10 Prognosen für 2020

maxblue: Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden, über die maßgeblichen Trends und Einflussfaktoren im neuen Anlagejahr und deren mögliche Auswirkungen auf die einzelnen Anlageklassen.

1. Risiko: mit Gürtel und Hosenträger
Die maßgeblichen Unsicherheitsfaktoren im Jahr 2019 waren politischer Natur und dürften dies 2020 bleiben: Der Handelsstreit, die Diskussionen rund um den Brexit sowie geopolitische Konfliktherde, etwa Hongkong, der Nahe Osten und Lateinamerika. Hinzu kommt nun der Präsidentschafts- und Kongresswahlkampf in den USA, der laut und hitzig zu werden droht und die Kapitalmärkte 2020 in Atem halten wird. Richtig Fahrt aufnehmen dürfte dieser bereits Anfang März, wenn nach den entscheidenden Vorwahlen am „Super Tuesday“ Klarheit über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten herrschen sollte.

Je nachdem wie die einzelnen Risikofaktoren sich entwickeln, könnte es in Anbetracht der nur moderaten globalen Konjunkturentwicklung immer wieder zu aufflammenden Rezessionsängsten kommen. Die Deutsche Bank erwartet für 2020 aufgrund der Vielzahl von Einflussfaktoren keinen klaren Trend und erhöhte Schwankungen an den Kapitalmärkten. Anleger sollten daher bewusst entscheiden, welche Risiken sie eingehen möchten, und sich erst im zweiten Schritt diszipliniert auf die Suche nach Anlagechancen begeben.

2. Politik: Amerika hat die Wahl
Ob Donald Trump Präsident der USA bleiben wird, entscheidet sich am 3. November 2020 – wer gegen ihn antritt, hingegen wahrscheinlich schon am „Super Tuesday“ am 3. März. Das Kandidatenspektrum der Demokraten reicht derzeit noch von Elizabeth Warren und Bernie Sanders am linken Rand bis zum ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden und dem Ex-Bürgermeister von New York Michael Bloomberg.

Während die Demokraten grundsätzliche Positionen wie eine harte Haltung gegenüber China und den Wunsch nach einem schwachen US-Dollar mit den Republikanern teilen, wird es hitzige Debatten etwa über die Themen Steuern, Protektionismus und Migration sowie über die Regulierung von US-Großindustrien wie Finanzen, Pharma, Energie und Tech geben.

Je nach Verlauf eines möglichen Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump, der Entwicklung bei den Umfrageergebnissen und dem Wahlausgang im November ist über das gesamte Jahr hinweg mit entsprechender Unruhe an den Kapitalmärkten zu rechnen – nicht nur, aber vor allem in den USA.

Auch der US-Kongress wird im November 2020 teilweise neu besetzt, ohne dass eine klare Mehrheit in Sicht wäre. Das kann die Handlungsfähigkeit des neuen oder alten Präsidenten bei Themen wie Steuern, Migration und Regulierung einschränken und sollte gegen allzu extreme Entscheidungen in diesen Bereichen sprechen – die Verhängung möglicher Strafzölle bleibt davon jedoch unberührt. In Europa bestimmt weiterhin der Brexit die politische Landschaft. Ob der EU-Austritt Großbritanniens zu einer tieferen Integration der Restunion in Sachen Fiskalpolitik, Bankenunion und Klimaschutz führt, ist noch nicht abzusehen – wünschenswert wäre es im Sinne der europäischen Idee allemal.

 


 

3. Wachstum: nie wieder Rezession
Der aktuelle US-Konjunkturzyklus dauert mittlerweile gut zehn Jahre an – muss deshalb aber noch nicht zu Ende gehen. Zwar könnten Rezessionsängste auch 2020 immer wieder aufflammen, die moderate konjunkturelle Erholung seit der Finanzkrise sollte sich jedoch fortsetzen. Stützend wirken dürfte auch weiterhin der robuste US-Konsum, der für rund drei Viertel der amerikanischen und ein Sechstel der globalen Wirtschaft steht.

Darüber hinaus läuft die chinesische Wirtschaft wie von Peking geplant: Die Transformation hin zu einem konsumgetriebenen Wachstumsmodell ist in vollem Gange, die Schuldenproblematik hat die Regierung im Blick und Wachstumseinbußen können mit staatlichen Stimulierungsmaßnahmen abgefedert werden. Die Stabilisierung der beiden Wirtschaftssupermächte sollte sich positiv auf die exportabhängige deutsche Konjunktur auswirken – zumal die Baukonjunktur in Deutschland weiter brummt und zusätzliche Wachstumsimpulse geben dürfte.

4. Konjunktur: von der Geldpolitik zur Fiskalpolitik
Die Geldpolitik stößt zunehmend an ihre Grenzen: Insbesondere in der Eurozone, wo der EZB ohnehin kaum weiterer Spielraum bleibt, mehren sich die kritischen Stimmen zu den negativen Effekten der Niedrigzinspolitik. Stattdessen rückt die Fiskalpolitik als möglicher Konjunkturstimulator in den Fokus – etwa durch die Ankündigung der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, in den kommenden zehn Jahren insgesamt eine Billion Euro für den Klimaschutz aktivieren zu wollen.

In China dürften kurzfristige konjunkturelle Wachstumsdellen mit kleineren, gezielten Fiskalprogrammen geglättet werden. Auch in den USA erwartet die Deutsche Bank vorerst keine weiteren geldpolitischen Schritte. Allerdings stünde die Fed bei einer wider Erwarten enttäuschenden Konjunkturentwicklung bereit, um mit Leitzinssenkungen einzugreifen.

5. Devisen: Währungen als Ventil und Instrument
Die Devisenmärkte könnten auch 2020 als Ventil für negative Politik- und Wachstumsschocks dienen – so wie 2018/2019, als der chinesische Renminbi (CNY) im Zuge der US-Strafzölle zeitweise deutlich abwertete und dadurch den chinesischen Außenhandel stützte. Bei einer Verschnaufpause im Handelskonflikt sollte sich der Wechselkurs 2020 um 7 USD/CNY einpendeln. Die Entwicklung des Euro wird von vielen Faktoren beeinflusst: Die Stabilisierung der Weltkonjunktur, fiskalische Maßnahmen, ein Brexit ohne weitere negative Überraschungen und politische Unsicherheiten im Zuge des Wahlkampfs in den USA, könnten die Gemeinschaftswährung auf 1,15 US-Dollar steigen lassen.

Risiken gehen von der zunehmenden Politisierung der Devisenmärkte aus. Kommt es im Umfeld der expansiven Geldpolitik einzelner Notenbanken zu einer Schwächung der jeweiligen Währung zum US-Dollar, besteht die zunehmende Gefahr, von den USA als „Währungsmanipulator“ eingestuft zu werden. Das betrifft Länder wie Japan, die Schweiz und Deutschland. Ein Währungskonflikt oder andere Negativentwicklungen könnten die relative Ruhe an den Devisenmärkten beenden.

 


 

6. Anleihen: Negativ ist nicht normal
Das Volumen negativ rentierender Anleihen ist zuletzt zwar etwas gesunken, beträgt weltweit aber immer noch mehr als 12 Billionen US-Dollar. Das starke Rentenjahr 2019 zeigte jedoch, dass es auch in Niedrigzinsphasen interessante Investmentmöglichkeiten im Anleihesegment gibt. Eine dynamische Steuerung des Zinsänderungs- und Zahlungsausfallrisikos sowie ein internationaler Investmentansatz unter Berücksichtigung der Währungskomponente scheinen dabei ratsam zu sein – Kaufen-und-halten-Strategien dagegen nicht.

Insgesamt sollten Anleiheinvestoren liquide Papiere mit guter Bonität bevorzugen, da illiquide Papiere im Falle einer Konjunktureintrübung aufgrund ihrer möglicherweise vorübergehend eingeschränkten Handelbarkeit stärker von Kursverlusten betroffen sein könnten als der Gesamtmarkt. Anleihen bleiben aus Gründen des Risikomanagements ein wichtiger Bestandteil des Portfolios.

7. Immobilien: Ruhe und Rendite
Immobilienanlagen könnten in Zeiten turbulenter Kapitalmärkte für Ruhe im Portfolio sorgen. Weiterhin stabil entwickeln sollte sich beispielsweise der deutsche Markt: Die Preise für Wohn- und Gewerbeimmobilien stiegen im 3. Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahr jeweils um 5,9 Prozent. Die durchschnittliche Bruttomietrendite von rund 4 Prozent erscheint mit Blick auf das anhaltende Niedrigzinsumfeld nach wie vor interessant.

In Europa dürften Gewerbeimmobilien, und hier vor allem Logistikobjekte, vom anhaltenden Siegeszug des Online-Handels profitieren. Das gilt auch für den US-Markt, an dem zudem sogenannte community center, eine Kombination aus Einkaufs- und Freizeitzentrum, in den Anlegerfokus rücken. Für langfristig orientierte Anleger mit einer entsprechenden Risikobereitschaft bleibt ein breit gestreutes Immobilieninvestment eine gute Möglichkeit, ihr Portfolio zu diversifizieren.

8. Aktien: Rumble in the Jungle
Im legendären Boxkampf „Rumble in the Jungle” steckte Muhammad Ali die Schläge George Foremans lange weg und gewann schließlich doch. Der globale Aktienmarkt hatte 2018/2019 auch viel einzustecken – Handelsstreit, schwache Konjunkturdaten, Gewinnrezession, Zinsschock, Brexit-Unsicherheiten – und war ebenfalls Gewinner.

Trotz zunehmender Schwankungsrisiken dürften entsprechend risikobereite Anleger 2020 an Aktien festhalten: Im Vergleich zu Staats- und Unternehmensanleihen erscheint das Chance-Risiko-Profil von Aktien nach wie vor interessant. Wichtiger denn je sind dabei eine breite Streuung und ein aktives Management des Portfolios. Denn am Markt könnten die Anlagefavoriten im Jahresverlauf je nach konjunktureller Nachrichtenlage phasenweise wechseln: In einem eher unsicheren Marktumfeld sollten sich Aktien von Software-, Versorgungs- und Pharmaunternehmen sowie Aktienmärkte wie die USA am besten entwickeln.

Dreht die Stimmung ins Positive, könnten dagegen Papiere von Hardware- und Halbleiterherstellern, Industrie- und Finanzunternehmen sowie konjunkturabhängige Märkte wie Japan und Deutschland zu den Gewinnern zählen. Insgesamt kursstützend sollten die Unternehmensgewinne wirken. Aktuell schätzen die Marktteilnehmer diese aus Sicht der Deutschen Bank allerdings noch etwas zu hoch ein. Für 2020 rechnet sie für die wichtigsten Aktienmarktregionen eher mit einem Gewinnwachstum im mittleren bis hohen einstelligen Bereich.

 


 

9. Rohstoffe: Schmuck am Nachthemd
Mit einem größeren Nachfragewachstum und steigenden Preisen ist an den globalen Rohstoffmärkten kaum zu rechnen. Am Ölmarkt erwartet die Deutsche Bank sogar eine Ausweitung des Angebotsüberschusses und dadurch leicht sinkende Ölnotierungen mit einem Brent-Ölpreis von 58 US-Dollar zum Jahresende 2020. Hauptakteur dabei sind die USA mit ihrer rasant wachsenden Schieferölproduktion, die mittlerweile mehr als 70 Prozent zur gesamten US-Ölproduktion von rund 13 Millionen Barrel pro Tag beiträgt. Hinzu kommt, dass ohne die Rekordproduktionsrückgänge in Venezuela, Iran und Libyen der Ölpreis schon heute rund 30 Prozent niedriger liegen würde.

Gold dürfte in Zeiten einer leichten konjunkturellen Erholung und moderat steigender Zinsen phasenweise zwar ebenfalls unter Druck geraten, bleibt aber ein möglicher Baustein zur Stabilisierung des Portfolios. Eventuelle Preisrückgänge könnten dabei als Einstiegsgelegenheit genutzt werden. Unter den Industriemetallen scheinen unter anderem Nickel, Lithium und Kobalt Preispotenzial zu bieten. Sie dürften als „Batteriemetalle“ langfristig vom weltweiten Trend zur E-Mobilität profitieren.

10. Trends: Nachhaltigkeit ist ein Thema
Thematische Investments liegen im Trend. Dazu gehören Nachhaltigkeitsanlagen, die im Zuge der aktuellen Klimadebatte gefragter sind denn je – zumal sich zum Beispiel Aktien von Unternehmen, über die bezüglich des Umweltschutzes positiv berichtet wurde, laut einer globalen Studie der Deutschen Bank über die vergangenen zwölf Jahre um 20 Prozentpunkte besser entwickelt haben als der Gesamtmarkt. Vor allem Europa könnte für Anleger einen Blick Wert sein: Hier liegt man bei der Regulatorik und Einführung von ESG-Standards (environment, social and governance, zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) im internationalen Vergleich vorne.

Möglich war die Studie, für die mehr als fünf Millionen Seiten Unternehmensberichte analysiert wurden, nur mit Technologien wie Big Data und künstlicher Intelligenz. Auch diese zukunftsträchtigen Technologiebereiche, ebenso wie Robotik, Cloud-Computing, Cybersicherheit und der neue Mobilfunkstandard 5G, eröffnen Anlegern neue Investmentmöglichkeiten. Denn sie verändern nicht nur unseren Alltag, sondern durch ihr rasantes Wachstum auch die Aktienmärkte. Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft, die langfristige Renditechancen suchen, dürften bei den Themen Nachhaltigkeit und Technologie gut aufgehoben sein.

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