Endspiel im Ölmarkt – Globaler Turnaround

Bernstein Bank: Am Ölmarkt droht ein neues Preismassaker: Mitte Mai sind die Öltanks in den USA voll, auf dem Globus sieht es kaum anders aus. Doch in Amerika läuft eine Pleitewelle von Ölfirmen, viele Bohrlöcher werden geschlossen. Manche wohl für immer. Die Marktbereinigung könnte die Basis für den Neuanfang sein. Zumal die OPEC+ nun die Förderung drosselt.

Was den Ölpreis binnen einiger Monate wieder kräftig nach oben hieven könnte.

 

Pipelines als letztes Aufgebot

Die amerikanischen Ölfirmen werfen gerade ihre letzten Truppen ins Gefecht. Der Pipeline-Gigant Energy Transfer fragte in einem ungewöhnlichen Schritt die Texas Railroad Commission um Erlaubnis, seine Rohre als Tank nutzen zu dürfen. Damit könnten 2 Millionen Barrel gelagert werden, wie Oilprice.com unter Berufung auf Argus Media berichtete. Anfang des Monats hatte schon Enterprise Products Partners laut Reuters bei der U.S. Federal Energy Regulatory Commission nachgefragt, seine nordwärts laufende Seaway Pipeline als Speicher nutzen zu dürfen.

Wir fragen uns: Wie viel Öl kann in den USA in Pipelines gespeichert werden? 10 Millionen Barrel? 20?

Wir fragen uns außerdem: Wieviel Öl passt in Pipelines in Russland oder am Persischen Golf? Wie viel auf Tanker, in Öltanks und auf Züge?

Vor der Küste von Kalifornien und Texas ankern Dutzende prall gefüllte Öltanker, vor Singapur sind es hunderte. Das U.S. Department of Energy greift den Ölförderern derweil unter die Arme, das Ministerium verhandelt mit neun Produzenten über die Lagerung von 23 Millionen Barrel in der Strategic Petroleum Reserve (SPR), das sind gigantische Salzdome an der Küste von Texas und Louisiana.

 


 

 

Endgame Mitte Mai

Am Golf von Mexiko fahren derweil die Raffinerien wegen der sinkenden Nachfrage die Kapazität herunter. Laut Goldman Sachs wird es in rund drei Wochen nirgendwo mehr Platz geben, um Öl zu lagern. „We are moving into the end-game,“ urteilte auch Torbjorn Tornqvist, Leiter des Commodity-Trading-Giganten Gunvor Group. „Early-to-mid May could be the peak. We are weeks, not months, away from it.“

 

Spannung im Juni-Kontrakt

Interessanterweise läuft am 19. Mai der Handel mit dem Juni-Future für West-Texas-Intermediate aus.
Wir sind gespannt, ob wir vor einem neuen Preismassaker stehen. Ende April war der Mai-Kontrakt bis auf minus 40 Dollar abgestürzt.

Für den Juni muss sich schleunigst eine drastische Verbesserung der Nachfrage und der Lager-Kapazitäten abzeichnen.

Vielleicht hatte auch der Absturz im Mai-Kontrakt das Tief markiert.

 

Die Marktbereinigung läuft
Klar ist, dass nur ein Ende des Überangebots die Krise bereinigt. Und in den USA läuft das Ausmerzen an Unternehmen auf Hochtouren. Gerade hat Diamond Offshore Drilling aus Houston Insolvenz angemeldet; das Unternehmen, das stets als Juwel unter den Ölförderern galt, sitzt auf Schulden in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar. Da das Tiefsee-Drilling besonders teuer ist, braucht das Unternehmen einen Ölpreis von 30 Dollar je Barrel, um wirtschaftlich zu arbeiten.

Diamond Offshore ist nur eine von rund nordamerikanischen 200 Ölfirmen, die seit Anfang 2015 umgekippt sind, wie die Kanzlei Haynes & Boone mitteilte.

 


 

Derweil meldete Baker Hughes, dass vorigen Freitag nur noch 378 US-Bohrlöcher Öl förderten. Im Hoch 2014 waren es rund 1.600 gewesen. Eine interessante Entwicklung, denn es ist enorm teuer, ein Bohrloch zu versiegeln. Zudem besteht gerade in den USA die Gefahr, dass Ölquellen, die mit Fracking und Querbohrung erschlossen wurden, nicht mehr zu retten sind, da sie bei einem Ende der Förderung versanden und versotten, sobald das Einpumpen von Wasser und damit der Druck im aufgebrochenen Gestein nachlässt.

 

Globaler Turnaround

Das gleiche Bild zeigt sich überall auf der Welt – von Tschad über Brasilien bis Vietnam wird der Ausstoß gekappt. Und am 01. Mai tritt die Förderkürzung der OPEC+ um 9,7 Millionen Barrel oder 23 Prozent des Outputs in Kraft. Wenn wir nun all diese Infos verarbeiten, dann drängt sich der Eindruck auf, dass wir vor einem massiven Turnaround bei den Ölpreisen stehen.

Die Produktion sinkt drastisch, einige US-Bundesstaaten, China und mehrere Länder in Europa lockern allmählich die Corona-Restriktionen.

Womit die Nachfrage nach Benzin und Kerosin langsam wieder steigen dürfte. Wobei auch neue Spannungen im Persischen Golf die Preise treiben könnten.

Ergo könnten sich neue Chancen auf der Long-Seite ergeben.

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