Geldanlage: Hoffnung trotz Zinssteigerungen

Quirin Privatbank: Die Inflation setzt die Notenbanken mittlerweile unter deutlichen Zugzwang, insbesondere in den USA, wo die Inflationsrate zuletzt bei 8,3% lag und die Preissteigerungen sich bereits in der Breite aller Waren und Dienstleistungen zeigen.

Zinserhöhungen können in einem solchen Umfeld dazu beitragen, den Preisauftrieb zu bremsen. Steigende Leitzinsen strahlen auf die Kreditmärkte aus, indem sich Refinanzierungen verteuern, was Investitionen dämpft und den Preisniveauanstieg so abbremst.

Auch der Verbraucherkonsum kann mit steigenden Zinsen gedämpft werden, denn steigende Zinsen fördern die Sparneigung und führen damit zu einer Einschränkung der Konsumnachfrage, was die Inflation ebenfalls dämpft.

Anfang Mai hatte die US-amerikanische Federal Reserve Bank (kurz: Fed) die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt auf die neue Zins-Spanne von 0,75 bis 1% angehoben.

Da sie weitere Schritte angekündigt hat, würde uns bis Jahresende sogar eine Spanne 2,5% bis 3% nicht überraschen.

Zudem wird ab Juni mit großer Wahrscheinlichkeit der Abbau der seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie von 4,7 Bio. auf knapp 9 Bio. US-Dollar angeschwollenen Fed-Bilanz eingeläutet.

 

Riesige Anleiheaufkäufe

Mit riesigen Anleiheaufkäufen hat die Fed in den letzten Jahren das Zinsniveau – vor allem am langen Laufzeitende – zusätzlich gedrückt. Zunächst werden fällige Anleihen im Volumen von 47,5 Mrd. US-Dollar monatlich nicht mehr reinvestiert, eine Ausweitung dieser Summe auf 95 Mrd. Dollar soll dann kurzfristig folgen.

In den letzten Tagen sind die geldpolitischen Töne von Fed-Chef Jerome Powell noch einmal deutlich schärfer geworden.

Man wolle die Zinszügel so lange anziehen, bis die Inflation unter Kontrolle ist –was auch das Wirtschaftswachstum bremsen könnte.

Grundsätzlich ist das keine schlechte Nachricht.

Inflationsbekämpfung und somit Geldwertstabilität ist nun einmal die zentrale Aufgabe einer Notenbank.

 


 

Unbestritten ist aber auch, dass steigende Zinsen eine weitere Belastung für die Wirtschaft darstellen – aufgrund der verteuerten Refinanzierungen und des ggf. rückläufigen Konsums.

In diesem Spannungsverhältnis befinden sich mittlerweile zunehmend auch die Aktienbörsen rund um den Globus, die durch Kriegssorgen und Lieferkettenproblematik ohnehin schon in unruhigem Fahrwasser sind.

 

 

Pessimisten haben Hochkonjunktur

In der Medienlandschaft wird allerdings zunehmend suggeriert, dass es fast schon eine ausgemachte Sache ist, dass eine forsche Fed-Politik letztlich für eine krachende Landung der US-Wirtschaft sorgen wird – mit den entsprechenden negativen Folgen für die globale Konjunktur und die ohnehin schon angeschlagenen Weltbörsen.

Nicht wenige Experten erwarten sogar eine ausgewachsene und länger währende Rezession bis hin zum Schreckgespenst einer Stagflation, d. h. anhaltender Rezession bei weiter heftig steigenden Preisen.

Bestätigt fühlen sich die Pessimisten vor allem durch das schwache Jahresauftaktquartal. Die US-Wirtschaft ist hier – auf ein Jahr hochgerechnet – um 1,4% gegenüber dem Vorquartal geschrumpft.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ging in seiner jüngsten Schätzung noch von einem diesjährigen US-Wachstum von 3,7% aus, nach 5,7% im letzten Jahr (Schätzung für 2023 angesichts rückläufiger Corona-Nachholeffekte: 2,3%).

Die Fed selbst ist hier traditionell etwas vorsichtiger unterwegs und schätzte den konjunkturellen Zuwachs zuletzt auf 2,8% (2023: 2,2%).

Selbst wenn sich diese nicht mehr ganz aktuellen Schätzungen im Jahresverlauf also als zu ambitioniert erweisen sollten, könnte die US-Wirtschaft unseres Erachtens am Ende durchaus immer noch leicht überdurchschnittlich wachsen (Durchschnitt der letzten 20 Jahre: 2,0%, seit 1980: 2,8%).

 

 

Was Hoffnung macht …

Nach Würdigung aller relevanten Fakten können wir uns Stand heute den immer lauter werdenden Unkenrufen speziell hinsichtlich der US-Wirtschaft nicht anschließen. Nachfolgend einige Argumente dafür, dass der US-Notenbank eine sanfte Konjunkturlandung gelingen könnte, was wiederum die Aktienmärkte stützen sollte.

Bei allem Willen, die Inflation zu bekämpfen, betonen die US-Notenbanker stets, dass für sie eine sanfte Landung der Wirtschaft hohe Priorität besitzt.

Kein Wunder, denn es zählt im Falle der Fed ausdrücklich zum Mandat, auf den Zustand der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes zu achten.

 


 

Folglich gab es in der Vergangenheit immer wieder Beispiele, die zeigen, dass die Fed nach zunächst markigen Worten zurückgerudert ist, wenn die Wirtschaft zu stark ins Taumeln geriet.

Trotzdem gibt es ein markantes Beispiel, in dem die Fed keinerlei Rücksicht auf die Wirtschaft genommen hat, und dieses wird derzeit öfter herangezogen – mit der Befürchtung, dass sich Geschichte wiederholt.

Zu Beginn der 1980er Jahre löste Notenbankchef Paul Volcker mit extremen Zinssteigerungen eine tiefe Rezession aus, um eine starke Lohn-Preis-Spirale zu durchbrechen. Eine solche ist aber in den USA derzeit noch nicht in Sicht.

Die heutige Situation ist auch deswegen eine andere, weil die 1970er Jahre für die Amerikaner im Gegensatz zur vergangenen Dekade wirtschaftlich ein extrem schwieriges Jahrzehnt waren.

Der Schein des erwähnten schwachen Wachstums im ersten Quartal trügt etwas. Das Ergebnis ist u. a. durch Sondereffekte bei den Lagerinvestitionen negativ verzerrt und kam letztlich nicht überraschend.

Trotz aller Schwierigkeiten halten wir die US-Wirtschaft nach wie vor für ziemlich widerstandsfähig. Auch der Arbeitsmarkt zeigt sich weiterhin extrem robust. Auf jeden Arbeitslosen kommen aktuell zwei offene Stellen. Die hohe Beschäftigung stärkt auch die Kaufkraft der Verbraucher.

Auch die Investitionsdynamik der Unternehmen ist nach wie vor hoch. Zinserhöhungen sollten vor diesem Hintergrund erst einmal gut verkraftbar sein.

Trotz der steigenden Refinanzierungskosten liegt der Anteil der Kreditzinsen an den Gesamtkosten von US-Unternehmen auf einem niedrigen Niveau. Aktuell wenden sie weniger als 4% für ihren Schuldendienst auf, vor allem, weil in den letzten Jahren langfristige Refinanzierungen zu historisch günstigen Konditionen festgezurrt wurden.

Weitere Zinsanhebungen seitens der Notenbank hätten insofern vermutlich nur eine sehr begrenzte konjunkturdämpfende Wirkung.

Die Wirkung steigender Zinsen auf die Aktienkurse wird derzeit in Fachkreisen und in den Medien ausgiebig diskutiert.

Sie ist nach unserer Überzeugung keineswegs so niederschmetternd wie dabei oftmals behauptet.

Die nachfolgende Abbildung zeigt, dass der amerikanische Aktienmarkt in der Regel erst nach einer ganzen Reihe von Zinserhöhungsschritten in Mitleidenschaft gezogen wurde, wovon wir Stand heute aufgrund der besonderen Umstände nicht ausgehen.

Auch hat er sich anschließend mehrfach recht passabel entwickelt, was aufgrund seiner Leitfunktion übrigens auch für viele andere Aktienmärkte galt.

 

 

Bei der Einschätzung des Abwärtspotenzials der Aktienmärkte sollte zudem berücksichtigt werden, dass die voraussichtlichen Zinsschritte der Fed an den globalen Anleihe- und Kreditmärkten bereits zu einem gewissen Teil eingepreist sein dürften.

Die 10-jährige US-Staatsanleihe rentiert aktuell bei 2,82% p. a. (Jahresstart: 1,51%), das deutsche Pendant bei 0,99% p. a. (Jahresstart: -0,18%). Die Rendite qualitativ guter globaler Euro-Unternehmensanleihen mit rund 5-jähriger Restlaufzeit liegt derzeit im Schnitt bei rund 2,3% p. a. (Jahresstart: rund 0,5%).

Weitere Zinsanhebungen am kurzen Ende des Laufzeitenspektrums dürften in diesen Zahlen schon ein gutes Stück vorweggenommen sein.

Nur noch härtere geldpolitische Bremsmanöver als angekündigt – die wir derzeit nicht sehen – könnten also im Sinne negativer Überraschung zu einem nochmaligen merklichen Abwärtsdruck auf die Märkte führen.

 


 

Fazit

Krieg, Notenbankpolitik, Inflation und sicher auch die anhaltenden Lieferkettenprobleme – ausgehend von der fragwürdigen Null-Covid-Politik in China – sind keineswegs auf die leichte Schulter zu nehmen.

Das Bild eines fast schon unumgänglichen konjunkturellen Schiffbruchs, das derzeit öfter gezeichnet wird, ist uns allerdings deutlich zu düster. Weder die pessimistischen Konjunkturprognosen noch die aktuell recht offensive US-Notenbankpolitik sollten Anleger dazu verleiten, von ihrer sorgfältig ausgewählten Anlagestrategie abzuweichen.

Denn diese beinhaltet nicht zuletzt, die Aktienquote grundsätzlich so zu wählen, dass sie auch in Schwächephasen, wie wir sie aktuell erleben, durchgehalten werden kann.

Und eines darf man beim aktuell verbreiteten Wehklagen über die steigenden Zinsen nicht vergessen: Wie lange sehnen die Marktteilnehmer schon „normale“ Zinsniveaus herbei (die allerdings trotz der jüngsten Anstiege vor allem hierzulande noch längst nicht erreicht sind), auch mit Blick auf die damit einhergehende Entschlackung der aufgeblähten Notenbankbilanzen?

Das beherzte Gegensteuern der Amerikaner hat also auch positive Aspekte.

Autor: Prof. Dr. Stefan May, Leiter Anlagemanagement der Quirin Privatbank

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