Staatlicher Konsum gefährdet Wachstum – wie schlecht steht es wirklich um den Standort Deutschland?

Die anhaltende Ausweitung des Staatskonsums gefährdet langfristig die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, sagt ifo Präsident Clemens Fuest. „Deutschland befindet sich seit etwa sieben Jahren in einer Phase der wirtschaftlichen Stagnation, doch die tatsächliche Lage ist noch schlimmer als gemeinhin angenommen“, warnt er.

Seit 2015 sei das Bruttoinlandsprodukt inflationsbereinigt zwar um 9 Prozent gestiegen, die privaten Investitionen seien jedoch seit 2019 gesunken und lägen nun auf dem Niveau von 2015. Im Gegensatz dazu sei der Staatskonsum seit 2015 um 29 Prozent angewachsen.

„Es ist dringend nötig, die Schere zwischen sinkenden privaten Investitionen und expandierenden Staatsausgaben zu schließen“, sagt Fuest. „Um das zu erreichen, muss die Politik die staatlichen Konsumausgaben eindämmen und Reformen umsetzen, die private Investitionen anregen.“

 

Deutscher Staatskonsum wächst überdurchschnittlich

Der expandierende Staatskonsum umfasst Ausgaben für Personal im öffentlichen Dienst, Sachaufwand für Behörden und soziale Sachtransfers wie Gesundheits- und Pflegeleistungen. Der Staat müsse Ausgaben tätigen, um seine Aufgaben zu erfüllen, sagt Fuest.

Stiegen die Ausgaben jedoch über einen längeren Zeitraum schneller als die Wirtschaftsleistung, führe das zu Defiziten, die der Staat durch höhere Steuern und Abgaben decken müsse. Dies beschleunige den Rückgang der privaten Investitionen.

 

„Eine Erklärung durch die demografische Entwicklung oder Argumente, den Staatskonsum in Krisenzeiten erhöhen zu müssen, greifen zu kurz, da EU-weit der Staatskonsum nicht schneller gestiegen ist als die Wirtschaftsleistung“, so Fuest.

 

Analyse der Broker-Test.de Redaktion

Die Diagnose vom „kranken Mann Europas“ galt lange als überzogen. Inzwischen liefern die amtlichen Zahlen ein anderes Bild. Nach zwei Rezessionsjahren in Folge – das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt schrumpfte 2023 und 2024 – kam die deutsche Wirtschaft 2025 nach erster Schätzung des Statistischen Bundesamtes nur um 0,2% voran.

Das ist faktisch Stillstand.

Und unter dieser dünnen Oberfläche haben sich Belastungen aufgebaut, die den Standort nicht konjunkturell, sondern strukturell schwächen: steigende Insolvenzen, eine Arbeitslosigkeit zurück über der Marke von drei Millionen, ein Schuldenberg von 2,8 Billionen Euro und eine Zinslast, die sich binnen weniger Jahre vervielfacht hat. Zunächst die wichtigsten Kennzahlen im Überblick.

 

Standort Deutschland: die Lage in vier Zahlen
Stand: Jahreswechsel 2025/2026
24.064
Unternehmensinsolvenzen 2025
▲ +10,3% – dritter Anstieg in Folge
3,08 Mio.
Arbeitslose (Januar 2026)
▲ höchster Stand seit rund 12 Jahren
2,8 Bio. €
Staatsschulden Ende 2025
▲ +144 Mrd. € in einem Jahr
>40%
der Studierenden erwägen Auswanderung
▲ von 27% im Jahr 2022
Quelle: Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bundesbank, EY. Stand: Anfang 2026.

 

Insolvenzen und Arbeitslosigkeit: Die Realwirtschaft bröckelt

Am deutlichsten zeigt sich die Schwäche dort, wo Wirtschaft konkret wird: bei den Firmenpleiten. Im Jahr 2025 registrierten die Amtsgerichte laut Statistischem Bundesamt 24.064 Unternehmensinsolvenzen – 10,3% mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2014. Es ist bereits der dritte kräftige Anstieg in Folge, nachdem die Zahl schon 2023 und 2024 um jeweils mehr als 22% gestiegen war. Die Forderungen der Gläubiger summierten sich auf rund 48 Milliarden Euro. Besonders betroffen sind das Baugewerbe, der Handel sowie Verkehr und Logistik.

Parallel dazu hat sich der Arbeitsmarkt eingetrübt. Im Januar 2026 waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 3,085 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet – so viele wie seit fast zwölf Jahren nicht mehr. Die Quote pendelt seither um 6,4 bis 6,6%. BA-Chefin Andrea Nahles sprach von einer „Talsohle“, die „wieder länger geworden“ sei.

Zugleich bezogen zuletzt rund 3,8 Millionen erwerbsfähige Menschen Bürgergeld.

Und erstmals seit Jahren wird für 2026 ein Rückgang der Gesamtbeschäftigung erwartet – die demografische Lücke beginnt, sich bemerkbar zu machen.

 

Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2022–2025
Anzahl beantragter Unternehmensinsolvenzen pro Jahr
Anzahl

14.590

17.814

21.812

24.064

2022
2023
2024
2025
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Insolvenzstatistik.

 

Ein Haushalt aus dem Gleichgewicht: Soziales, Migration, Zinsen

Das eigentliche strukturelle Problem zeigt sich im Bundeshaushalt.

Der mit Abstand größte Ausgabenblock entsteht, wenn man die Soziale Sicherung (Familie, Jugend, Arbeitsmarkt – 245 Milliarden Euro) und die migrationsbezogenen Kosten zusammenzählt: Rund 24 Milliarden Euro plant der Bund für asyl- und fluchtbezogene Ausgaben ein; zusammen ergibt das 269 Milliarden Euro, die im weitesten Sinne auf soziale und migrationspolitische Verpflichtungen entfallen – mehr als die Hälfte des gesamten Bundeshaushalts.

Allein auf das Bürgergeld, das zum 1. Juli 2026 in eine „Neue Grundsicherung“ umgewandelt wird, entfallen davon rund 28 Milliarden Euro.

Hinzu kommen die Lasten der Länder und Kommunen, die allein für Asylbewerberleistungen 2024 brutto 6,7 Milliarden Euro aufwendeten.

Zum Vergleich: Der zweitgrößte Block im Haushalt ist der Verteidigungsetat mit rund 101 Milliarden Euro – stark gewachsen, aber immer noch weniger als 40% dessen, was für Soziales und Migration zusammen fließt.

Noch deutlicher wird die Schieflage beim Blick auf Bildung und Forschung:

Gerade einmal 45 Milliarden Euro sind dafür vorgesehen – also weniger als ein Sechstel des Sozial- und Migrationsblocks, und weniger als der Schuldendienst in ein paar Jahren kosten wird.

Der am schnellsten wachsende Posten ist dabei ein anderer: die Zinslast.

Die folgende Übersicht stellt die großen Ausgabenblöcke gegenüber.

 

Ausgewählte Ausgabenblöcke im Bundeshaushalt 2026
In Milliarden Euro (Soll) · Soziale Sicherung inkl. Bund-Migrationskosten zusammengefasst
Soziale Sicherung inkl. Migration
269 Mrd. €
Verteidigung
101 Mrd. €
Zinsen (Bund)
30 Mrd. €
Bildung & Forschung
45 Mrd. €
Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Bundeshaushalt 2026. Werte gerundet.

 

Die Schuldenfalle: 2,8 Billionen Euro und eine explodierende Zinslast

Ende 2025 lag die deutsche Staatsverschuldung laut Bundesbank bei rund 2,8 Billionen Euro – ein Plus von 144 Milliarden Euro binnen eines einzigen Jahres und ein neuer Rekordstand.

Die Schuldenquote stieg auf 63,5% der Wirtschaftsleistung. Im internationalen Vergleich ist das noch moderat – die USA liegen über 120% –, doch entscheidend ist die Richtung: Mit der Verfassungsänderung von 2025, dem 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur und stark steigenden Verteidigungsausgaben plant der Bund laut Bundesrechnungshof allein zwischen 2025 und 2029 rund 850 Milliarden Euro an neuen Schulden.

Schon jetzt ist im Haushaltsentwurf fast jeder dritte Euro kreditfinanziert.

Diese Schulden haben einen Preis, der lange unsichtbar war. Im Jahr 2021 zahlte der Bund auf dem Höhepunkt der Niedrigzinsphase nur 3,9 Milliarden Euro an Zinsen. Für 2026 sind es bereits rund 30 Milliarden Euro – und der Bundesrechnungshof warnt, dass die Zinsausgaben bis 2029 auf etwa 66,5 Milliarden Euro steigen könnten.

Das wäre fast eine Verzwanzigfachung binnen acht Jahren… und ein Punkt, an dem die Zinsen für die Schulden von gestern die Investitionen von morgen zu verdrängen drohen.

 

Zinsausgaben des Bundes 2021 bis 2029
In Milliarden Euro · 2029 = Prognose des Bundesrechnungshofs
Mrd. €

3,9

30,3

66,5

2021
2026
2029*
Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Bundesrechnungshof. *2029: Prognose.

 

Brain Drain: Die Leistungsträger werden unruhig

Während über Zuwanderung viel diskutiert wird, vollzieht sich am anderen Ende eine stillere Bewegung. Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre haben jährlich rund 180.000 Menschen mit deutschem Pass das Land verlassen, etwa 129.000 sind zurückgekehrt – unter dem Strich ein spürbarer Abfluss.

Und es geht nicht um irgendwen: Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung haben 76% der deutschen Auswanderer einen Hochschulabschluss, gegenüber 25% in der Gesamtbevölkerung. Sie sind im Schnitt jung, etwa 36 Jahre alt, und verdienen ein Jahr nach dem Wegzug kaufkraftbereinigt rund 1.200 Euro netto mehr im Monat.

Noch alarmierender ist die Tendenz beim Nachwuchs. In einer EY-Studie erwägen inzwischen über 40% der Studierenden den Schritt ins Ausland – 2022 waren es erst 27%. Unter MINT-Fachkräften liegt die Auswanderungsbereitschaft laut einer SThree-Erhebung sogar bei 44%. Als Hauptgründe nennen die Befragten immer wieder dieselben Punkte: die hohe Steuer- und Abgabenlast und die ausufernde Bürokratie.

Manche Ökonomen, etwa am Institut der deutschen Wirtschaft, sprechen mit Blick auf die hohe Netto-Zuwanderung eher von „brain circulation“ als von einem klaren brain drain. Der Trend bei den jungen, gut ausgebildeten Erwerbstätigen aber ist eindeutig – und für ein Land mit absehbarem Fachkräftemangel ist es das teuerste Talent, das geht.

Fazit: Kein Kollaps, aber ein ernster Weckruf

Deutschland steht nicht am Abgrund. Die Schuldenquote ist im internationalen Vergleich beherrschbar, die Substanz der Industrie ist groß, und Bundesanleihen tragen weiter die Bestnote.

Doch die Häufung der Befunde ist das eigentlich Beunruhigende: drei Jahre steigende Firmenpleiten, über drei Millionen Arbeitslose, ein Bundeshaushalt, in dem laufende und konsumtive Ausgaben die Investitionen verdrängen, eine Zinslast, die sich verzwanzigfacht, und Leistungsträger, die zunehmend mit dem Standort hadern.

Keiner dieser Punkte für sich genommen ist eine Katastrophe – in der Summe aber ergeben sie das Bild eines Landes, das von seiner Substanz lebt, statt sie zu mehren.

Fast alle diese Größen sind politisch gestaltbar.

Steuern und Abgaben, Bürokratie, die Struktur der Staatsausgaben, der Umgang mit der Schuldenbremse – das sind Stellschrauben, keine Naturgesetze.

Ob aus dem Weckruf eine Wende wird, entscheidet sich nicht an der Konjunktur, sondern an der Bereitschaft, an genau diesen Stellschrauben zu drehen.

Noch ist der Standort stark genug, um die Kurve zu kriegen… aber das Zeitfenster wird kleiner.

Disclaimer & Risikohinweis
Themen im Artikel

Infos über ifo Institut für Wirtschaftsforschung

    ifo Institut für Wirtschaftsforschung:

    Information und Forschung: Dafür steht das ifo Institut seit seiner Gründung im Januar 1949. Es hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins und ist als gemeinnützig anerkannt. Das ifo Institut ist eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Europa und zugleich das in den de...

    ifo Institut für Wirtschaftsforschung Nachrichten

    Weitere Trading News