Kapitalmärkte 2026: Stabilisierende Kräfte treffen auf politische Unsicherheit

Nach Einschätzung von Desiree Sauer, Investment-Strategin bei Lazard Asset Management, hat sich die Weltwirtschaft im Jahr 2025 trotz außergewöhnlich hoher politischer und geopolitischer Risiken als widerstandsfähig erwiesen. Weder ein starker Inflationsanstieg noch eine Rezession seien eingetreten. „Die globale Konjunktur hat sich robuster gezeigt als vielfach erwartet“, so Sauer. Auch für 2026 sieht sie gute Gründe für eine grundsätzlich stabile wirtschaftliche Entwicklung – wenngleich die Unsicherheiten weiter zunehmen würden.

 

Geld- und Fiskalpolitik als konjunkturelle Stützen

Ein zentraler Stabilitätsfaktor sei die Geldpolitik. Viele Zentralbanken, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed, hätten ihre Leitzinsen 2025 gesenkt. Diese Lockerung wirke erfahrungsgemäß zeitverzögert, dürfte aber im Jahresverlauf zunehmend wachstumsunterstützend sein. „Die geldpolitischen Impulse entfalten ihre Wirkung nicht sofort, sondern schrittweise“, betont Sauer.

Zusätzliche Unterstützung komme von der Fiskalpolitik. In Deutschland sei 2025 eines der größten Konjunkturprogramme der vergangenen Jahrzehnte auf den Weg gebracht worden, dessen Effekte 2026 stärker sichtbar werden dürften. Auch viele EU-Länder hätten ihre Verteidigungsausgaben erhöht. In den USA dürfte sich zudem der Effekt der sogenannten „One Big Beautiful Bill“ verstärken, da ab Anfang 2026 umfangreiche Steuererstattungen an private Haushalte ausgezahlt würden.

 

China zwischen Stabilisierung und strukturellen Grenzen

Auch aus China seien zuletzt stabilisierende Signale gekommen. Nach einer längeren Schwächephase würden sich Hinweise auf einen konjunkturellen Wendepunkt mehren. Fortschritte bei KI-Technologien sowie ein unter den gegebenen Umständen relativ stabiler Außenhandel würden die Wirtschaft stützen. Exporte würden verstärkt in andere Regionen umgeleitet, um höhere US-Zölle abzufedern.

Gleichzeitig habe die chinesische Regierung ihre Bereitschaft bekräftigt, das eigene Wachstum durch Investitionen, Konsumförderung und gezielte Unterstützung strategischer Branchen zu stabilisieren. Der vereinbarte „Zoll-Waffenstillstand“ zwischen den USA und China sorge kurzfristig für mehr Pragmatismus.

„Zentrale strukturelle Herausforderungen bleiben jedoch ungelöst, darunter das schwächere Wachstum, die anhaltenden Belastungen im Immobiliensektor sowie zunehmend protektionistische Maßnahmen gegenüber chinesischen Technologien“, warnt Sauer.

 

Zölle, Migration und wirtschaftspolitische Unsicherheit in den USA

Ein zentrales Risiko für 2026 sei die US-Handelspolitik. Entscheidend werde sein, ob die im Vorjahr verhängten US-Zölle Bestand hätten. Diese basierten teilweise auf dem International Emergency Economic Powers Act (IEEPA), dessen Einsatz für breit angelegte Importzölle rechtlich umstritten sei. Der Ausgang dieser Debatte habe direkten Einfluss auf Inflation, Wachstum und den Welthandel.

Hinzu komme eine verschärfte US-Einwanderungspolitik, die den Zugang zu Arbeitskräften in wichtigen Branchen erschweren könne. Dies erhöhe Kosten, belaste die Produktivität und könne die Inflation über höhere Zölle und ein geringeres Arbeitskräfteangebot weiter anheizen.

 

Europa zwischen relativer Stabilität und strukturellem Gegenwind

Europa profitiere zwar von einer teilweisen Entspannung im Zollstreit mit den USA, doch verblieben weiterhin Belastungen. Während US-Importeure die direkten Kosten trügen, verteilten sich die wirtschaftlichen Folgen letztlich sowohl auf amerikanische Verbraucher als auch auf europäische Unternehmen. Ein starker Euro erschwere zusätzlich die Wettbewerbsfähigkeit exportorientierter europäischer Unternehmen.

Gleichzeitig steige der Druck durch chinesische Exporte, die zunehmend in neue Absatzmärkte – auch nach Europa – umgeleitet würden. Langfristig sieht Sauer Europa zudem im technologischen Wettbewerb, insbesondere bei Künstlicher Intelligenz, hinter den USA und China zurückfallen. Hinzu komme die angespannte Lage der öffentlichen Haushalte, vor allem in Frankreich, wo hohe Defizite und politische Unsicherheit zentrale Entscheidungen verzögerten.

 

Konsequenzen für die Kapitalmärkte

Vor diesem Hintergrund rechnet Sauer auch 2026 mit erhöhter Volatilität an den Kapitalmärkten. Insgesamt bleibe das Umfeld für Aktien jedoch konstruktiv. Nach der starken Rallye der vergangenen Monate sei das kurzfristige Aufwärtspotenzial begrenzter, fundamentale Faktoren sprächen jedoch weiterhin für eine positive Grundtendenz. Rücksetzer – etwa durch enttäuschende Unternehmenszahlen oder eine Neubewertung der KI-Euphorie – blieben Teil des Marktbilds.

Künstliche Intelligenz bleibe ein zentraler struktureller Treiber, insbesondere in den USA und China. Gleichzeitig mahnt Sauer zur Differenzierung: „Nicht jede Investition wird sich nachhaltig monetarisieren lassen.“ Für Investoren im Euroraum spiele zudem der Wechselkurs eine wichtige Rolle, da eine weitere US-Dollar-Schwäche die Erträge aus US-Aktien schmälern könne.

Schwellenländeraktien bieten aus Sicht der Strategin ebenfalls interessante Perspektiven: „Sie profitieren von einem strukturellen Wandel hin zu technologie‑ und dienstleistungsorientierten Geschäftsmodellen, von einem schwachen Dollar, von höheren Eigenkapitalrenditen sowie von günstigen Bewertungen.“

Risikofaktoren wie geopolitische Spannungen, Zollbelastungen und makroökonomische Unsicherheiten blieben zwar bestehen, unter dem Strich ergebe sich für 2026 jedoch ein günstiges Zusammenspiel aus attraktiven Bewertungen, strukturellem Fortschritt und überdurchschnittlichen Gewinnerwartungen.

Im Anleihemarkt zeigt sich Sauer selektiv optimistisch. Die Zinskurven hätten sich nach Jahren verzerrter Marktmechanismen wieder normalisiert. Gleichzeitig bleibe das Umfeld anfällig für politische Unsicherheiten, hohe Staatsausgaben und Inflationsrisiken. Enge Credit-Spreads erhöhten die Sensitivität gegenüber konjunkturellen Abschwüngen, weshalb eine sorgfältige Titelauswahl entscheidend sei. Besonders nordische Anleihen – sowohl im Investment Grade- als auch im High Yield-Segment – erscheinen ihr in diesem Umfeld vergleichsweise attraktiv.

 

Fazit: Chancen vorhanden, Risiken eng im Blick behalten

Insgesamt sprächen geld- und fiskalpolitische Impulse sowie stabilisierende Entwicklungen in wichtigen Regionen für ein solides Marktumfeld im Jahr 2026, fasst Sauer zusammen. Gleichzeitig bleibe die Bandbreite möglicher Risiken hoch.

„Insgesamt gilt: Wie sich die Kapitalmärkte 2026 entwickeln, hängt maßgeblich davon ab, ob die wichtigsten Risikofaktoren (geopolitisch und ökonomisch) unter Kontrolle bleiben. Gelingt das, stehen die Chancen auf ein Jahr mit solidem Wachstum gut. Nehmen die Risiken jedoch zu oder kommen neue hinzu, dürfte das Marktumfeld spürbar unruhiger und anspruchsvoller werden als im Vorjahr“, resümiert Sauer. „Für Anleger bedeutet das: Chancen nutzen, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren.“

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