50 D-Mark (14,57 Euro) und legte bis auf einen Schlusskurs von 33,90 D-Mark (17,33 Euro) zu. Danach begann an den Aktienmärkten eine bis Frühjahr 2000 andauernde Party sondergleichen.

Billiges Geld und die Gier der Investoren trieb insbesondere die Kurse von Telekom-, Medien- und Internettiteln in schwindelerregende Höhen. In Deutschland blühte der „Neue Markt“ auf, jeder wollte an der Börse schnell reich werden – die Euphorie war riesig.

Zu dieser Zeit wurden auch die Anleger mit T-Aktien glücklich, kletterte der Kurs doch bis auf ein Hoch von mehr als 100 Euro (Anfang März 2000).

 


 

Absturz mit Pauken und Trompeten

Es kam, wie es kommen musste: Als die Technologie-Blase („Dotcom-Blase“) ab Frühjahr 2000 weltweit platzte, gab es auch für die zuvor gehypte T-Aktie keinerlei Halt mehr. Vor allem für die zahlreichen Privatanleger folgte ein böses Erwachen.

Im Juni 2002 fiel der Kurs der T-Aktie unter 10 Euro, und aufgrund des Kursdebakels trat Vorstandschef Ron Sommer am 16. Juli 2002 zurück.

Die nachfolgende Grafik verdeutlicht den anfänglichen T-Aktien-Rausch und den anschließenden Katzenjammer eindrucksvoll.

 

 

Der seinerzeitigen Bundesregierung oder gar den Werbeträgern hier nun die mutwillige Schröpfung der Anlegerschar zum eigenen Vorteil vorzuwerfen, wie damals teilweise geschehen, halten wir für unangebracht – zumal man hinterher bekanntlich immer schlauer ist.

Zudem war ein Kerngedanke des Börsengangs letztlich richtig – nämlich der bis dahin kaum vorhandenen Aktienkultur in Deutschland auf die Sprünge zu helfen.

Klar ist aber auch: Bei allen löblichen Vorsätzen ging das notwendige Umsetzungsgeschick in Sachen Aktienanlage verloren. Der an sich begrüßenswerte Gedanke, weite Bevölkerungskreise für unternehmerische Beteiligungen zu gewinnen, wurde nicht verantwortungsvoll genug vermittelt.

Aktienanlagen bergen langfristig fraglos attraktive Renditechancen … aber verlässlich nur, wenn man bestimmte Regeln beachtet. Nicht von ungefähr brechen auch wir für Aktieninvestments immer wieder eine Lanze.

Aktien sind aber eben auch immer mit höheren Kursschwankungen verbunden. Das gilt zuvorderst für Investments in einzelne Aktien wie eben beispielsweise der Telekom, bei denen auch auf lange Sicht erhebliche Verluste möglich sind.

An dieser Stelle waren die Risikohinweise aller Protagonisten deutlich zu dünn gesät. Das schließt auch viele Bankberater mit ein. Denn nicht zu vergessen: Die deutschen Bankhäuser verdienten am ersten Börsengang der Telekom schätzungsweise umgerechnet 350 Millionen Euro.

Der angenehme Nebeneffekt des Einbindens der Banken bestand für die Telekom darin, dass es kaum warnende Analysten-Statements zum Börsengang gab. Solch skeptische Stimmen kamen erst wesentlich später, als die Risiken der Anlage auch für ein breites Publikum nicht mehr zu übersehen waren.

Der eiserne Grundsatz der Kapitalanlage, eine breite Risikostreuung über möglichst viele Aktien hinweg anzustreben, landete allzu häufig unter dem sprichwörtlichen Teppich (der Eigeninteressen) – oder er wurde in der damaligen Börseneuphorie schlichtweg ignoriert. Auch das zählt zur Wahrheit.

Für viele bislang unerfahrene Anleger war die T-Aktie der Türöffner zur Börse. Telekom-Aktien nahmen dabei nicht selten sogar einen hohen prozentualen Anteil im Wertpapierdepot ein – im Extremfall waren sie sogar die einzige Aktienposition.

T-Aktien waren vor allem in diesen Fällen in den Jahren nach 2000 für erhebliche Vermögensverluste verantwortlich. Denn nur die wenigsten Anleger dürften die Aktie zwischenzeitlich mit hohen Gewinnen verkauft haben.

Wie meistens bei der Aktienanlage war auch bei der T-Aktie ein gutes Timing schlichtweg reines Wunschdenken.

 


 

Die Lehren aus den Telekom-Dissonanzen

Und so hat der Börsengang der Deutschen Telekom der Aktionärskultur in Deutschland am Ende eher einen Bärendienst erwiesen. Bis heute gelten insbesondere die Geschehnisse rund um die T-Aktie als ein wesentlicher Grund dafür, warum die Deutschen so zögerlich in Aktien investieren.

Nach dem Motto „Aus Schaden wird man klug“ kann man aus heutiger Perspektive aber auch wichtige Lehren aus der Historie ziehen:

So überzeugend eine einzelne Aktie auch empfohlen wird, so langjährig erprobt das Geschäftsmodell auch sein mag, so zukunftsträchtig sich die Unternehmensstory auch anhört, so vertrauenswürdig das Management auch sein mag… Einzelinvestments sind per se immer erheblich risikoreicher, sprich schwankungsintensiver, als eine global und über viele Branchen hinweg gestreute Aktienanlage.

Und es gibt noch ein ganz entscheidendes Differenzierungsmerkmal: Keine ökonomische Logik besagt, dass sich Aktien einzelner Unternehmen von (starken) Kursrückgängen langfristig in aller Regel wieder nachhaltig erholen werden.

Einzelne Geschäftsmodelle können scheitern oder durch neue ersetzt werden, so dass die entsprechenden Aktienkurse jahrzehntelang auf niedrigem Niveau vor sich hin dümpeln – oder die betreffenden Aktiengesellschaften verschwinden am Ende sogar ganz vom Kurszettel.

Unternehmen, die heute als Technologieführer in einem Bereich gelten, können morgen schon abgehängt sein. Anders der Aktienmarkt in seiner Gänze: Die Aktienmarkthistorie zeigt, dass sich ein globales Aktienportfolio von noch so einschneidenden Krisen immer wieder nachhaltig erholen konnte.

Wir sind überzeugt davon, dass dies auch künftig so sein wird. Andernfalls müsste das marktwirtschaftliche System in sich zusammenfallen.

Dieser Risikoaspekt ist das alles entscheidende Argument gegen eine Einzelanlage in Aktien. Dass die meisten Einzeltitelengagements in aller Regel auf lange Sicht hinter einem sehr breit gestreuten Aktienportfolio performanceseitig zurückbleiben, liegt damit in der Natur der Sache.

Der Vollständigkeit halber und zur Untermauerung unserer Überlegungen möchten wir an dieser Stelle auch noch einen kurzen Blick auf den Anlageerfolg der T-Aktie im Vergleich zu einer breiter gestreuten Aktienanlage richten.

Wie bereits aus dem oben dargestellten Telekom-Chart ersichtlich, konnten Anleger über die gesamte Zeitspanne von der ersten Börsennotiz bis heute eine Rendite von rund 4,2 % p. a. für den gesamten Zeitraum erzielen. Diese Berechnung unterstellt eine (sofortige) Reinvestition der ausgeschütteten Dividenden in die T-Aktie.

Das dürfte bei Privatanlegern in der Praxis aufgrund des damit verbundenen erheblichen Aufwands und der oft kleinen Beträge jedoch kaum vorkommen. Wir unterstellen diese Vorgehensweise aber dennoch, um die maximal mögliche Rendite – bezogen auf 25 Jahre – aufzuzeigen, deren weitaus größter Anteil sich bemerkenswerterweise aus der Dividende speist.

Im Vergleich dazu erzielte der DAX in derselben Zeitspanne eine Rendite von rund 7,3 % p. a. und der MSCI World rund 8,7 % p. a.

Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass auch diese beiden Indizes noch Defizite in Bezug auf die von uns so betonte möglichst breite Risikostreuung aufweisen und alleinstehend nicht empfehlenswert sind.

Sie sind aber aufgrund langfristig verfügbarer Datenreihen (und der Zugehörigkeit der Telekom zu beiden Indizes) an dieser Stelle zur Verdeutlichung des Vorteils einer breiter gestreuten Aktienanlage durchaus gut geeignet.

 

 

Auch auf Sicht der letzten 5 Jahre schneidet die Telekom-Aktie übrigens gegenüber den beiden Aktienindizes schwächer ab.

 

 

Fazit für Ihre Vermögensanlage

Der Börsengang vor 25 Jahren, der zwischenzeitliche Höhenflug und der anschließende Absturz der T-Aktie sind eine Lehrstunde für Anlegerinnen und Anleger … auch heute noch.

Die wechselvolle Entwicklung der Telekom-Aktie bleibt ein Mahnmal für die hohen Risiken im Zusammenhang mit Einzelaktieninvestments.

Risiken, die unnötig sind, weil man sie mit einer sehr breit gestreuten Aktienanlage clever umgehen und für die man gleichzeitig keine adäquate Rendite erwarten kann.

Deshalb lautet die Lehre aus dem Telekom-Drama: Nicht dem Aktienmarkt frustriert den Rücken kehren, sondern es beim nächsten Mal besser machen … in Gestalt einer breit gestreuten Aktienanlage über viele Regionen und Branchen hinweg.

Wir nehmen von daher das T-Jubiläum zum Anlass, Sie zu einer Überprüfung Ihrer individuellen Vermögensanlage zu motivieren: Spielen Einzelwerte in Ihrem Depot noch eine zu große Rolle?

 

Autor: Prof. Dr. Stefan May, Leiter Anlagemanagement der Quirin Privatbank, unter besonderer Mitwirkung von Arndt Kussmann (Leiter Portfoliokonzepte)

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