Anleihen: Anleger weiter sehr vorsichtig

Frankfurter Wertpapierbörse: Entspannung ist im Anleihenhandel nicht in Sicht, ­dazu bleibt die Nachrichtenlage zu belastend: Am Freitag meldet das Statistische Bundesamt für Deutschland einen BIP-Rückgang von 2,2 Prozent im ersten Quartal, die Bundesregierung rechnet für das Gesamtjahr 2020 mit der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte.

„Die Leute sind weiter sehr vorsichtig“, berichtet Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. Daher bleiben die „sicheren Häfen“ gefragt: Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt weiter bei niedrigen minus 0,54 Prozent.

 


 

„EZB-Maßnahmen dürften in Zukunft häufiger infrage gestellt werden“

Bei europäischen Staatsanleihen steht weiterhin das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Fokus, wie Anleiheanalyst Cem Keltek von der Commerzbank erklärt. Da Investoren zunehmend auf einen Kompromiss setzten, seien die Risikoaufschläge italienischer Staatsanleihen aber wieder auf das Niveau von vor dem Urteil zurückgekehrt.

„Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil die Schwachstellen der Währungsunion schonungslos offengelegt“, meint Keltek. Als Folge dürften in Zukunft Maßnahmen der EZB häufiger infrage gestellt werden. Vor allem das PEPP-Programm (Pandemic Emergency Programme) werde wohl weitere Kritik hervorrufen.

Das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), verkündet vom EZB Rat am 18. März 2020 in Reaktion auf die Corona-Krise, ist ein temporäres Ankaufprogramm in Höhe von 750 Milliarden Euro für Anleihen öffentlicher und privater Schuldner. Anders als bei den bisherigen Anleihekäufen ist es nun auch möglich, dass eine Notenbank insgesamt mehr als ein Drittel der Staatsanleihen eines Eurolandes aufkauft. Auch Schuldverschreibungen mit einer kurzen Laufzeit von 70 Tagen dürfen nun gekauft werden, bislang lag die Untergrenze bei einem Jahr.

 

Unternehmensanleihen: Schlechte Zahlen, schlechte Kursentwicklung

Die Welle an schlechten Unternehmenszahlen führt bei vielen Corporate Bonds zu Abgaben. „Die Konjunktursorgen dürften auch die Erholung der bisher recht widerstandsfähigen Investment Grade-Unternehmensanleihen in Euro infrage stellen“, vermutet die Commerzbank.

Erneut unter Druck gerieten laut Daniel in dieser Woche ThyssenKrupp-Anleihen nach Veröffentlichung enttäuschender Zahlen für das zweite Quartal 2019/2020. Die Rendite der bis November 2020 laufenden Anleihe mit Kupon von 1,75 Prozent (WKN A14J57) liegt am Freitagmorgen bei 7,55 Prozent, die der bis Februar 2024 laufenden mit 2,875 Prozent (WKN A2TEDB) bei 7,6 Prozent.

Anleger verkaufen ebenfalls die bis 2026 laufende Aareal-Anleihe, die aktuell mit 4,44 Prozent rentiert (WKN A1TNC9), und greifen zu bei Papieren von Symrise (WKN SYM772). Diese sind 2025 fällig bei einer aktuellen Rendite von 1,32 Prozent.

 

Einzelhandelsanleihen lassen Federn

Auch die miserablen Zahlen aus dem deutschen Einzelhandel sind am Anleihemarkt spürbar. Am heutigen Freitag geraten Bonds des Modediscounters Takko unter die Räder, wie Rainer Petz von Oddo Seydler meldet. Sowohl ein 2023 fälliger Floater (WKN A19RD4) als auch eine bis 2023 laufende Anleihe mit Kupon von 5,375 Prozent (WKN A19RD5) gaben kräftig nach. „Das wirkt sich auch negativ auf Anleihen anderer Einzelhändler aus, etwa Douglas.“

 


 

„Emissionslawine“ setzt sich fort

Der hohe Finanzierungsbedarf der Unternehmen sorgt weiter für eine rege Emissionstätigkeit: Neues kommt zum Beispiel von Daimler: Der Autobauer hat eine zehnjährige Anleihe mit Kupon von 2,375 Prozent (WKN A289XG) auf den Markt gebracht. „Die wäre uns vor Corona noch aus den Händen gerissen worden, jetzt gibt es kaum Nachfrage“, stellt Daniel fest. „Zehn Jahre sind in Zeiten, in denen man nicht einmal die nächsten Wochen planen kann, einfach zu lang.“

Auch viele andere große deutsche Unternehmen waren aktiv, etwa Eon und die Deutsche Bank. Petz berichtet von drei neuen Eon-Bonds über insgesamt 2 Milliarden Euro. Davon entfallen 500 Millionen Euro auf eine grüne Anleihe. Der Energieversorger bietet für drei Jahre 0,375 Prozent, für acht Jahre 0,75 Prozent und für elf Jahre mit der grünen Anleihe 0,875 Prozent.

Analyst Keltek spricht von einer „Emissionslawine“ und geht davon aus, dass sich diese wegen des unverminderten Liquiditätsbedarfs der Unternehmen fortsetzen wird. „Das dürfte der Fall sein, solange sich die Stimmung die Nachfrage nicht so stark verschlechtert, dass die Anleihen nicht mehr abgesetzt werden können.“

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