Differenzkontrakte: Wie verschiedene Märkte den Retail-Handel regulieren

In der Finanzwelt wird die Beziehung zwischen Aufsichtsbehörden und Brokern gerne als Katz- und Mausspiel bezeichnet: Die von Profithunger getriebene Maus möchte die Grenzen des Zulässigen austesten und findet ständig neue Schlupflöcher. Die Katze indessen möchte die Anleger schützen, die Prozesse verlangsamen und sie für alle Beteiligten sicherer machen.

Wie dem auch sei, ein Trend ist deutlich zu erkennen: Die Aufsichtsbehörden einigen sich zunehmend auf bestimmte Regeln und Anforderungen.

In diesem Beitrag soll die aktuelle Regulierungslandschaft aus der Sicht eines Einsteigers geschildert werden. Er liefert Informationen zur Geschichte der CFD-Regulierung und gibt einen allgemeinen Überblick über die verschiedenen Regulierungssysteme. Zur Vereinfachung wurden diese in drei Kategorien eingeteilt: strenge, moderate und laxe Systeme. Abschließend wird die CFD-Branche auch aus der technologischen Perspektive beleuchtet.

 


 

Strenge Regulierungssysteme: Japan und die USA

Japan und die USA gehören zwar zu den größten Online-Tradingmärkten der Welt, gelten aber zugleich als zwei der Länder, in denen CFD-Broker nur sehr schwer oder gar nicht Fuß fassen können. Denn in den USA dürfen Differenzkontrakte gar nicht gehandelt werden. Japan seinerseits erschwert den CFD-Handel durch eine Kombination aus mehreren Faktoren: die abschreckend hohe vorgeschriebene Kapitalausstattung, die bis in den zweistelligen Millionenbereich gehen kann, hohe Betriebskosten und sehr strenge Anforderungen an die Berichterstattung.

Japan kann sich rühmen, einen der hochentwickeltsten Retail-Trading-Märkte der Welt zu besitzen. Die japanischen Privatanleger sind so aktiv, dass ihr Trading-Volumen die Devisenmärkte deutlich beeinflusst – ein Phänomen, das als „Mrs.-Watanabe-Effekt“ bezeichnet wird.

Der Grund dafür, dass so viele versierte Privatanleger in den Handel mit Fremdwährungen einstiegen, waren die Zinssätze des japanischen Bankensystems. Sie befanden sich nach Jahrzehnten einer unkonventionellen Geldpolitik der japanischen Zentralbank (BoJ) auf einem Rekordtiefstand. Was die Brokerhäuser angeht, gibt es zwar eine ganze Reihe japanischerAkteure, doch im Wesentlichen wird der Markt von einigen wenigen Big Playern dominiert.

In den Vereinigten Staaten dagegen lag der Schwerpunkt schon immer eher auf dem Aktienhandel. Der US-Aktienmarkt ist Gegenstand des nationalen Stolzes, seine Performance für viele Amerikaner einer der wichtigsten Indikatoren für wirtschaftlichen Wohlstand. Berücksichtigt man außerdem die Funktion des US-Dollars als Reservewährung, so wird klar, warum Währungen für die meisten US-amerikanischen Privat-Trader keine große Rolle spielen.

Wie bereits erwähnt, sind Differenzkontrakte in den Vereinigten Staaten nicht erlaubt. Wegen seiner schieren Größe und seiner wohlhabenden Bewohner ist das Land aber ein sehr begehrter Markt für FX-Broker, die Zugang zum OTC-Devisenmarkt bieten. Bei den Retail-Anbietern fand im Laufe der letzten zehn bis 15 Jahre eine starke Konzentration statt: Von 2007 bis heute schrumpfte die Zahl der Broker von 52 auf eine Handvoll Main Player.

Moderate Regulierungssysteme: Europa und Australien

Auch Europa ist einer der größten Online-Tradingmärkte der Welt, und innerhalb Europas war Großbritannien bislang das Land mit den meisten aktiven Händlern (was sich mit dem Brexit allerdings ändern könnte). Für Europas CFD-Broker ist die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) zuständig. Sie legt die Standards fest und gibt den Rahmen für die Regulierungspraxis der nationalen EU-Aufsichtsbehörden vor.

Australien ist ein eher junger Player auf dem CFD-Retail-Markt. Dort wurden Differenzkontrakte erstmalig im Jahr 2002 angeboten, als der CFD-Market-Maker CMC Markets und in Folge auch die IG Group begannen, eine Präsenz auf dem Kontinent aufzubauen. 2016 gab es bereits 65 Unternehmen, die in Australien Differenzkontrakte anboten.

Für die Finanzaufsicht ist in Australien die Australian Securities and Investment Commission (ASIC) zuständig. Sie hatte im Laufe der letzten Jahre deutlich mehr Broker zu verzeichnen, die die für den Betrieb von Finanzdienstleistungsunternehmen notwendige Lizenz (Australian Financial Services License) beantragten. Der Grund: strengere Bestimmungen in Europa und die Aussicht, neue Kunden aus dem asiatisch-pazifischen Raum zu gewinnen. Jedoch ist die ASIC gerade dabei, ihre Bestimmungen an die der ESMA anzugleichen und so der Aufsichtsarbitrage einen Riegel zu vorzuschieben – mehr dazu später.

Im Vergleich zu den USA und Japan sind diese Regulierungssysteme gemäßigt. Sie verlangen eine geringere Kapitalausstattung und machen diese von der Kategorisierung des Brokers abhängig (weniger als eine Million EUR für Großbritannien und die EU sowie eine Million AUD für Australien). Außerdem sind sie mit niedrigeren Betriebskosten verbunden und stellen weniger strenge Berichtsanforderungen.

Innerhalb Europas war Zypern bislang ein besonders attraktiver Markt für CFD-Broker. Das ist zum einen auf die günstigen Körperschaftssteuersätze und die erfahrenen zypriotischen Fachkräfte zurückzuführen. Zum anderen ist es in Zypern relativ einfach und kosteneffizient, ein Unternehmen zu registrieren und eine Zulassung zu beantragen, die dann via EU-Pass auf andere europäische Länder übertragen werden kann. Diese strategischen Vorteile führten dazu, dass bereits mehrere Hundert Zulassungen an CFD-Retail-Broker erteilt wurden.

Zyperns Finanzaufsichtsbehörde Cyprus Securities and Exchange Commission (CySEC) versuchte außerdem, den verschärften EU-Vorschriften etwas entgegenzusetzen: Sie schlug flexiblere Hebelbegrenzungen vor, die erfahreneren und finanziell besser aufgestellten Tradern ermöglichen, mit einem höheren Hebel als dem ESMA-Limit von 30:1 zu arbeiten. Die Behörde kam aber von ihrem Vorschlag ab – ein Beleg dafür, dass tatsächlich eine Angleichung der Regulierungspraxis stattfindet.

 


 

Laxe Regulierungssysteme: Bahamas, Belize, British Virgin Islands, Mauritius, Seychellen, Vanuatu

Die Länder dieser letzten Gruppe gelten als locker regulierte Märkte: Sie verlangen eine noch niedrigere Kapitalausstattung, stellen weniger strenge Anforderungen an die Berichterstattung und bieten weitere Steueranreize. Hinzu kommen die geringen Betriebskosten und die unkomplizierte Knüpfung von Bankbeziehungen. Das alles sind Gründe, die diese traditionellen Steueroasen heute sehr attraktiv für angehende Broker machen.

Auf der einen Seite bieten sie die Vorteile, die eine Zulassung durch eine Aufsichtsbehörde hat, zum Beispiel durch die Securities Commission auf den Bahamas (SCB), die International Financial Services Commission (IFSC) in Belize, die British Virgin Islands Financial Services Commission (BVIFSC) auf den British Virgin Islands oder die Vanuatu Financial Services Commission (VFSC) auf Vanuatu.

Auf der anderen Seite erlegen sie den Anbietern nicht die Beschränkungen eines strengeren Systems auf. In manchen Staaten ist noch nicht einmal die physische Präsenz des Unternehmens erforderlich.

Viele Online-Broker, deren Geschäftsmodell auf den Praktiken beruhen, die in Europa allmählich abgeschafft werden (aggressives Marketing, Bonus-Anreize, hohe Hebel), sehen diese Staaten als echte Alternative an. Ein Trend bei neu entstehenden Brokerhäusern besteht darin, ihr Unternehmen in einem der lax regulierten Staaten zu gründen und sich sozusagen emporzuarbeiten: Sobald ihr Geschäft Profit abwirft, wechseln sie in renommiertere Märkte.

Diese Variante hat natürlich den Nachteil, dass das Geschäftsmodell und die Berichtsinfrastruktur komplett überholt werden müssen, um die strengen Anforderungen dieser Regulierungssysteme zu erfüllen.

Wichtige Entwicklungen in der Finanzregulierung

Die moderat regulierenden Märkte haben im Laufe des letzten Jahrzehnts an Bedeutung gewonnen. Wie bereits in der Einleitung erläutert, sind diese Staaten dabei, ein gemeinsames Regelwerk einzuführen, das die Aufsichtsarbitrage erschwert und Anleger vor manchen früheren Exzessen der CFD-Branche schützt (Hebel von 500:1, Boni, Verkaufstaktiken, mit denen hoher Druck ausgeübt wird).

Aus kürzlich veröffentlichten Dokumenten der australischen Aufsichtsbehörde geht hervor, dass sie derzeit Beschränkungen des CFD-Handels in Betracht zieht, die der 2019 in Europa eingeführten ESMA-Regelungsehr nahekommen.

Das Konsultationspapier der ASIC Product Intervention: OTC binary options and CFDs enthält einen Vorschlag, der den Empfehlungen der ESMA auffallend ähnlich ist. Wie in der Tabelle unten zu erkennen ist, wird der einzige Unterschied wohl darin liegen, dass für die Hauptwährungspaare (Forex Majors), die exotischen Währungspaare (Forex Minors) und für Gold die gleiche Hebelobergrenze (20:1) angesetzt werden, während die Behörde die großen und kleineren Indizes in derselben Hebel-Kategorie ansiedelt, nämlich bei einem Maximum von 10:1.

Asset ESMA ASIC
Margenanforderung Maximaler Hebel Margenanforderung Maximaler Hebel
Forex Majors 3,33 % 30:1 5 % 20:1
Forex Minors 5 % 20:1 5 % 20:1
Große Indizes 5 % 20:1 10 % 10:1
Gold 5 % 20:1 5 % 20:1
Kleine Indizes 10 % 10:1 10 % 10:1
Aktien 20 % 5:1 20 % 5:1
Kryptowährungen 50 % 2:1 50% 2:1

Weitere Parallelen zwischen den Einschränkungen der ESMA und den von der ASIC vorgeschlagenen Maßnahmen sind das Verbot binärer Optionen für Privatanleger, der Schutz vor negativen Kontosalden für alle Kunden und das Erfordernis, Kundenpositionen bei einem Verlust von 50 Prozent automatisch glattzustellen.

Die australische Aufsichtsbehörde hat zudem empfohlen, Trading-Anreize wie Boni zu verbieten. Sie möchte die Broker darüber hinaus zwingen, den Prozentsatz an Tradern, die Verluste erlitten haben, in ihren Marketingunterlagen klar und deutlich zu nennen. Beides sind Maßnahmen, die von der ESMA im Jahr 2019 eingeführt wurden.

Die in der Tabelle dargestellten Hebelobergrenzen decken sich mit den Maßnahmen, die Aufsichtsbehörden in anderen Teilen der Welt ergreifen. Der maximal zulässige Hebel für Differenzkontrakte liegt in Japan derzeit bei 25:1; allerdings wird derzeit diskutiert, ihn auf 10:1 zu senken. Auch in Singapur und Hongkong gilt ein Limit von 20:1, und in Südkorea beträgt die Obergrenze derzeit 10:1.

 


 

Technologie versus Marketing

Technologie hingegen ist weitestgehend neutral. Für sie spielen Regulierungsfragen keine Rolle. Somit wird sie von beiden genutzt: von denen, die die Grenzen ausloten, und von denen, die sie sicherer machen möchten. Dennoch kann Technologie auch dazu benutzt werden, die oben beschriebenenAuswüchse zu fördern–wenn Broker nämlich schnell und unkontrolliert agieren, bevor die Aufsichtsbehörden von der Notwendigkeit einer Regulierung erfahren.

Auch auf einem reifen Markt, auf dem der Verbraucherschutz Vorrang hat und die Branche durch ihre Regulierung legitimiert wurde, kommt der Technologie eine zentrale Rolle zu: Sie entscheidet, wie die Broker ihr Geschäft unter einem neuen System optimieren. Die Technologie verschafft ihnen Transparenz und erlaubt ihnen gleichzeitig, flexibel auf potenzielle Änderungen zu reagieren – sowohl im Hinblick auf die Berichtsanforderungen als auch auf mögliche Geschäftsmodelle.

Für die Kunden geht es um eine Technologie, die Plattformen mit kurzen Latenzzeiten bereitstellt. Diese Plattformen sollten präzise und minutengenaue Kurse liefern, indem die Wechselkurse verschiedener Liquiditätsanbieter in einem einzigen Echtzeit-Datenfeed zusammengefasst werden.

Für die Broker geht es um die Möglichkeit, mehrere Geschäftsmodelle gleichzeitig zu betreiben, Profile der Trader zu erstellen und diese je nach Risiko in die entsprechende Kategorie einzuordnen. Und im Hinblick auf die Berichterstattung geht es um eine Technologie, die diese Systeme nahtlos miteinander kommunizieren lässt. Sie sollte die schnelle, einfache Generierung von Berichten erlauben, die auf die einzelnen Regulierungssysteme zugeschnitten sind.

Zudem sollten all diese Technologien flexibel auf neue Branchenentwicklungen (neue Produkte oder Geschäftsmodelle) und Änderungen der gesetzlichen Anforderungen an die Berichterstattung reagieren können.

Für das CFD-Onlinetrading bricht nun die Phase an, in der moderne Technologien zum Einsatz kommen müssen. Früher genügte es, sich auf die Konvertierung von Leads zu konzentrieren und die technische Infrastruktur hintanzustellen. Doch diese Tage sind gezählt –insbesondere für die moderaten Regulierungssysteme, die einen wesentlichen Teil des gesamten Markts ausmachen. Heute ist die Technologie, die ein Broker einsetzt, sehr viel wichtiger als das, was er in seinen Marketingkanälen über seine Arbeit aussagt.

Die Kosten für die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen sind auf einem stark regulierten Markt beträchtlich höher. Das lässt sich aus der Entwicklung ableiten, die in strengerenSystemen zu beobachten ist. Gleichzeitig gibt es dort aber weniger Möglichkeiten, schnelle Erträge aus nicht regulierten Geschäften zu erzielen. Das führt zwangsläufig dazu, dass weniger – nämlich große – Player übrig bleiben.

Wie wappnet man sich also für ein solches Marktumfeld?Die Antwort lautet: indem man sein Geschäftsmodell und seine Berichtsinfrastruktur in puncto Effizienz radikal optimiert – und gleichzeitig an die Anforderungen der Behörden und Liquiditätsprovider anpasst.

Mit anderen Worten, es geht um die Technologie hinter den Trading-Plattformen:die Marktdaten-Infrastruktur, das Risikomanagement, die Konnektivität und die Berichts- und Kundendaten-Architektur. Sie ist es, die dem Broker von morgen den entscheidenden Vorsprung auf einem heiß umkämpften Markt verschafft.

 

Über den Autor Conor O’Driscoll, Vice President of OTC Platform bei Devexperts

Conor O’Driscoll ist eine versierte Führungskraft im Bereich Finanzdienstleistungen und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung mit institutionellen und Retail-Brokerhäusern. Aktuell bekleidet er den Posten des Vice President of OTC Platform bei Devexperts, wo er für die Roadmap und die Zukunftsvision der dxTrade-Plattform verantwortlich ist. Vor seiner Tätigkeit bei Devexperts hatte er verschiedene Managerpositionen inne, zuletzt als COO/Deputy CEO für den Online-Broker FxPro UK.

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