Grünes Licht für grüne Geldpolitik?

Quirin Privatbank: Würden Sie mich nach der aktuellen Trendfarbe fragen, wäre sicherlich „Grün“ meine Antwort.

Allerdings bin ich ja eher Experte für Geldanlage und weniger für Mode und Farben.

Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie mir diese Frage stellen, ziemlich gering.

Warum ich trotzdem so in diese Tagebuch-Ausgabe einsteige?

Weil auch ich als Nicht-Modeexperte am Trend zu Grün nicht vorbeikomme und wir im Bereich der nachhaltigen (grünen) Geldanlage ja auch selber mit einem eigenen Angebot dabei sind.

Und auch sonst sehe ich viel Grün um mich herum – egal ob Energie, Mobilität oder Bauwirtschaft.

Und letztendlich ist es ja auch wichtig und richtig, denn wir müssen etwas gegen den Klimawandel unternehmen, das ist klar.

Allerdings frage ich mich manchmal, ob „grün“ pauschal ein guter Ansatz in allen Bereichen ist.

 

 

Meine Antwort ist „Nein“ und damit bin ich dann auch bei meinem eigentlichen Thema angekommen. Und ich meine nicht die Greenwashing-Versuche, die leider auch in unserer Branche immer wieder zu beobachten sind.

 

Grüne Geldpolitik

Ich rede von der Europäischen Zentralbank (EZB), die ihr blaues Logo – zumindest teilweise – ab Oktober grün einfärbt. Denn dann möchte sie beginnen, ihre sogenannte „grüne Geldpolitik“ in die Tat umzusetzen.

Und um es vorwegzunehmen: Von der Sinnhaftigkeit bin ich alles andere als überzeugt.

Was soll das überhaupt sein, eine „grüne Geldpolitik“? Es gibt eine stabilitätsorientierte Geldpolitik, eine expansive Geldpolitik – aber eine „grüne“?

In den vergangenen Jahren haben insbesondere Klimaschutzorganisationen die EZB heftig kritisiert. Ihr Vorwurf: Die EZB stecke via Unternehmensanleihen Milliarden beispielsweise in klimaschädliche Energiekonzerne.

Auf diese Kritik haben die Währungshüter jetzt teilweise reagiert und wollen künftig Klimaaspekte beim Kauf von Firmenanleihen stärker berücksichtigen.

Die EZB kauft zwar seit kurzem keine neuen Anleihen mehr auf. Aber das Geld, das die Zentralbank durch auslaufende Anleihen einnimmt (Zins und Tilgung), steckt sie wieder in neue Anleihen.

In den nächsten Jahren stehen ihr so im Schnitt jedes Jahr ca. 30 Mrd. Euro aufgrund fällig werdender Unternehmensanleihen zur Verfügung – und die will sie von Oktober an klimafreundlicher investieren.

Bezogen auf ihren Gesamtbestand an Unternehmensanleihen von rund 385 Mrd. Euro sind das immerhin rund acht Prozent, die so jährlich in Richtung Nachhaltigkeit umgeschichtet werden.

Kaufen möchten die Währungshüter vor allem Anleihen von Firmen, die eine gute Klimabilanz vorweisen – oder zumindest mit konkreten Plänen an einer Verbesserung arbeiten.

Vertreter der EZB stellen aber auch klar, dass man letztlich kein Unternehmen komplett vom Kaufprogramm ausschließen wolle. Das sei wichtig, weil die weniger nachhaltigen Firmen eben nachhaltiger werden müssten, so die Argumentation der EZB. Bei dieser Transformation wolle man die Unternehmen begleiten.

Sie stellt allerdings auch klar: In jedem Fall soll das Volumen der Ankäufe von Unternehmensanleihen weiterhin ausschließlich von geldpolitischen Überlegungen bestimmt sein.

 

 

Gut gedacht ist nicht gut gemacht

Das hört sich zunächst einmal sehr gut an. Der Kampf gegen den Klimawandel erfordert unser aller Einsatz und die bestmögliche Unterstützung.

Genau deswegen ist die Idee einer „grünen Geldpolitik“ aber leider alles andere als gut.

Denn sie setzt eine Idee um, die sich in der Vergangenheit immer wieder als fataler Trugschluss entpuppt hat: nämlich dass es für die schnelle und erfolgreiche Überwindung komplexer Herausforderungen eine erfolgversprechende Idee ist, auf staatliche Institutionen zu vertrauen.

Es liegt mir fern, die Autorität und Berechtigung staatlicher Institutionen generell in Zweifel zu ziehen. Es gibt viele hoheitliche Aufgaben, die der Staat aus gutem Grund wahrnimmt.

Je komplexer jedoch die Herausforderung, desto eher scheitert eine staatliche oder auch einfach nur zentrale Institution.

Zu vielschichtig die Informationen, zu unsicher, auf welche Art diese am besten berücksichtigt werden sollten, zu viele Optionen zur Umsetzung. Keine einzelne Institution, keine Behörde kann – egal mit wie viel Aufwand – angesichts natürlich begrenzter Mittel eine solche Herausforderung im Alleingang meistern.

Die Mangelverwaltung zentraler Planwirtschaften legt ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Zusammenhänge ab.

Und selbst „eine Nummer kleiner“ klappt es häufig bereits nicht – siehe das teure Desaster bei der Autobahnmaut.

Und was ist die Einführung einer Autobahnmaut schon im Vergleich zur Eindämmung des Klimawandels?

 

 

Nichts! Es ist meine feste Überzeugung, dass wir für derartige Herausforderungen mit dem Wettbewerb und der marktwirtschaftlichen Ordnung viel leistungsfähigere Ansätze zur Problembewältigung haben.

Wenn wir dem Klimawandel wirklich noch, so gut es geht, entgegenwirken wollen, dürfen wir nicht gegen den Markt, die Unternehmen und die Unternehmerinnen und Unternehmer agieren.

Stattdessen sollten wir die geballte, vielfältige Kompetenz im Wettbewerb nutzen, um gemeinsam zum Ziel zu kommen.

Ich halte eine „grüne Geldpolitik“ also nicht etwa für falsch, weil ich den Klimawandel nicht ernst nähme. Ganz im Gegenteil: Weil ich ihn überaus ernst nehme, sage ich, dass wir unbedingt eine andere Lösung als den Versuch staatlicher Lenkung brauchen.

Und ja, die grüne Geldpolitik ist nur ein Puzzleteil im Kampf gegen den Klimawandel, aber trotzdem muss jedes Teil des Puzzles sitzen! Und davon bin ich bei den Maßnahmen der EZB nicht überzeugt.

Hinzu kommt: „Grüne“ Ziele können klassische geldpolitische Ziele auch konterkarieren. Es sollen möglichst viele nachhaltige Anleihen gekauft werden – was passiert aber, wenn es geldpolitisch angezeigt wäre, gar keine Anleihen mehr zu kaufen?

Folgt die EZB dann wirklich ihrer eigenen Maßgabe, also dem reinen geldpolitischen Auftrag, und lässt den Ankauf bleiben? Oder ist das Klimaziel nicht doch so wichtig, dass man dafür ruhig einmal geldpolitische Vorgaben über Bord werfen kann, vielleicht sogar muss?

Gerade in Zeiten hoher Inflationsraten, in denen es maßgeblich auf das Vertrauen in die stabilitätsorientierte Geldpolitik ankommt, sind derartige „Nebenziele“ nicht nur klimapolitisch wenig wirksam, sondern gleichzeitig auch geldpolitisch gefährlich.

Ich denke, „grüne Geldpolitik“ ist schlicht eine Überforderung der EZB, ja jeder Notenbank. Der Beitrag zum Klimaschutz kann durch Markt und Wettbewerb viel besser und zielgerichteter geleistet werden. Und die EZB ist besser beraten, sich auf ihr eigentliches Ziel zu konzentrieren: die Geldwertstabilität.

Damit hätte sie ja in Zeiten wie diesen eigentlich auch mehr als genug zu tun.

Autor: Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank und Gründer von quirion

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