Anleihen: Renditeanstieg nach Zinssenkung – Inflationsziel noch nicht erreicht

Frankfurter Wertpapierbörse: Nach den Notenbanken der Schweiz, Schwedens und Kanadas hat gestern Mittag auch die EZB ihre Leitzinsen nach unten genommen. Nachdem die Ratsmitglieder den Schritt über viele Wochen verbal vorbereitet hatten, war die Senkung um 25 Basispunkte keine Überraschung mehr.

Dafür sorgten die neuen Inflationsprognosen der EZB für Bewegung an den Anleihemärkten.

Konkret rechnet die Notenbank in der Eurozone jetzt mit etwas höheren Teuerungsraten von 2,5 bzw. 2,2 Prozent in den Jahren 2024 und 2025. Die Kernrate soll in diesem Jahr sogar um 2,8 Prozent steigen.

Die neuen Prognosen deuten nach Ansicht von Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der DWS, daraufhin, „dass es nun doch länger dauern könnte, bis das Inflationsziel erreicht ist“.

Sie wertet diese Aussage als „deutlich restriktiver als erwartet“ und rechnet daher mit einer „Pause im Juli und weiteren Zinssenkungen im September und Dezember“.

 

Zinssenkung vor September „praktisch ausgeschlossen“

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank, erwartet im Sommer ebenfalls keinen weiteren Zinsschritt. Er verweist insbesondere auf die Ankündigung der Zentralbank, weiterhin datenabhängig agieren zu wollen.

Weil es gleichzeitig nur alle drei Monate neue Prognosen des EZB-Stabes gebe, sei eine weitere Zinssenkung vor September „praktisch ausgeschlossen“.

Bei der NordLB heißt es, dass die „im Spätsommer zu erwartenden geringeren Inflationszahlen die Tür für einen weiteren Zinsschritt öffnen werden“.

Auch hier wird erst im September wieder mit der nächsten Zinssenkung in der Eurozone gerechnet.

 

 

 

An den Rentenmärkten stellt man sich auf dieses Szenario bereits ein.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist auf Wochensicht zwar recht deutlich gefallen, was aber ausschließlich der Entwicklung der ersten drei Handelstage geschuldet ist.

Nach der EZB-Sitzung inklusive höherer Inflationsprognosen ging es erst mal wieder nach oben.

Genauso sah es auch im kurzen Bereich wie bei der zweijährigen deutschen Anleiherendite aus, die von ihrem Wochentief bei 2,97 Prozent zum Ende hin bis auf 3,04 Prozent kletterte.

 

Neuer Fokus auf den US-Arbeitsmarktbericht heute

Klaus Stopp von der Baader Bank befürchtet, dass der allgemein von der EZB erwartete Weg in Richtung niedrigere Zinsen nicht leicht wird. „Die Inflation und vor allem die Lohnzuwächse bleiben ein Problem“, schätzt der Händler die Lage ein.

Weitere Zinssenkungen seien daher „nicht in Stein gemeißelt“.

Tim Oechsner von der Steubing AG richtet seinen Fokus bereits auf die US-amerikanische Notenbank. „Der Fokus geht nun auf die USA und die Frage, wann dort eine mögliche Zinswende eingeleitet werden könnte“.

Maßgeblich für die Fed dürfte seiner Meinung nach auch der Arbeitsmarktbericht werden, der heute Nachmittag veröffentlicht wird.

Rund um die EZB-Sitzung melden die Händler an der Börse Frankfurt ein vergleichsweise ruhiges Geschäft.

Gekauft werden im Unternehmensbereich „die üblichen Dauerbrenner“, erklärt Oechsner und nennt dabei vor allem Anleihen mit Laufzeiten zwischen zwei und sechs Jahren.

Ins Depot geholt haben sich die Anlegerinnen und Anleger zum Beispiel Bonds von E.On (XS2747600109), Hochtief (DE000A383EL9), Mercedes-Benz (DE000A3LH6T7) und Siemens (DE000A1UDWN5).

Diese Papiere rentieren aktuell zwischen 3,0 und 4,1 Prozent.

Auch Anleihen von Grenke sind weiterhin gesucht.

Oechsner sieht vor allem Käufe in einem Ende Mai neu aufgelegten und bis Mitte 2029 laufenden Papier mit 5,5 Prozent Rendite (XS2828685631).

 

 

Gezielte Käufe in Corporate Bonds

Für die Baader Bank meldet Stopp Interesse an Anleihen der European Investment Bank (XS2587298204) Mercedes-Benz (DE000A289RN6) und Volkswagen (XS1206541366).

Zudem sei im öffentlichen Sektor wie fast immer „ein bisschen was los“.

Dabei konzentrieren sich die Anlegerinnen und Anleger verstärkt auf den kurzen Bereich, in dem die Renditen im Vergleich zum langen Ende immer noch relativ spannend aussehen.

Auf der Einkaufsliste stehen zwei bis Juni bzw. September 2025 laufende Bundesschatzanweisungen (DE000BU22015 und DE000BU22023), wo sich in den nächsten 12 bzw. 15 Monaten 3,3 bzw. 3,2 Prozent Rendite einfahren lassen.

Gesucht ist auch eine mit 3,6 Prozent rentierende und nur noch bis Februar 2025 laufende Anleihe der Kreditanstalt für Wiederaufbau (DE000A254PM6).

Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank berichtet von „gezielten Käufen“ im Vorfeld der EZB-Sitzung.

Im Fokus standen dabei Anleihen mit Laufzeiten zwischen fünf und neun Jahren sowie Renditen von 3,3 bis 3,7 Prozent.

Gesucht sind Papiere von EnBW (XS1901055472), Mercedes-Benz (DE000A3LH6U5), RWE (XS2584685031) und Sixt (DE000A3827R4).

„Hier hatte der Kunde ein konkretes Kauflimit in den Markt gegeben, zu dem er maximal einsteigen wollte“, bemerkt der Händler.

Nachfrage herrscht auch bei einem seit heute an der Börse gehandelten Bond von Fraport mit einer Rendite von 4,2 Prozent bis Juni 2032 (XS2832873355).

 

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