Die „kurzen Beine“ des Donald Trump

DEKA ETF: An den Finanzmärkten, besonders den Aktienbörsen, entscheiden Millionen von Akteuren. Meist weiß niemand, was die Kurse im Einzelnen bewegt, da niemand die individuellen Entscheidungen kennt. Vieles was dann an Erklärungen folgt, ist eine nachgeschobene Begründung für Kursbewegungen, manchmal plausibel, manchmal kompliziert um die Ecke gedacht. Deshalb gibt es viele Investoren, die darauf schwören, dass erst die Kurse kommen und danach die Nachrichten.

In der Tat zeichnen sich die Börsen häufig durch eine feine Witterung der künftigen Entwicklungen aus, die sich aus jeweils vorliegenden Fundamentaldaten nicht oder noch nicht ableiten lassen. Dabei gibt es natürlich auch Irrungen und Wirrungen. Die Börse als Prognoseinstrument ist nicht unfehlbar. Aber in der Regel lohnt es sich, das Kursgeschehen genau zu analysieren, um Investitionsentscheidungen zu treffen.

Das trifft besonders auf politische Börsen zu, die ja nach einem bekannten Spruch nur kurze Beine haben. Wie also muss man die Reaktion auf die Entscheidung von Präsident Donald Trump verstehen, aus dem Atomvertrag mit dem Iran auszusteigen? Die Märkte haben es zur Kenntnis genommen und ihre Aufwärtsbewegung der vergangenen Wochen einfach fortgesetzt. Börsentechnisch also ein Nicht-Ereignis. Lediglich der Ölpreis hat einen Sprung nach oben gemacht mit der Befürchtung, dass die Wiederaufnahme von Sanktionen gegen den Iran zu einer Angebotsverknappung führen könnte.

Zunächst kam diese US-Entscheidung nicht unerwartet, sie hatte sich lange vorher abgezeichnet. Darum gilt die Börsenerkenntnis, dass die Erwartung eines Ereignisses viel stärker wirkt als das Ereignis selbst, wie schon im ältesten Buch über die Börse 1688 zu lesen ist. So gesehen, hat der Markt die jüngste Wendung längst verarbeitet.

Entscheidend für die Wirkung politischer Ereignisse sind die fundamentalen Wirtschaftsdaten. Sie sind bis auf einige negative Ausreißer weiterhin gut und dürften sich auch durch den Ausstieg der Amerikaner aus dem Iran-Vertrag nicht allzu stark ändern. Die Weltwirtschaft wächst robust, Amerika profitiert von der Trump’schen Steuerreform, Europa erholt sich weiter, wenn auch etwas langsamer.

Die Schwellenländer zeigen einige negative Reaktionen, ohne schon den Welttrend zu gefährden. Ihnen dürften eher die US-Zinsentscheidungen längerfristig Sorgen bereiten. Das alles relativiert die US-Ankündigung – vorerst. Die Schreckensszenarien, die nun gewälzt werden – atomares Wettrüsten in Nahost, ein großer Krieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien oder mit Israel, gelten nach dem Votum der Märkte als unwahrscheinlich.

 


 

Schließlich haben sich die Börsen an die Tweets und Entscheidungen von Donald Trump gewöhnt, auch wenn sie gelegentlich Überraschungen bergen. Großspurige Ankündigungen erweisen sich immer wieder als Luftblasen. Präsidentielle Fake News erinnern daran, dass nicht nur die politische Börsen, sondern auch Lügen gemäß dem Volksmund kurze Beine haben. Möglicherweise dürften auch die Märkte darauf setzen, dass die Republikaner bei den nächsten Midterm Elections im Herbst einen Dämpfer im Kongress erleiden und dem Präsidenten die Handlungsmöglichkeit beschränken werden.

Der Anleger ist deshalb weiterhin gut beraten, die Fundamentaldaten vor allem anderen im Blick zu behalten. Hier ist die Zinswende in den USA und später auch in Europa die wichtigere Entscheidungsgrundlage. Für Sorglosigkeit ist jedenfalls kein Anlass, wie Sorglosigkeit ohnehin für Investoren immer Gefahren birgt. So gesehen ist ein Sägezahnmarkt mit erhöhter Volatilität eine Chance, sich auf unruhigere Zeiten einzustellen. Die aber sind, so muss man erinnern, der ganz normale Wahnsinn an der Börse.

Dr. Bernhard Jünemann, Finanzjournalist

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