FXCM: Polens Wirtschaft kühlt sich ab – Zurückhaltung beim Zloty angesagt

Noch klingen die Zahlen vielversprechend. Mit den erwarteten 2,7 Prozent Wirtschaftswachstum wird Polen in diesem Jahr wohl alle anderen EU-Mitglieder hinter sich lassen. Und auch beim Thema Schulden können viele europäische Nachbarn vor den Polen nur den Hut ziehen.

Nach einem Rekord-Budgetdefizit noch im Jahr 2010 von 7,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und 5,1 Prozent im Vorjahr soll es in diesem Jahr unter die Maastricht-Grenze von drei Prozent fallen und bis 2015 sogar auf ein Prozent gesenkt werden. Diese solide Wirtschafts- und Finanzlage gepaart mit attraktiven Zinsen im Vergleich zu sicheren Eurostaaten führten in den vergangenen Monaten zu einem regelrechten Ansturm ausländischer Investoren auf polnische Staatspapiere. Von dieser Attraktivität bleibt natürlich auch die Währung nicht unbeeindruckt. Der Polnische Zloty (PLN) gewann in diesem Jahr rund 10 Prozent gegenüber dem Euro an Wert und notiert aktuell knapp über der Marke von 4,00 EUR/PLN.

 

Soweit so gut, und auf den ersten Blick spricht einiges dafür, dass dieser Trend so weitergehen kann. Allerdings werden auf den zweiten Blick einige Gewitterwolken am Horizont erkennbar und lassen bei mir Zweifel an einer Fortsetzung aufkommen. Das letzte Mal, als für einen Euro nur vier Zloty zu zahlen waren, im Sommer 2011, wuchs Polens Wirtschaft noch mit vier Prozent, die Euro-Krise befand sich erst im Anfangsstadium und das Großereignis Fußball-Europameisterschaft lag noch vor den Polen. Letzteres ist jetzt Geschichte und die Stimmung im Land alles andere als gut.

Die Zahl der Insolvenzen liegt mit 800 Anträgen großer Firmen seit Jahresbeginn auf Rekordniveau. Vor allem in der Baubranche stehen durch Pleiten rund 150.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Dabei hatte vor allem diese Branche als der große mögliche Profiteur der Fußball-EM gegolten und nun ist es sie, die durch einen Einbruch im Juli um 8,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert dafür sorgt, dass das Wachstum im dritten Quartal wohl sehr viel schwacher als die erwarteten 2,5 Prozent ausfallen wird.

 

Zu den Problemen im Land gesellt sich nun noch eine schlechte wirtschaftliche Verfassung des wichtigsten Handelspartners Polens, die Eurozone, die im dritten Quartal wohl in die Rezession rutschen wird. Sie nimmt über die Hälfte der polnischen Exporte ab. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich der Trend der rückläufigen Exporte aus den ersten sechs Monaten des Jahres in der zweiten Jahreshälfte noch beschleunigen könnte. Gelingt es den Polen nicht, diese Ausfälle durch andere Absatzmärkte zu kompensieren, sind sowohl die 2,7 Prozent Wachstum für dieses, als auch die prognostizierten 2,0 Prozent für 2013 in Gefahr.

 

Droht eine Flaute in der Wirtschaft, ruft man in diesen Tagen gern nach der Zentralbank, die durch geeignete Maßnahmen den Geldhahn etwas weiter aufdrehen kann. Einfachstes, aber von Notenbanken der größten Industrienationen der Welt nicht mehr praktizierbares Mittel, sind Leitzinssenkungen. Während die USA, Japan und die Eurozone nur noch mehr oder weniger weit von der Nulllinie entfernt sind, hat die Polnische Zentralbank mit einem Leitzins von aktuell 4,75 Prozent dafür noch genug Spielraum. Den wird sie auch ausnutzen. Ob noch 2012 oder doch erst Anfang 2013 und wie hoch die Senkung ausfällt, wird davon abhängen, wie stark sich die Wirtschaft im dritten Quartal abkühlt.

 

Die in den nächsten Monaten immer weiter zunehmenden Zinssenkungs- spekulationen dürften die Anleihekäufer vorerst noch etwas bei Laune halten. Allerdings könnte die Aussicht auf einen durch die lockere Geldpolitik geschwächten Zloty nach und nach die ausländischen Investoren dazu veranlassen, Ihre Positionen abzubauen. Passiert dies dann in großem Stil, kann das im Falle der vergleichsweise geringen Liquidität des Zloty auch schon mal sehr schnell gehen. Der Anteil des Zloty am täglichen globalen Devisenumsatz liegt bei gerade einmal 0,5 Prozent. Zum Vergleich: Von mir schon oft in diesem Zusammenhang angesprochene Währungen wie die Schweden- oder Norwegen-Krone liegen beim doppelten Umsatz.

 

Ich bin zwar in diesen Tagen kein großer Euro-Anhänger, was lediglich bedeutet, dass ich ihn aktuell nur wenigen Währungen vorziehen würde, wenn es um Investitionen am Devisenmarkt geht. Aber beim Währungspaar EUR/PLN sehe ich in den nächsten Monaten eher Erholungspotenzial des Euro gegenüber dem Zloty wieder in Richtung 4,60 EUR/PLN, dem Hoch aus dem Dezember 2011.

 

Von Torsten Gellert

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