Erdgas: Auslandsnachfrage wird die US-Gasschwemme wohl nicht aufnehmen

  • Dass in den USA just dann die Erdgasproduktion ausgeweitet wird, wenn auch bei anderen Brennstoffen mit einer erhöhten Förderung zu rechnen ist, bedeutet, dass die USA exportabhängiger werden.
  • Die USA sind auf die Exportnachfrage der NAFTA-Staaten angewiesen. Das Risiko, dass es wegen handels-politischer Reibungen zu Enttäuschungen kommt, erscheint aber gerade jetzt hoch. Letztendlich dürfte es in den nächsten sechs Monaten zu einer Zunahme der Lagerbestände kommen.
  • Die USA dürften im globalen Handel mit Flüssigerdgas an Bedeutung gewinnen. Da sie die globale Erdgassicherheit und Preisinfrastruktur verbessern, könnten sie sich durchaus als ein Störfaktor im positiven Sinne erweisen. Dass aber schon in diesem Jahr ein großer Unterschied spürbar wird, ist nicht wahrscheinlich, auch nicht, dass Exporte das US-Überangebot mindern.


ETF Securities ETFs: Präsident Obama bezeichnete Erdgas 2014 als "Brückenenergie", mit deren Hilfe die USA bis zum Einsatz weiterer erneuerbarer Energien die gesetzten Emissionsziele einhalten wollten. Die Zusage, dass die Verfeuerung von Erdgas mit weniger Bürokratie verbunden sei, war dazu angedacht, die Nachfrage der Unternehmen anzuheben. Das Wahlversprechen der neuen Trump-Administration, im Kohlebergbau verlorene Arbeitsplätze zurückzuholen (und vermutlich das Kohleangebot zu steigern), droht nun die mit Erdgas konkurrierende Kohle preiswerter zu machen und die Nachfrage nach Erdgas zu schwächen.

Ausweitung der Produktion
Die US-Produktion von Erdgas wird sich in diesem und nächstem Jahr stark ausweiten, da Investitionsprojekte ans Netz gehen, die in einer Zeit höherer Preise initiiert wurden. Der Produktionsrückgang von 2016 kehrt sich damit um. Zugleich wird der US-Verbrauch den Erwartungen zufolge in diesem Jahr sinken und sich eventuell erst im folgenden Jahr wieder erholen.

 


Erstmals Nettoexporteur von Erdgas
Da die heimische Produktion über dem Verbrauch liegt, wird die Abhängigkeit der USA von Erdgasimporten deutlich abnehmen. Im Kalenderjahr 2018 – und vierteljährlich gerechnet sogar schon im dritten Quartal 2017 – werden die USA erstmals zum Nettoexporteur von Erdgas.

Risiko höherer Lagerbestände steigt
Wenn die ausländische Nachfrage nach US-Erdgas schwach bleibt, könnten die Lagerbestände über die saisonalen Trends hinaus ansteigen und wie 2016 womöglich sogar mehr als eine Standardabweichung über dem Durchschnitt liegen.

 


… vor allem wenn die Auslandsnachfrage abnimmt
Das Risiko einer schwachen Auslandsnachfrage ist erheblich. Die USA nutzen für 90 Prozent ihrer Erdgasexporte eine Pipeline oder Lkw. Ungefähr 70 Prozent der Exporte gehen auf diese Weise nach Mexiko und der Rest nach Kanada. Beide Länder fühlen sich aber derzeit von der US-Handelspolitik vor den Kopf gestoßen, da die USA mit einem Rückzug aus dem NAFTA provozieren.

Die Drohung, die Holz- und Milchimporte aus Kanada zu stoppen und an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen, könnte dazu führen, dass Gleiches mit Gleichem vergolten wird. So will Kanada bereits mit einer Einfuhrsperre für US-Kohle antworten. Kanada ist ein wichtiges Transitland für den US-Kohleexport nach Asien, sodass die Gefahr besteht, dass das Kohleangebot in den USA anschwillt und das Abwärtsrisiko für Erdgas folglich zunimmt. Darüber hinaus ist schwer vorstellbar, dass Kanada oder Mexiko in einer Zeit billigen Öls die Nachfrage nach US-Erdgas anheben wollen, zumal sie selbst Nettoexporteure von Rohöl sind.

Die USA: Störfaktor des globalen Markts für Flüssigerdgas
Rund 10 Prozent des US-Erdgases wird in verflüssigter Form mit Schiffen exportiert. Bei den USA, die nur 1 Prozent zu den globalen Exporten von Flüssigerdgas beisteuern, handelt es sich um einen relativ kleinen Produzenten, der aber rapide wächst. Blickt man auf die im Bau befindlichen Verflüssigungs-kapazitäten, so werden die USA auf dem aktuellen Wachstumspfad bis 2022 von einem unbedeutenden Akteur zur nach Katar und Australien drittgrößten Kraft aufsteigen.

Flüssigerdgas (LNG) erfordert in den Exportländern eine Verflüssigungs- und in den Importländern eine Wieder-verdampfungsinfrastruktur. Was die Volumina anbelangt, so bietet die globale Verflüssigungsinfrastruktur nur wenig Spielraum. Abgesehen davon, dass mit 15 Prozent ein großer Teil wegen betrieblicher Probleme nicht am Netz ist, arbeitet die Verflüssigungsindustrie fast an der Kapazitätsgrenze.

Die Verflüssigungsfirmen schließen für ihre Anlagen auf der ganzen Welt langfristige Verträge, von denen 80 Prozent vor der endgültigen Investitionsentscheidung unterschrieben worden sind. Eine Reaktion auf die Kassapreise ist daher nur begrenzt möglich. Die USA sind eine bemerkenswerte Ausnahme, da die Verträge dort kurze Laufzeiten und flexible Ziele haben. Aufgrund des rapiden Wachstums in den USA wird es also künftig Kapazitätsreserven geben.
 

Bei der Wiederverdampfung sind die Durchlaufzeiten wesentlich kürzer. Die globalen LNG-Importkapazitäten sind heute rund dreimal so hoch wie die Exportkapazitäten. Theoretisch würden die Wiederverdampfungskapazitäten ausreichen, um eine Zunahme der Flüssiggasexporte aufzunehmen.


Der Markt ist es wegen des vertragsbedingt unflexiblen Angebots nicht gewohnt, auf die Preise zu reagieren. Doch könnte die rapide Zunahme des allgemein nicht langfristig gebundenen US-Flüssigerdgases den Status quo durchbrechen, sodass Importeure Gas opportunistisch dann kaufen können, wenn es günstig ist.

Die USA könnten zum Ausgleichsproduzenten des Erdgasmarkts werden, der Angebotsstörungen in anderen Teilen der Welt dämpft und es Importländern ermöglicht, den Anteil von Erdgas in ihrem Strommix je nach Preis flexibel anzuheben oder abzusenken. Aus Sicht der globalen Gassicherheit halten wir dies für eine positive Entwicklung, ebenso wie die Glättung des Angebots, das den üblichen Konjunktur- und Krisenzyklen unterliegen könnte.


Das langfristige Wachstum der Auslandsnachfrage wird sich jedoch unseres Erachtens in diesem Jahr nicht wesentlich auf die Preise von US-Erdgas auswirken, nicht zuletzt, weil die Nachfrage in Asien und Europa, den größten Importmärkten, zurzeit sehr schwach ist.

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