Nasdaq-Vola auf höchstem Stand seit 2002 – Tech-Aktien geraten ins Wanken
Es hätte ein ruhiger Sommertag an der Wall Street werden können. Wurde es aber nicht. Der Nasdaq 100 rutschte am Dienstag um 1,2% ab, der breiter gefasste S&P 500 gab moderatere 0,3% nach… und im Hintergrund braut sich etwas zusammen, das Derivate-Strategen an den großen Häusern zunehmend beschäftigt: Die implizite Volatilität im Technologiesektor ist so hoch wie zuletzt im Jahr 2002, gemessen relativ zum breiten Markt.
Auslöser der akuten Nervosität war ausgerechnet ein Unternehmen, das eigentlich gute Zahlen vorgelegt hatte: Samsung Electronics übertraf mit seinem Quartalsbericht zwar die Analystenschätzungen, blieb aber hinter den überzogenen Erwartungen der Investoren zurück.
Die Folge: Die Aktie brach in Seoul zeitweise um bis zu 10% ein und riss die gesamte koreanische Speicherchip-Branche sowie den Kospi-Index mit nach unten. In den USA reagierten Micron und Sandisk im vorbörslichen Handel prompt mit Abgaben.
Nasdaq 100 verliert 1,2% – Volatilitätsindex bei rund 27 Punkten
Was die Sache zusätzlich pikant macht: Der Index hat seit Ende März rund 30% zugelegt, und zuletzt gab es sechs aufeinanderfolgende Handelstage mit Kursausschlägen von jeweils mehr als 1% – die längste solche Serie seit August 2024. Maxwell Grinacoff, Leiter der US-Aktienderivate-Research bei UBS, bezeichnete das Ausmaß der Schwankungen als bemerkenswert.
Ein zweiter Faktor kommt hinzu, den man in den Kursausschlägen der vergangenen Tage eigentlich schon hätte spüren müssen: SpaceX ist am Dienstag offiziell in den Nasdaq 100 aufgenommen worden. Amy Wu Silverman, Derivate-Strategin bei RBC Capital Markets, verwies darauf, dass frisch gelistete Werte grundsätzlich volatiler handeln – und dass sich die Vola-Differenz zwischen Nasdaq und S&P 500 wohl erst dann wieder einengt, wenn auch eine mögliche Aufnahme von SpaceX in den S&P 500 näher rückt.
Nasdaq 100 Chart (dargestellt via ETF-Proxy: Invesco QQQ Trust)
Samsung-Schock reicht bis zu Micron und Nvidia durch
Nvidia zeigte sich deutlich gefasster und gab im selben Zeitraum etwa 5,6% nach.
Der Unterschied liegt auf der Hand: Micron hängt als reiner Speicherchip-Hersteller direkter am selben Zyklus wie Samsungs Memory-Sparte, während Nvidia mit seiner breiteren KI-Infrastruktur-Positionierung weniger unmittelbar betroffen ist.
Genau deshalb reagierte der Kurs auch spürbar heftiger auf die enttäuschten Erwartungen aus Seoul.
| Index / Aktie | Schlusskurs (Stand 7.7.) | Veränderung |
|---|---|---|
| Nasdaq 100 | 29.339 Punkte | -1,2% |
| S&P 500 | 7.516 Punkte | -0,3% |
| Micron Technology | 984,75 USD* | -18,7% (2 Wochen) |
| Nvidia | 196,93 USD | -5,6% (2 Wochen) |
*Letzter verfügbarer Schlusskurs vom 6.7.
Micron Technology Aktie Chart
Interessant ist dabei ein Detail, das in der aktuellen Berichterstattung eher untergeht: Trotz der jüngsten Abgaben gibt es laut Positionierungsdaten von Citi noch keine Anzeichen für eine Kapitulation der Anleger – weder auf der bullischen noch auf der bärischen Seite. Die Strategen um David Chew sehen vielmehr eine kontinuierliche Verbesserung der US-Aktienpositionierung, getrieben von Short-Eindeckungen im S&P 500 und einem stetigen Aufbau neuer Long-Positionen im Nasdaq 100 sowie im Russell 2000.
FOMC-Protokoll am Mittwoch könnte die Richtung vorgeben
Flankiert wird das Ganze von einer 10-jährigen und einer 30-jährigen Anleihe-Auktion sowie, am Donnerstag, den wöchentlichen Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe. Sollten diese deutlich von der Konsensschätzung abweichen, wäre das ein zusätzlicher Impuls für die Zinserwartungen – und damit indirekt auch für die Bewertung der besonders zinssensitiven Tech-Werte.
S&P 500 Chart
Goldman Sachs setzt auf die „alte Wirtschaft“
Bemerkenswert ist, dass nicht alle Häuser die aktuelle Schwäche als Warnsignal lesen. Die Strategen von Goldman Sachs um Guillaume Jaisson gehen davon aus, dass kapitalintensive Unternehmen in der laufenden Berichtssaison besser abschneiden dürften als Firmen, deren Vermögenswerte vor allem aus Humankapital oder digitalen Gütern bestehen. Die Begründung: Anleger seien für eine Welt, in der Infrastruktur, Fertigungskapazitäten und physische Vermögenswerte wieder strategisch an Bedeutung gewinnen, noch immer unterinvestiert.
Das wäre, sollte es sich bestätigen, ein durchaus bemerkenswerter Rollentausch – schließlich war es über weite Strecken der vergangenen Jahre gerade der „asset-leichte“ Teil der Tech-Branche, der die Indizes nach oben gezogen hat.
Was Anleger diese Woche im Blick behalten sollten
Für die Berichtssaison selbst liefert der Donnerstag mit Delta Air Lines traditionell den informellen Startschuss; PepsiCo und Levi Strauss folgen bereits davor. Wer wissen will, wie robust die Konsumnachfrage tatsächlich noch ist, bekommt hier erste handfeste Anhaltspunkte – unabhängig davon, wie sich die Vola im Tech-Sektor in der Zwischenzeit weiterentwickelt.
Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die man sich bei aller Aufregung um Samsung und Co. vor Augen halten sollte: Hohe Volatilität ist noch kein Vorbote eines Crashs, sondern zunächst einmal genau das, wonach es klingt – Unsicherheit darüber, wie weit eine Rally noch tragen kann, die seit Ende März immerhin 30% Kursgewinn gebracht hat!
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