Preisdruck mit Verzögerung?

„Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach“ – nicht nur in Oscar Wildes „Ernst sein ist alles“. Über Jahre war die Inflation im Euroraum fast zu langweilig. Verbraucher, Unternehmen und Märkte hatten sich daran gewöhnt, niedrige und stabile Preise als Normalfall zu betrachten. Seit 2022 hat sich der Reflex ins Gegenteil verkehrt: Jede beunruhigende Entwicklung steht sofort unter Verdacht, der Auftakt zu einer neuen Runde unangenehmer Überraschungen zu sein.

Unser Chart der Woche zeigt die Preisentwicklung bei Waren ohne Energie im Vergleich zu den Preiserwartungen der Industrie – Letztere um zwölf Monate nach vorn verschoben. Damit wird der direkte Einfluss der Energiepreise auf die Gesamtinflation ausgeblendet. Zur Kristallkugel wird die Grafik dadurch nicht. Die Preissetzungserwartungen der Unternehmen können sich rasch ändern, falls etwa Lieferengpässe zunehmen oder sich die Finanzlage der privaten Haushalte verdüstert.

Genau deshalb liefern die Erwartungen der Hersteller nützliche Frühindikatoren. Wie die Grafik zeigt, bewegen sich Fabrikpreise häufig vor den Verbraucherpreisen: Erst steigen für Produzenten die Kosten, dann entscheiden sie, ob und in welchem Umfang sie diese weitergeben können. Danach testet der Einzelhandel, wie viel die Haushalte tatsächlich akzeptieren.

Ganz deckungsgleich verliefen beide Linien nie. In den Jahren 2021 und 2022 schnellten die Energiepreise nach oben, Lieferketten gerieten ins Stocken, und staatliche Hilfen stützten in weiten Teilen der entwickelten Welt die Kaufkraft. Die Hersteller erhöhten zuerst ihre Preise; die Inflation bei Konsumgütern folgte mit Verzögerung. 2023 und 2024 drehte sich der Prozess um. Der Druck in den vorgelagerten Produktionsstufen ließ nach, doch frühere Preiserhöhungen kamen erst nach und nach in den Geschäften an – und noch etwas später auf so manchem Lohnzettel.

Die Gefahr liegt nun gar nicht so sehr in einer Wiederholung von 2022 als in der Macht der jüngsten Erinnerung. Bisher spricht wenig für eine neue Lohn-Preis-Spirale wie 2022. Zwar sind die Preiserwartungen der Industrie deutlich gestiegen, die Inflation bei Konsumgütern bleibt jedoch verhalten. „Sofern sich die Störungen in den Lieferketten nicht verschärfen, dürfte die vergleichsweise schwache Nachfrage die Weitergabe höherer Kosten an die Verbraucherpreise bremsen“, sagt Ulrike Kastens, Senior Economist bei der DWS.

Für Anleger ist aber entscheidend, dass die Erinnerung an 2022 ihre Schatten vorauswirft. Die Notenbanken reagierten damals eher langsam. Diesmal, denken wir, werden sie sich hüten, sich allzu früh festzulegen. Schwächeres Wachstum spricht für niedrigere Renditen; neuer Druck bei Güterpreisen begrenzt jedoch den Spielraum für Entlastung.

François Villeroy de Galhau, der scheidende Gouverneur der Banque de France, hat kürzlich betont, dass Notenbanken Inflationserwartungen verankert halten und zugleich auf neue Daten reagieren müssen. Bis dahin dürfte jede Zahl an den Märkten genau seziert werden. Oscar Wilde hätte das kaum überrascht: Sein Stück trug den Untertitel „Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute“.

 

Konsumgüterinflation und Erzeugerpreiserwartungen im Euroraum

Quellen: Haver Analytics, Eurostat, S&P Global, DWS Investment GmbH; Stand 03.06.2026; * HVPI: Harmonisierter Verbraucherpreisindex: Inflation bei Konsumgütern ohne Energie; ** PMI: Purchasing Managers‘ Index: Preiserwartungen im verarbeitenden Gewerbe, um zwölf Monate nach vorne verschoben

Quellen: Haver Analytics, Eurostat, S&P Global, DWS Investment GmbH; Stand 03.06.2026; * HVPI: Harmonisierter Verbraucherpreisindex: Inflation bei Konsumgütern ohne Energie; ** PMI: Purchasing Managers‘ Index: Preiserwartungen im verarbeitenden Gewerbe, um zwölf Monate nach vorne verschoben

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