Weltkonjunktur: Fahren auf Sicht

Helaba: Gut einen Monat nach den im März initiierten „lockdowns“ in vielen Industriestaaten wird zwar zunehmend über ein Ende oder zumindest eine Lockerung der Restriktionen diskutiert. Der weitere zeitliche Ablauf sowie das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit dem sich die am Boden liegende Aktivität erholen wird, bleiben aber unklar. Infolgedessen sind selbst die kurzfristigen ökonomischen Auswirkungen der Covid-19-Krise derzeit schwer greifbar.

Für tiefschürfende Überlegungen über die langfristigen sozio-ökonomischen oder politischen Auswirkungen dieser Krise ist es eindeutig noch zu früh. Es gilt erst mal abzuschätzen, wie es auf Sicht der kommenden Monate weitergeht!

Die Mediziner wissen nicht, wie die Lage an der Virusfront in zwei oder drei Wochen sein wird. Die Politiker können entsprechend keine klaren Aussagen über die weitere Lockerung der Restriktionen machen. Damit sind derzeit auch alle Aussagen von Ökonomen zum Verlauf der wirtschaftlichen Krise mit einem ungewöhnlich kurzen Haltbarkeitsdatum versehen.

Aber selbst wenn wir mit einem definitiven „Fahrplan“ für die Wiederöffnung ausgestattet wären, bliebe noch immer die Tatsache, dass es seit Menschengedenken in den meisten Ländern keine vergleichbare Unterbrechung des wirtschaftlichen bzw. sozialen Lebens gegeben hat.

Daher sind die Prognosen, wie es nach der Lockerung weitergehen wird, mit enormer Unsicherheit behaftet: Wie viele Jobs sind wirklich verloren, wie viele Leute können zügig wieder an ihre Arbeit zurückkehren? Welche Unternehmen überleben trotz aller Staatshilfen die Krise nicht? Welche Auswirkung hat der Schock auf die Konsumneigung der Haushalte und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen?

 


 

Angesichts dieser Unsicherheiten kann es nicht überraschen, dass die Konjunkturprognosen derzeit ungewöhnlich häufig und deutlich angepasst werden müssen. Wir nehmen nun einen erneuten Anlauf, die Informationen der vergangenen Wochen zu verarbeiten und zusammen mit plausiblen Annahmen für die kommenden Monate in neue Prognosen zu gießen. Wie schwer sich die Zunft hierbei tut, zeigt die enorme Spannbreite bei den aktuellen Wachstumsprognosen.

 

 

China als Vorreiter?

Am meisten wissen wir derzeit über China, weil man dort dem Rest der Welt beim Verlauf der Pandemie voraus ist. Die Zahlen zum Wachstum im ersten Quartal zeigen einen historischen Einbruch um fast 10 % gegenüber dem Vorquartal.

Selbst bei einer schnellen Erholung – für die einiges spricht – wird diese Delle dafür sorgen, dass Chinas Wirtschaft 2020 in etwa stagnieren wird (bisher: 3,5 %). Dies wäre das schlechteste Ergebnis seit dem Beginn der modernen Wirtschaftsstatistik in den 1970er Jahren und eine Verlangsamung um rund 6 Prozentpunkte relativ zum Vorjahr.

Die Daten für das US-BIP im ersten Quartal stehen erst in der Berichtswoche auf dem Programm. Aber offenbar war der „lockdown“-induzierte Einbruch im letzten Drittel des März so stark, dass er das Gesamtquartal ins Minus ziehen dürfte. Zusammen mit Zahlen, die darauf hindeuten, dass der Tiefpunkt im zweiten Quartal noch etwas niedriger liegen dürfte als bisher angenommen, spricht dies für eine deutliche Abwärtsrevision der US-Prognose.

Auch wird das Wiederhochfahren in den kommenden Wochen offenbar gradueller und/oder regional differenzierter ausfallen, als wir zunächst unterstellt hatten. Obwohl wir bei unserem Bild einer spürbaren Erholung im dritten Quartal bleiben, wird es wohl etwas länger dauern, um aus dem tiefen Tal herauszukommen. Wir passen unsere Prognose für die USA für 2020 von -1,5 % auf -3,5 % an (2021: 5,5 % statt 4,5 %).

 


 

Eine erste Schätzung für das BIP der Eurozone wird in der Berichtswoche erwartet. Die Wirtschaftsleistung dürfte um schätzungsweise 1,3 % gegenüber Jahresende gesunken sein.

Der Einbruch im zweiten Quartal wird stärker ausfallen als bislang von uns erwartet. Zum einen ist der „lockdown“ insbesondere in Frankreich, Italien und Spanien länger und schärfer als angenommen. Zum anderen ist vor allem für Deutschland mit negativen Rückkopplungen aus den USA und China zu rechnen.

Wir haben deswegen unsere BIP-Prognose 2020 für den Währungsraum auf -5 % (vorher: -2,7 %) heruntergenommen. Für Deutschland erwarten wir jetzt -4,2 % (zuvor: -3,0 %). Ab dem dritten Quartal ist dann – ausgehend von sehr niedrigem Niveau – mit kräftigen Wachstumsraten zu rechnen.

Damit ist das Ausgangsniveau zu Beginn des nächsten Jahres hoch. Allein dieser „statistische Überhang“ trägt 2021 knapp 2 Prozentpunkte zum Jahreswachstum in Deutschland bei. Wir haben deswegen sowohl unsere Prognose für Deutschland und die Eurozonen für 2021 auf +4 % erhöht.

Auch in den meisten Schwellenländern gibt es mittlerweile rigide Ausgangsbeschränkungen. Allerdings reagieren diese Länder anders auf die Pandemie als die entwickelten Länder. Zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen haben die Zentralbanken die Leitzinsen gesenkt und ihren Geschäftsbanken Liquiditätshilfen in Aussicht gestellt.

Von der Fiskalpolitik kommt hingegen weniger Unterstützung. Lateinamerika wird damit dieses Jahr um rund 4 % schrumpfen (2021: +3,3 %). Für Russland erwarten wir dieses Jahr einen Wachstumsrückgang von 3 % (2021: +3 %) und für die Türkei senken wir unsere Prognose auf -3,5 % (2021:+ 4,1 %).

 

Die Weltwirtschaft schrumpft

Für die Welt insgesamt ergibt sich daraus ein Rückgang des Outputs um über 2 %. Dies wäre gut dreimal so viel wie das bisher schlimmste Jahr in der jüngeren Geschichte: In der Finanzkrise 2009 fiel unser Aggregat für das Welt-BIP um 0,7 %. Allerdings sprechen nicht nur die umfangreichen Gegenmaßnahmen der Fiskal- und Geldpolitik für eine relativ kurze Kontraktion.

Der Vergleich mit dem zyklischen Phänomen „Rezession“ hinkt in vieler Hinsicht. Zwar fällt auch diesmal der Output. Die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise weisen aber in ihrer Abruptheit und in ihrem Ausmaß eher Parallelen zu (regional begrenzten) Naturkatastrophen wie Stürmen, Vulkanausbrüchen oder Überflutungen auf als zur Korrektur zyklischer Ungleichgewichte, wie sie in einer üblichen „Rezession“ stattfindet.

Eine längere Schwächephase könnte sich anschließen. Dies ist aber alles andere als ausgemacht und hängt auch von Umfang und Wirksamkeit der kurzfristigen staatlichen Interventionen ab. Bevor man versucht, die auf längere Sicht erforderlichen Mittel für einen „Wiederaufbau“ zu quantifizieren, sollte der Fokus zunächst weiter klar auf Soforthilfemaßnahmen liegen. Dies ist leider nicht überall zu beobachten.

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