Globale Ölversorgung fragiler als gedacht

DWS Investments: Als Folge eines Drohnenangriffs am Samstag auf zwei große Ölproduktionsstätten in Saudi-Arabien wurden 5,7 Millionen Fass pro Tag (F/T) Kapazität zerstört. Das entspricht etwa 5 Prozent der Weltproduktion. Es war, in absoluten Zahlen, der größte und abrupteste Angebotsschock in der Geschichte.

Der Preis von Öl der Sorte Brent verteuerte sich am Montag um 20 Prozent, doch bis Mittag schmolz der Anstieg auf acht Prozent. Dies könnte teilweise den just am Montagmorgen veröffentlichten schwächeren Wirtschaftszahlen aus China geschuldet sein – da diese als nachfrageschwächend interpretiert wurden. Es könnte aber auch der Erklärung Saudi-Arabiens geschuldet sein, wonach etwa ein Drittel des Produktionsausfalls bis Montagabend wiederhergestellt werden soll.

Es wird jedoch voraussichtlich Wochen dauern, bis die volle Produktionskapazität wieder erreicht sein wird. Eine Verringerung der physischen Ölversorgung ist jedoch kaum zu befürchten. Die Lagerbestände in den OECD-Ländern stiegen im Juli auf 2,93 Milliarden Fass und lagen damit rund 20 Millionen Fass über ihrem Fünfjahresdurchschnitt, sagte die Internationale Energieagentur (IEA) in einem aktuellen Bericht.

Allein Saudi-Arabien verfügt über Reserven in Höhe von 28 Produktionstagen.

Die USA haben ihrerseits angekündigt, notfalls auf die strategischen Erdölreserven zurückzugreifen.

 

Was machen wir daraus?

Der Anstieg von Brent um 6 Dollar je Fass ist zunächst weniger dramatisch, als er aussieht. Brent handelt nun wieder dort, wo es zuletzt im Juli gehandelt wurde und liegt damit auf dem Niveau des Durchschnittskurses seit Jahresbeginn. Sollte der Preisanstieg jedoch nachhaltig sein, könnte sich Öl im dritten Quartal gegenüber dem zweiten Quartal verteuern. Es wird interessant sein zu sehen, ob die US Federal Reserve (Fed) in ihrer Sitzung am Mittwoch auf diesen Vorfall Bezug nehmen wird. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die Fed die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte senken wird.

Die längerfristigen Auswirkungen könnten jedoch gravierender sein. Der Drohnenangriff hat gezeigt, wie leicht wichtige Teile der globalen Energieinfrastruktur geschädigt werden können. Houthi-Rebellen im Jemen haben sich zu dem Angriff bekannt. US-Präsident Trump hat jedoch bereits gesagt, dass die USA Gewehr bei Fuß stehen, sollte der Iran hinter dem Angriff stehen – diese Behauptung wurde bereits von Außenminister Mike Pompeo und einigen Regierungsbeamten gemacht.

Saudi-Arabien hat sich noch nicht zu der Urheberschaft geäußert. Dennoch dürfte der Annährungsprozess der USA und dem Iran damit wieder einen Rückschlag erlitten haben, nachdem erst vergangene Woche mit dem Ausscheiden vom US-Sicherheitsberater John Bolton die Hoffnung wieder stieg, er könne an Fahrt gewinnen.

 

Unabhängig von der Politik waren die OPEC-Länder sowie US-Schieferproduzenten in letzter Zeit vorsichtiger bei ihren ehrgeizigen Produktionszielen; so ist die Anzahl der US-Bohrtürme seit Jahresbeginn um fast ein Fünftel gesunken.

Die Ölproduzenten könnten sich nun geneigt fühlen, die Investitionen und die Produktion weniger als erwartet zu reduzieren.

 


 

Das wiederum würde mittelfristig die Ölpreise ceteris paribus deckeln, was dann die Auswirkungen einer höheren Risikoprämie für den Ölpreis abfedern könnte. Darüber hinaus dürften die anhaltenden Nachfragesorgen die Preise weiter belasten.

Darwei Kung, Portfolio Manager Rohstoffe für die DWS, erklärt:
“Vor dem Angriff war eine Schlüsselfrage für den Markt wie hoch der (wahrscheinliche) Angebotsüberhang im Jahr 2020 angesichts des konjunkturbedingten Nachfragerückgangs ausfallen könnte. Tatsächlich hat die IEA ihre Nachfrageprognose für 2020 Anfang letzter Woche noch einmal revidiert. Die Höhe des heutigen Ölpreisanstiegs wird die Nachfrage wahrscheinlich nicht wesentlich verändern, aber es ist ein weiterer Gegenwind.”

Es ist noch zu früh für präzise Schlussfolgerungen. Das könnte der Grund dafür sein, dass die Reaktionen des Marktes eher verhalten waren. Der Dollar bewegte sich kaum, und die Aktienmärkte in Europa verloren weniger als einen Prozent, was umso überraschender ist, nachdem eine vierwöchige Rallye den Stoxx 600 nahe an seine Spitzenwerte von 2019 gebracht hat.

Wir befürchten jedoch, dass die Anleger diesen Vorfall stärker berücksichtigen könnten, wenn die allgemeine Marktstimmung wieder Risiko-averser wird. In jüngster Zeit wurden die Märkte noch von akkommodierenden Zentralbanken bei Laune gehalten.

Wir befürchten jedoch, dass die Zentralbanken bereits wenig gegen die negativen Auswirkungen von Handelskriegen tun können.

Umso weniger wären sie in der Lage, die Auswirkungen eines Ölschocks abzuschwächen.

Und unabhängig von den kurz- und mittelfristigen Auswirkungen dieses Angriffs zeigt er sicherlich eine neue Stufe der geopolitischen Bedrohung, mit der die Weltwirtschaft zu kämpfen haben wird.

 


 

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