Vom Rekordhoch zum Kurseinbruch: Gold visiert wieder die 5.000 $ an

Wenn 2025 das Jahr war, in dem Gold die Rekordbücher neu schrieb, so ist 2026 das Jahr, in dem es einige Seiten wieder herausgerissen hat. Das Edelmetall startete spektakulär ins Jahr und erreichte am 29. Januar ein beispielloses Hoch von 5.595 $ pro Feinunze. Allein im Jahr 2025 verzeichnete Gold 53 neue Allzeithochs und einen atemberaubenden durchschnittlichen Preisanstieg von 44% pro Jahr, was Gold-Optimisten wie Skeptiker gleichermaßen überraschte.

Doch die Rallye verlor bald an Schwung. Mittlerweile hat Gold mehr als 19% gegenüber den Januar-Hochs eingebüßt. Stärker als erwartet ausgefallene US-Arbeitsmarktdaten stützten die Erwartung, dass die Fed die Zinsen länger auf hohem Niveau belassen könnte.

Heute (Stand: 4. Juni) pendelt der Spotpreis um die 4.464 $ – immer noch beachtliche 32% höher als vor einem Jahr, aber weit entfernt von der Euphorie Ende Januar. Die Frage ist nun, wie es weitergeht: Vieles wird von der Geopolitik im Nahen Osten und Osteuropa abhängen, die sich am Scheideweg zwischen Entspannung oder Eskalation befindet, sowie von der Geldpolitik der Federal Reserve.

 

Gold Chart

 

Zinsen, der Dollar und mangelnde Alternativen

Die Mechanismen hinter dieser Korrektur sind jedem Marktbeobachter vertraut, auch wenn Tempo und Härte viele überrascht haben. Zwei Hauptfaktoren lösten den Abschwung aus: die Nominierung eines restriktiven („hawkish“) Kandidaten für den Fed-Vorsitz, was den US-Dollar stärkte und Gewinnmitnahmen auslöste, sowie die Blockade der Straße von Hormus, die den Ölpreis über 100 $ pro Barrel trieb und die Inflation (VPI) im März auf 3,3% im Jahresvergleich ansteigen ließ.

Dies brachte die Fed in eine Zwickmühle. Der Leitzins wurde zum dritten Mal in Folge bei 3,5–3,75% belassen. Die Entscheidung im April führte zu einem bemerkenswerten Abstimmungsergebnis von 8 zu 4 Stimmen – so uneinig war man sich bei der FOMC-Sitzung zuletzt im Oktober 1992. Während viele erwarteten, dass Trumps Wunschkandidat Kevin Warsh die vom Weißen Haus geforderten Zinssenkungen einleiten würde, haben die Märkte Zinssenkungen für 2026 nun komplett ausgepreist. Einige Trader wetten sogar auf eine Zinserhöhung vor Jahresende.

Für ein zinsloses Asset wie Gold ist dies ein klassischer Gegenwind: Die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen blieben auf historisch hohem Niveau zwischen 4,3 und 4,7%, während die Realrenditen über 2% lagen, was die Opportunitätskosten für Goldinvestments erhöht. Zudem dämpft ein stärkerer Dollar die internationale Nachfrage, da er Gold für Käufer außerhalb des Dollarraums verteuert.

Die Fed steckt fest zwischen einer noch ungelösten Inflation und einer Wirtschaft, die nach Entlastung verlangt. Bis sich eine klare Richtung abzeichnet, dürfte Gold in einer Seitwärtsspanne bleiben. Für Trader, die in beide Richtungen agieren, bietet diese Volatilität jedoch Chancen.

 

Die Bullen geben nicht auf

Die langfristigen Aussichten von Gold jetzt abzuschreiben, wäre jedoch ein großer Fehler – und die größten Rohstoff-Desks der Wall Street weigern sich vehement, dies zu tun. Die Netto-Goldkäufe der Zentralbanken überstiegen allein im ersten Quartal 2026 die Marke von 244 Tonnen (+3% im Jahresvergleich), und die physische Nachfrage erreichte das zweithöchste Quartalsniveau aller Zeiten.

Laut offiziellen Zahlen, die oft konservativ geschätzt werden, kauften Zentralbanken 2025 die Rekordmenge von 1.237 Tonnen. Dies war das dritte Jahr in Folge mit Käufen von über 1.000 Tonnen. Mehr als das Doppelte des historischen Durchschnitts. Zu den größten Käufern zählen weiterhin die Zentralbanken Chinas, Polens, Indiens und der Türkei, die ihre Goldreserven im Zuge einer bewussten, strukturellen Abkehr von der Dollar-Abhängigkeit ausbauen.

J.P. Morgan hält an seinem Jahresendziel von 6.300 $ fest, Deutsche-Bank-Analyst Michael Hsueh bezeichnete den Ausverkauf als „taktische Bewegung“ statt eines strukturellen Wandels, und Bart Melek von TD Securities visiert einen Quartalsdurchschnitt von 5.000 $ an. Ein Analyst zog eine treffende historische Parallele: Die aktuelle stagflationäre Dynamik aus hoher Inflation und schwächelndem Wachstum ähnelt stark den 1970er- und 1980er-Jahren – bekanntlich extrem starke Dekaden für Gold.

Mit Unterstützungszonen zwischen 4.300 $ und 4.700 $ und institutionellen Zielen von 5.000 $ bis 6.300 $ bis zum vierten Quartal 2026 sieht der aktuelle Rücksetzer weniger nach dem Ende eines Bullenmarktes aus, sondern eher nach einer seiner anspruchsvolleren Phasen. Egal ob Sie auf eine strukturelle Erholung setzen (Long) oder auf kurzfristigen Zinsdruck spekulieren (Short) – Gold bleibt eine der spannendsten Trading-Storys im heutigen Markt.

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