Steigende Volatilität eröffnet Chancen und Risiken bei Investitionen in Schwellenländern

T. Rowe Price: Investoren müssen sich im Vergleich zur zweiten Jahreshälfte 2017 auf eine steigende Volatilität einstellen, die durch eine straffere Geldpolitik, eine höhere Inflation und durch Unruhen auf den Devisenmärkten bedingt ist. Schwellenländer sind hiervon aller Voraussicht nach besonders betroffen, was Aktien- und Anleiheinvestoren vor besondere Herausforderungen stellt.

Gonzalo Pángaro, Leiter Portfoliomanager, Emerging Markets Equity Strategy bei T. Rowe Price, unterteilt die gestiegene Volatilität dieses Jahres in zwei Phasen. So stieg der Volatilitätsindex VIX in der ersten Phase im Februar bedingt durch technische Ursachen, die von enormen Geldbeträgen in volatilitätsgebundenen Produkten angetrieben wurden, zunächst stark an.

Danach sank der VIX wieder und ließ sein Jahreshoch von Februar zurück. Dennoch seien die Werte des VIX weiterhin hoch und bewegten sich näher an ihrer historischen Norm. Diese zweite Phase sei grundlegenderen Faktoren geschuldet – Sorgen um die Auswirkungen der strafferen Geldpolitik der Zentralbanken, geopolitische Risiken, die sich überwiegend in Handelsstreitigkeiten widerspiegeln, Konflikte im Nahen Osten und Wahlen in mehreren Ländern.

Chancen für Growth- und Value-Strategien
„Die Rückkehr der Volatilität könnte zu einer dringend benötigten Differenzierung führen. Wenn die Volatilität erstmalig auftritt, kann Panik entstehen, die zu einem breiten Ausverkauf der Asset-Klasse führt“, so der Portfoliomanager. Investoren könnten so hochwertige Unternehmenstitel zu attraktiven Konditionen erwerben.

„Die attraktivsten Unternehmen für Investoren, die eine Growth-Strategie verfolgen, sind in der Regel solche mit einer starken Kapitalstruktur, selbst geschaffenen freien Cashflows und strukturellen Wettbewerbsvorteilen, die in Krisenzeiten ihre Marktposition ausbauen können. Ein entscheidender Vorteil ist darüber hinaus, dass eine Währungsinkongruenz vermieden wird, wenn also Assets und Schulden nicht auf unterschiedlichen Währungen lauten“, erklärt Pángaro.

Eine weitere Strategie in Zeiten erhöhter Volatilität sei es, Unternehmen zu identifizieren, in die der Markt das Interesse verloren habe. Die Value-Strategie identifiziere sozusagen „vergessene“ Aktien. Die Aktien solcher von Investoren vernachlässigten Unternehmen seien unabhängig von Preisbewegungen sehr günstig und darum weniger volatilitätsanfällig.

„Auch auf den Rentenmärkten sorgt die Rückkehr der Volatilität für eine gute Diversifizierung“, sagt Michael Conelius, Lead Manager, Emerging Markets Bond Strategy. Künstlich gedrückte Volatilität wie im letzten Jahr schaffe ein akkommodierendes Umfeld für Anleiheemittenten und sorge so für günstiges Finanzierungsniveau.

Das volatilere Marktumfeld hingegen habe Emittenten zurückgehalten und für Fehlbewertungen gesorgt, wodurch der Markt letztlich rationaler werde. Käufer hätten dementsprechend mehr Macht als noch zu Beginn des Jahres, als die Emittenten die Bedingungen festlegten.

„Auch wenn Volatilität auf lokaler Ebene zu einem gewissen Grad umgangen werden kann, ist dies auf globaler Ebene kaum möglich. Wir glauben, dass der derzeitige Rücknahme von billigem Geld einen drei- bis fünfjährigen Trend darstellt. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Märkte in dieser Periode – und womöglich auch darüber hinaus – volatil bleiben“, so Conelius.

 


 

Politische Entwicklungen erhöhen marktspezifische Volatilität
Anleihe- sowie Aktieninvestoren müssten laut den Experten neben globalen auch spezifische lokale Risiken in den Schwellenländern berücksichtigen.

So werde das Investitionsumfeld in der Türkei derzeit weiterhin als hochriskant eingestuft, da Präsident Recep Tayyip Erdogan offenbar entschlossen sei, eine unorthodoxe Wachstumspolitik zu verfolgen, die der Wirtschaft langfristig schaden könne.

Seine Einstellung gegen Zinserhöhungen und die offenkundige Absicht, die Kontrolle über die Währungspolitik zu übernehmen, hätten viele Investoren dazu gebracht, die Positionen in der Türkei unterzugewichten oder das Investment gänzlich zu meiden.

Pángaro kommentiert: „Türkische Aktien fielen in den letzten Monaten auf den niedrigsten Stand seit neun Jahren“ und Conelius fügt hinzu: „Die Rendite von Benchmark-Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit erreichte eine neue Rekordhöhe und die Währung schwächte erheblich ab.“

Es gebe noch keine klaren Anzeichen, wann sich diese Situation verbessern werde. „Dennoch glauben wir, dass die Situation in der Türkei nicht zu einem größeren Ausverkauf in den Schwellenländern führen wird“, so Pángaro.

Die Lage in Mexico schätzt Conelius anders ein: Der Wahlsieg Andrés Manuel López Obradors habe bei Investoren zunächst Sorge über den Einfluss seines linksgerichteten Wirtschaftskurses auf den Wirtschaftssektor aufkommen lassen. Der mexikanische Peso musste starke Verluste hinnehmen.

Nach Versicherungen des Präsidenten, dass es keine Ausgabeschocks und keine Eingriffe in die Unabhängigkeit der mexikanischen Zentralbank geben werde, erholte sich die Währung jedoch wieder. Es bliebe abzuwarten, ob der Präsident zu seinem Wort stehe. Die Bedenken hinsichtlich seines langfristigen Einflusses auf die mexikanische Wirtschaft blieben bestehen, kurzfristig sei Mexiko aber ein weniger riskanter Markt als die Türkei.

Auch auf Brasilien, wo im Oktober die Wahlen anstehen, schauten einige Investoren mit Sorge. Diese sei jedoch übertrieben. „Unabhängig davon, wer die Präsidentschaftswahl gewinnen wird, der- oder diejenige muss das Haushaltsdefizit mit einer umfassenden Reform des Rentensystems angehen, um die gesamtwirtschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten. Wir schätzen den brasilianischen Anleihemarkt deshalb positiver ein, als er zurzeit von den Märkten eingepreist ist“, sagt Conelius.

Mit Blick auf den russischen Markt beunruhige Investoren insbesondere die Auswirkungen der Sanktionen der USA und anderen westlichen Ländern. Dennoch sind die Fundamentaldaten robust. Mit Rücklagen etwa in Höhe der Staatsverschuldung und einer ausgeglichenen Außenbilanz sei die Wirtschaft des Landes jedoch gut aufgestellt.

Außerdem profitiere Russland von dem Anstieg der Ölpreise. Zentral sei laut Conelius die Frage, ob die Spannungen zwischen Russland und dem Westen anhielten und zu weiteren Sanktionen führten oder ob sich der Pragmatismus durchsetze und sich die Beziehungen normalisierten.

Selektivität ist entscheidend
Die bevorstehende Periode stelle also Aktien- und Anleiheinvestoren vor erheblichen Herausforderungen in den Schwellenländern. „Die Zeiten, in denen sich Schwellenländer weitestgehend im Gleichschritt bewegt haben, scheinen nun beendet zu sein“, resümiert Pángaro.

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