Europas übersehene KI-Gewinner – wo Anleger über Nvidia hinausblicken sollten

Europäische Aktien haben in den letzten Monaten deutlich zugelegt.

Die Berichtssaison für das erste Quartal verlief sowohl in den USA als auch in Europa sehr stark und bestätigte damit die wirtschaftliche Erholung. Gleichzeitig kam es zu einer gewissen Umschichtung von Mitteln weg von den USA, da Europa von anderen Entwicklungen und Sektoren geprägt ist als der US-Markt, somit aber eine Möglichkeit bietet, das Portfolio abseits des Technologiesektors zu diversifizieren.

Im historischen Vergleich ist Europa allerdings relativ gesehen immer noch sehr günstig gegenüber den USA. Die Differenz hat sich angesichts des außergewöhnlich starken Gewinnwachstums in den USA zwar geringfügig verringert, doch beträgt der Unterschied zwischen den beiden Regionen immer noch mehr als das 6-Fache des Kurs-Gewinn-Verhältnisses – ein Rekordabstand im historischen Vergleich.

Eine gute Gewinnentwicklung weisen die Sektoren Industrie, Halbleiter und Versorger auf, die durch einen starken Investitionszyklus mit hoher Planbarkeit gestützt wird. Auch Banken befinden sich angesichts der Aussicht auf höhere oder stabile Zinsen weiterhin in einer guten Position.

Europäische Halbleiterhersteller sind die Hauptnutznießer der KI, ebenso wie Industrieunternehmen, die an den Investitionen in Rechenzentren beteiligt sind, sowie Versorgungsunternehmen, die zur Stromversorgung der Rechenzentren beitragen. Neben Halbleitern sind Unternehmen aus dem Bereich Elektrotechnik – ein Segment von Industrieunternehmen, das sich auf die Elektrifizierung und Stromumwandlung in Rechenzentren sowie auf die Kühlung konzentriert – besonders gut positioniert. Energieversorger, wie beispielsweise öffentliche Stromversorger, werden vom Bauboom rund um Rechenzentren profitieren.

Speicher-Unternehmen zum Teil überbewertet

Die Sektoren Software und Unternehmensdienstleistungen könnten weiterhin zu kämpfen haben, da KI für Umbrüche und neue Herausforderungen sorgt. Künstliche Intelligenz stellt viele etablierte Geschäftsmodelle auf die Probe, was zu erheblichen Verschiebungen in der Marktentwicklung geführt hat. Der Sektor Software, einst ein Liebling des Marktes, hat deutlich an Wert verloren, ebenso wie viele Dienstleistungsunternehmen. Daher ist das wichtigste Qualitätsmerkmal einer Aktie ihre Fähigkeit, eine Wettbewerbsposition zu verteidigen – insbesondere angesichts möglicher Disruptionsgefahren durch KI.

Einige Segmente in der Lieferkette von Rechenzentren sind eindeutig überbewertet, wie beispielsweise Speicher und Teile des Energiemanagements, auch wenn ein Höchststand möglicherweise noch in weiter Ferne liegt. Hier könnte der Marktoptimismus die Fundamentaldaten überholt haben. Es ist unwahrscheinlich, dass das Preisniveau gehalten werden kann, sobald neue Kapazitäten in Betrieb genommen werden.

Die am stärksten unterbewerteten Titel könnten unter den Unternehmen zu finden sein, die als KI-Verlierer wahrgenommen werden, wie beispielsweise Softwareunternehmen, da die Risiken durch den KI-Wandel möglicherweise stark übertrieben wurden.

Marktkommentar von Francesco Sedati, Head of Equities bei Eurizon

Analyse der Broker-Test.de Redaktion

Der Marktkommentar von Eurizon rückt eine Konstellation in den Fokus, die für europäische Anleger zunehmend an Bedeutung gewinnt: Während US-Aktien nach starken Quartalszahlen weiterhin die globalen Kapitalströme dominieren, hat sich zuletzt eine Umschichtung zugunsten Europas abgezeichnet. Der zentrale Anreiz dafür ist der historisch außergewöhnliche Bewertungsabstand. Laut Sedati liegt die Differenz im Kurs-Gewinn-Verhältnis zwischen den USA und Europa bei mehr als dem Sechsfachen – ein Rekordwert. Für Anleger stellt sich damit die entscheidende Frage, ob dieser Abschlag eine Nachholchance signalisiert oder ob er strukturelle Gründe hat, die sich nicht so schnell auflösen.

Warum der Abschlag nicht automatisch ein Kaufsignal ist

Ein niedrigeres KGV allein macht eine Region nicht attraktiv. Der Bewertungsunterschied erklärt sich zu einem erheblichen Teil aus der abweichenden Sektorstruktur: Der US-Markt ist stark von hoch bewerteten Technologiewerten geprägt, während europäische Indizes traditionell mehr Industrie, Banken, Versorger und Konsumtitel enthalten. Gerade diese unterschiedliche Zusammensetzung ist aber zugleich das Diversifikationsargument, das Sedati hervorhebt. Wer sein Portfolio jenseits des Technologiesektors breiter aufstellen möchte, findet in Europa naturgemäß andere Schwerpunkte.

KI als Selektionskriterium – Gewinner und Verlierer

Bemerkenswert ist, dass der Kommentar das Thema Künstliche Intelligenz nicht auf US-Techkonzerne verengt, sondern die europäische KI-Wertschöpfungskette betont. Als strukturelle Profiteure nennt Eurizon:

  • Halbleiterhersteller als direkte Nutznießer der KI-Nachfrage.
  • Industrieunternehmen mit Fokus auf Elektrotechnik, Elektrifizierung, Stromumwandlung und Kühlung von Rechenzentren.
  • Versorger, die von der steigenden Stromnachfrage rund um den Rechenzentrumsboom profitieren.
  • Banken, gestützt durch die Aussicht auf höhere oder stabile Zinsen.

Dem stehen mögliche Verlierer gegenüber. Software und Unternehmensdienstleistungen stehen unter Druck, weil KI etablierte Geschäftsmodelle infrage stellt. Für Anleger wird damit die Fähigkeit eines Unternehmens, seine Wettbewerbsposition gegen Disruption zu verteidigen, zum entscheidenden Qualitätsmerkmal.

Wo der Optimismus möglicherweise zu weit gelaufen ist

Sedati warnt zugleich vor Überhitzung in Teilen der Rechenzentrums-Lieferkette. Speicher-Unternehmen und Segmente des Energiemanagements gelten als überbewertet – hier könnte der Marktoptimismus die Fundamentaldaten überholt haben. Der Grund ist ökonomisch nachvollziehbar: Sobald neue Kapazitäten in Betrieb gehen, lassen sich hohe Preisniveaus erfahrungsgemäß schwerer halten. Interessant ist die Gegenthese: Ausgerechnet die vermeintlichen KI-Verlierer wie Softwareunternehmen könnten am stärksten unterbewertet sein, wenn die Disruptionsrisiken übertrieben wurden.

Offene Fragen für Anleger

Die Analyse liefert eine differenzierte Landkarte, lässt aber zentrale Punkte offen. Ob die Kapitalzuflüsse nach Europa dauerhaft anhalten oder nur eine taktische Rotation darstellen, ist ungewiss und hängt maßgeblich von der Zinsentwicklung und der weiteren Berichtssaison ab. Auch die Frage, wann sich Über- und Unterbewertungen tatsächlich korrigieren, bleibt unbeantwortet – Sedati räumt selbst ein, dass ein Höchststand bei überhitzten Segmenten noch fern liegen könnte. Die Kernbotschaft für Anleger lautet daher: Selektion nach der Widerstandsfähigkeit gegen KI-Disruption dürfte wichtiger sein als die reine Regionen- oder Sektorwette.

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