Wohin entwickelt sich der ETF-Markt?

DEKA ETF: Jan Altmann von 4asset-management ist als Berater und als Trainer für die ETF-Branche unterwegs. Er betreibt auch ein Suchportal für ETFs. Im Interview erläutert er die Entwicklungslinien für die Zukunft.


Sie beschäftigen sich schon seit der Einführung der ETFs in Europa im Jahre 2000 intensiv mit diesen Fonds. Was waren die Meilensteine, die maßgeblich zum Erfolg der ETFs beigetragen haben?
Natürlich muss man zunächst die bekannten Produkteigenschaften nennen: der einfache Zugang zu Anlageklassen, die gute Handelbarkeit und die geringen Kosten. Aber das erklärt nicht alles. Es gab eine Reihe von Meilensteinen in der Entwicklung, die das rasante Wachstum beförderten. Zunächst wurde zu Beginn in Deutschland mit Indexchange, der HypoVereinsbank-Tochter, ein Anbieter geschaffen, der sich voll auf ETFs konzentrierte.

 

2005 kamen die ersten Dividenden-ETFs auf den Markt, die bei institutionellen und privaten Anlegern äußerst beliebt wurden. 2006 wurde Indexchange dann von iShares, der Barclays Tochter, übernommen, was wie ein Signal für mehr ausländisches Engagement auf dem deutschen Markt war.

Im gleichen Jahr hielt die Deutsche Bank in einem zweiten Anlauf mit swapbasierten ETFs dagegen. Die sind zwar heute durch die physische Replikation weitgehend verdrängt, aber sie sind auch nicht das Teufelszeug, zu dem sie vielfach erklärt wurden. Durch sie konnten die Deutsche Bank, aber auch Lyxor ETFs damals in kurzer Zeit die Zahl der Produkte enorm steigern.

Dann kam ja 2007 die Finanzkrise. Obwohl die Kurse kräftig fielen, mithin auch die der ETFs, profitierte diese. Warum?
Die ETFs bestanden damals ihren Liquiditätstest. Es gab keinen Vorfall, bei dem man die Fonds nicht handeln konnte. Das schuf großes Vertrauen vor allem bei den Institutionellen, die bekanntlich große Volumina bewegen. Entsprechend stieg das Mittelaufkommen sprunghaft.

Das lief meist ohne Beteiligung privater Anleger. Was brachte da den Schub?
ETFs wurden zu strategischen, eher langfristigen Investments. Das waren in den vergangen vier Jahren die Sparpläne, die von den Online-Banken vorangebracht wurden. Privatanleger konnten schon mit kleinen monatlichen Summen langfristig Vermögen aufbauen, und das zu deutlich weniger Kosten als bisher im klassischen Fondsgeschäft.

Wo steht die Branche jetzt? Sind ETFs, was ja schon früh vorausgesagt wurde, inzwischen ein Massenprodukt, das jeder hat?
In Amerika ist das schon so. Dort wird rund die Hälfte aller Fonds passiv gemanagt, davon die Hälfte in ETFs. In Europa sind wir davon noch weit entfernt. Verglichen mit den aktiven Produkten entfallen nicht mal zehn Prozent des gesamten Fondsvolumens auf ETFs. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Das Potenzial ist riesig.

Wird das durch die zahlreichen neuen Produkte im Bereich Smart Beta vorangetrieben?
Das sehe ich nicht. Gut, die ersten Smart-Beta Fonds haben wir ja schon vor mehr als zehn Jahren mit den Dividendenfonds erlebt, und dieser Bereich läuft hervorragend. Aber die neuen Produkte betrachte ich eher als Ersatz für aktives Management. Bei denen lassen sich Rendite und Risiko nur schwer einschätzen. Die muss man genau so intensiv analysieren wie aktive Fonds. Viele wollen das nicht oder können es auch nicht, wenn ich an die Privaten denke.

Welches Potenzial sehen Sie bei den Privatanlegern?
Die Sparpläne waren der Anfang. Die Anleger nutzen verstärkt auch darüber hinaus ETFs, und zwar überwiegend sehr konservativ mit Standardprodukten. Ich sehe zwei Haupttrends. Zum einen ist es die Digitalisierung, die es privaten Anlegern leichter macht Portfolios je nach Risikobereitschaft zu gestalten – mit digital unterstützter Beratung und digitaler Vermögensverwaltung.

Zum anderen ist es die neue Finanzmarktrichtlinie MiFid 2. Die verpflichtet die Finanzdienstleister zur neutralen Auswahl von Produkten und zur Kostentransparenz. Wie soll das gehen bei 17 000 Publikumsfonds, die sich kaum unterscheiden? Ich rechne damit, dass dann einfach ETFs genommen werden. Da macht man weniger Fehler. Das sollte die Branche ganz schön durchschütteln. Das wird ETFs stark begünstigen.

Bedeutet das grünes Licht für die vielen Start-up-Fin-Tech-Unternehmen, die mit Robo-Advisory punkten wollen?
Die Chance, bei den Privatanlegern in kurzer Zeit eine neue Marke zu etablieren, ist äußerst gering, vielleicht nicht mal vorhanden. Warum soll ein Anleger sein Geld einer Firma anvertrauen, die gerade ein Jahr auf dem Markt ist? Deswegen erhalten die Robo-Advisor auch nur relativ geringe Summen, sozusagen als Testfahrt.

Erst bei der nächsten Krise wird sich zudem zeigen, was diese Angebote wert sind. Ich denke, dass diese neuen Konzepte nur im Verbund mit starken, vertrauenswürdigen Marken zum Erfolg kommen, zum Beispiel bei den Online-Banken. Das zeigt sich auch in Amerika. Dort ist der Personal Advisor Service von Vanguard bei weitem am erfolgreichsten.

ETFs punkten durch ihre niedrigen Gebühren, die in den letzten Jahren mehrfach gesenkt wurden. Lohnt es sich einzelne Fonds genau zu analysieren, auf die Abbildungsqualität und längerfristige Performanceunterschiede zu achten, frei nach dem Motto: Billiger ist nicht unbedingt besser?
Das mag im Einzelfall so sein, aber generell sage ich: Billiger ist langfristig immer besser. Bei den großen Indizes mit hoher Liquidität machen alle Anbieter einen guten Job. Da können die Privatanleger die Managementgebühren durchaus als Signal für niedrige Kosten nehmen. Professionelle Anleger dürfen gerne in teure Einzelanalysen investieren. Vielfach wird da heute kaum noch Mehrwert generiert.

Die nächsten zehn Jahre bei den ETFs – was erwartet uns?
Wir müssen nicht zehn Jahre lang warten. Das geht alles schneller. In nur drei bis vier Jahren wird das Volumen der ETFs von jetzt rund 600 Milliarden Euro in Europa um das Vier- ja Fünffache steigen. Es wird zudem einen massiven Umbruch in den Vertriebskanälen geben. Jeder Finanzdienstleister wird ETFs, aber auch verstärkt klassische Indexfonds im Angebot haben. Ich erwarte, dass klassische Indexfonds, die anders als ETFs nicht ständig an der Börse gehandelt werden, aber ebenso kostengünstig wie diese sind, auch in Deutschland einen Boom erleben.

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