Ölschock als Stresstest: 7 Punkte, auf die es bei Schwellenländern jetzt ankommt

Schwellenländer treten in ein grundlegend anderes makroökonomisches Umfeld ein, das nicht durch zyklische Wachstumsunterschiede oder geldpolitische Divergenzen definiert ist, sondern durch Energiesicherheit, die Fragilität der Lieferketten und Rohstoffknappheit.

Die potenzielle Unterbrechung der Öl- und Gaslieferungen durch die Straße von Hormus ist nicht nur ein weiteres geopolitisches Risiko. Es handelt sich um einen systemischen Versorgungsschock mit dem Potenzial, die relative Performance in den Schwellenländern neu zu gestalten, Kapitalströme umzulenken und die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern zu vergrößern.

Für Anleger mit Schwellenländerfokus markiert dies einen Regimewechsel: In diesem Umfeld zählen Rohstoffintensität, Energieautarkie und logistische Widerstandsfähigkeit stärker als traditionelle Schwellenländer-Wachstumsnarrative. Entscheidend ist heute weniger die pauschale Allokation in die Anlageklasse als die Allokation innerhalb der Schwellenländer.

Wir untersuchen in sieben Schritten die Auswirkungen eines möglichen Ölschocks, die regionalen Gewinner und Verlierer und skizzieren eine Portfolio-Positionierung, die sich auf gezielte Rohstoffexponierung, Energie-Resilienz und ausgewählte Wachstumschancen konzentriert.

 

1. Schwellenländer: Differenzierung statt Gleichlauf

Das erste Quartal bestätigte ein Muster, das die nächste Phase voraussichtlich prägen wird:

  • Auf die Stärke zu Quartalsbeginn folgten in Indien, dem Nahen Osten und Lateinamerika deutliche Rückschläge.
  • Rohstoffnahe Märkte entwickelten sich überdurchschnittlich, angeführt von Brasilien.
  • China blieb auf Indexebene zurück, doch ein selektives Engagement, insbesondere außerhalb der Verbrauchertechnologie, bleibt weiterhin überzeugend.
  • Halbleiter boten zugleich einen unerwarteten Ausgleich und unterstrichen die Bedeutung differenzierter Positionierung statt breiter regionaler Wetten.

Dies ist kein Markt mehr, in dem sich „Schwellenländer“ wie eine einzige Anlageklasse verhalten. Stattdessen beobachten wir eine Fragmentierung in verschiedene makroökonomische Kategorien: Energieimporteure bleiben strukturell anfällig. Energieexporteure außerhalb des GCC (Gulf Cooperation Council) sind strukturell begünstigt. GCC-Exporteure verfügen über starke Fundamentaldaten, tragen jedoch ein hohes geopolitisches Risiko. China wiederum stellt einen Hybridfall mit eigenen Puffern dar.

 

2. Die „Luftblase“ im Ölmarkt: Warum dieser Schock anders ist

Im Mittelpunkt unseres Ausblicks steht das, was wir als „Luftblase“ in der globalen Ölversorgung bezeichnen. Hier geht es nicht allein darum, dass die Preise auf Schlagzeilen reagieren, sondern um physische Engpässe im System: Durch die Straße von Hormus fließen normalerweise etwa 20 Millionen Barrel pro Tag. Störungen können aufgrund von rund 50-tägigen Transportzyklen zu einer verzögerten, aber gravierenden Versorgungslücke führen.

Alternative Infrastruktur (Pipelines in Saudi-Arabien und den VAE) reicht nicht aus, um die Ausfälle auszugleichen. Die LNG-Märkte sind aufgrund der risikosensitiven Dynamik im Schiffsverkehr sogar noch stärker eingeschränkt.

Das Ergebnis ist eine zeitliche Lücke zwischen Nachfrage und tatsächlich lieferbarem Angebot – eine Dynamik, die Märkte in der Vergangenheit häufig unterschätzt haben.

Entscheidend ist dabei, dass die Preissignale der realen Angebotslage hinterherhinken könnten: Während die Terminkurve bei etwa 70 bis 80 US-Dollar verankert bleibt, könnten sich an den physischen Märkten deutlich höhere Preise durchsetzen, insbesondere da Asien und Europa um knappe Barrel konkurrieren.

 

3. Der unterschätzte Effekt auf Industrie und Landwirtschaft

Der am meisten unterschätzte Aspekt dieses Schocks ist nicht das Öl selbst, sondern seine Auswirkungen auf Industrie und Landwirtschaft: Versorgungsengpässe bei Düngemitteln, insbesondere bei Stickstoffdüngern und Ammoniumnitrat, bedrohen die weltweite Landwirtschaft und den Bergbau.

Bei Vorprodukten für den Bergbau kann Schwefelmangel die Kupferproduktion durch Auslaugungsprozesse beeinträchtigen. Bei Kunststoffen zeigt sich die Anfälligkeit der Lieferketten: Schon ein einzelner fehlender Inputfaktor kann ganze Produktionsketten zum Erliegen bringen.

 

4. Lateinamerika als klarer Gewinner

Vor diesem Hintergrund sticht Lateinamerika als die strukturell am besten gestellte Region unter den Schwellenländern hervor. Dafür sprechen die starke historische Verbindung zwischen Rohstoffpreisen und Aktienperformance, eine seit Jahren bestehende Bewertungsdiskrepanz sowie sich verbessernde makroökonomische Fundamentaldaten, insbesondere in Brasilien.

Während sich die Rohstoffpreise nach 2020 erholten, blieben lateinamerikanische Aktien und Währungen zurück.

Brasilien bleibt unsere Übergewichtung mit höchster Überzeugung. Gestützt wird dies durch einen positiven Terms-of-Trade-Schock, eine solide und orthodoxe Geldpolitik, eine strukturell verbesserte Handelsbilanz sowie den Status als Netto-Energieexporteur: Brasilien produziert rund 4,5 Mio. Barrel pro Tag gegenüber einem Verbrauch von rund 3,3 Mio. Barrel pro Tag.

Wichtig ist zudem, dass der brasilianische Real auf real-effektiver Basis weiterhin unterbewertet ist. Dies deutet auf zusätzliches Aufwärtspotenzial hin, sobald sich die Stärke der Rohstoffpreise durchschlägt.

 

5. China neu denken: vom Wachstumsthema zum Resilienzfaktor

China bietet eine differenziertere Chance. Obwohl das Land traditionell aufgrund seiner Energieimporte als anfällig gilt, unterscheidet es sich in diesem Zyklus durch mehrere strukturelle Faktoren: Dazu zählen eine geringere marginale Nachfragesensitivität aufgrund der bereits schwachen Binnennachfrage, die schnelle Elektrifizierung und Dekarbonisierung, wodurch die Ölintensität sinkt, erhebliche strategische Reserven von rund 1,2 bis 1,4 Milliarden Barrel und der Zugang zu alternativen Lieferketten, einschließlich russischen Rohöls.

Unsere Positionierung spiegelt diesen Wandel wider: Wir erhöhen unser Engagement in China, jedoch über Energie, erneuerbare Energien und Industrieunternehmen, die diesen Wandel ermöglichen, statt über Konsumtechnologie. Dazu zählen Unternehmen aus den Bereichen Batterie-Lieferketten, Infrastruktur für erneuerbare Energien und heimische Energiesicherheit.

 

6. Indien und das energieimportierende Asien: struktureller Gegenwind

Im Gegensatz dazu steht das energieimportierende Asien vor potenziell schwierigeren Aussichten. Indien ist das deutlichste Beispiel: Das Land ist in hohem Maße von Energieimporten abhängig, reagiert sensibel auf Währungsschwäche und hat nur begrenzte kurzfristige Möglichkeiten, steigende Inputkosten auszugleichen.

Wir haben daher unsere Position in Indien auf eine maximale Untergewichtung umgestellt, bleiben aber in Bereichen, die von der Währungsdynamik profitieren (z. B. IT-Dienstleistungen), selektiv. Allgemein sieht sich die Region mit Margendruck, Nachfragezerstörung und erhöhter makroökonomischer Volatilität konfrontiert.

 

7. Portfolio-Positionierung: Ausrichtung auf das neue Umfeld

Unsere aktuelle Positionierung ist bewusst auf gezielte Rohstoffexponierung und Energie-Resilienz ausgerichtet.

Übergewichtungen:

  • Brasilien, maximal
  • Mexiko
  • Indonesien
  • Südafrika
  • China, selektiv in Energie und erneuerbaren Energien

Vorsichtige Positionierung:

  • Indien, maximale Untergewichtung
  • vorsichtiges Engagement in Korea und Taiwan mit Fokus auf den Halbleitersektor
  • energieimportierendes Asien insgesamt

Ausschlüsse:

  • kein Engagement in der Türkei, Thailand oder den Philippinen

 

Fazit: Aktive Auswahl schlägt breites EM-Beta

Die Unsicherheit hinsichtlich der Dauer von Versorgungsengpässen, geopolitischer Reaktionen und der allgemeinen Rohstoffentwicklung führt unserer Ansicht nach dazu, dass die Märkte die realen Einschränkungen dieses Schocks unterschätzen.

Dies bereitet den Boden für eine Phase erhöhter Volatilität und ausgeprägter Streuung innerhalb der Schwellenländer, in der die Wertentwicklung zunehmend nicht mehr vom allgemeinen Beta, sondern von differenzierten Länder- und Sektorexponierungen in den Bereichen Energie, Rohstoffe und Lieferketten-Resilienz bestimmt wird.

Unserer Ansicht nach verlagert sich das Investieren in Schwellenländern von Beta-Engagements hin zu aktiver Selektion – wobei Länder-, Sektor- und sogar logistikbezogene Exponierungen über die Ergebnisse entscheiden werden.

Schwellenländer sind kein einheitliches Wachstumsthema mehr. Sie bilden vielmehr eine Reihe differenzierter makroökonomischer Exponierungen. In einer Welt mit begrenztem Energieangebot verschiebt sich der Vorteil klar zugunsten von Rohstoffproduzenten und Volkswirtschaften mit hoher Energie-Resilienz.

 

Marktkommentar von James Syme, Senior Fondsmanager bei J O Hambro

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