Rezession in den USA und die Welt im Krisenmodus – sind weitere Aktienmarktverluste unvermeidbar?

Quirin Privatbank: Am 8. April diesen Jahres haben wir auf die außergewöhnliche Situation einer sich invertierenden amerikanischen Zinsstrukturkurve aufmerksam gemacht. Inversion bedeutet hier, dass die Renditen kurzlaufender Anleihen diejenigen von Langläufern übersteigen.

Mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit waren solche Zinskonstellationen – vor allem mit Blick auf die Renditen 2- und 10-jähriger US-Staatsanleihen – bis dato Vorboten wirtschaftlicher Rezessionen.

Worüber wir Anfang April nur spekulieren konnten, ist nun Realität geworden: Zum einen hat sich die Inversion der US-Zinskurve durch die jüngste Entscheidung der amerikanischen Zentralbank, den amerikanischen Leitzins („Fed-Funds-Rate“) um 75 Basispunkte anzuheben, verfestigt (siehe folgende Grafik) und zum anderen ist die US-Wirtschaft nun tatsächlich in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen geschrumpft.

 

 

Im ersten Quartal 2022 ging die durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene annualisierte US-Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt; BIP) um 1,60% zurück und im zweiten um 0,90% (siehe Grafik).

 

 

Ein Rückgang der Wirtschaftsleistung in zwei aufeinander folgenden Quartalen wird von den meisten Volkswirten als klares Rezessionssignal gedeutet.

Die Diskussion dreht sich im Grunde nur noch um die Frage, wie gravierend der Wirtschaftsrückgang letztlich insgesamt sein wird, und vor allem darum, ob er auch in Europa und Deutschland zu beobachten sein wird.

Immerhin war das Wachstum in Europa zuletzt noch leicht positiv, in Deutschland stagnierte die Konjunktur.

 


 

Angesichts der Rezessionsaussichten für die weltweit größte Volkwirtschaft sowie der auch ansonsten düsteren politischen und wirtschaftlichen Perspektiven (Krieg in der Ukraine, Inflation, Lieferkettenproblematik usw.) gehen viele Analysen davon aus, dass die bisherigen Abwärtsbewegungen an den internationalen Aktienmärkten die kritische Lage nicht ausreichend reflektieren (siehe Grafik).

 

 

Vor dem Hintergrund einer sich eintrübenden Weltkonjunktur sowie zunehmender politischer Spannungen (zuletzt in Asien, Taiwan) wird daher damit gerechnet, dass an den internationalen Aktienmärkten ein weiterer Einbruch im Grunde unvermeidlich ist.

Obwohl wir ein Szenario weiterer heftiger Rücksetzer selbstverständlich nicht ausschließen können, halten wir es für alles andere als ausgemacht. Nach unserer Überzeugung wird zu wenig berücksichtigt, dass Krisenzeiten immer auch Zeiten großer Innovationssprünge und anschließender wirtschaftlicher Prosperität waren.

Die Coronakrise liefert hierfür ein eindrucksvolles Beispiel: Obwohl die meisten Forscher zunächst davon ausgingen, dass sich die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes über mehrere Jahre, ja sogar ein Jahrzehnt hinziehen würde, ist es tatsächlich in weniger als zwei Jahren gelungen.

Bezeichnenderweise vorrangig nicht durch staatliche Forschungsaktivitäten, sondern in der freien Wirtschaft.

Nach unserer Überzeugung gilt Ähnliches auch für die aktuelle Krise: Erstens wird auch sie überwunden werden und zweitens wird sie überraschende Innovationen befördern und entsprechende Wachstumskräfte freisetzen. In welchen Bereichen dies geschehen wird, darüber kann nur spekuliert werden.

Ziemlich sicher sind wir aber, dass sich nicht die öffentliche Hand als Innovationstreiber erweisen wird, sondern privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen.

 


 

Langfristiges Wachstum als treibende Kraft eines Aktienmarktes

Und damit sind wir beim Thema Aktienmarkt angelangt. Bildlich gesprochen ist der Aktienmarkt ja nichts anderes als ein riesiger Mechanismus, der permanent sämtliche im Unternehmenssektor vorhandenen Chancen und Risiken gegeneinander abwägt und in Marktbewertungen, sprich Aktienkursbewegungen, übersetzt.

Sowohl kapitalmarkttheoretische Überlegungen als auch empirische Untersuchungen weisen darauf hin, dass er dabei auch und vor allem die langfristig wirkenden zukünftigen Entwicklungen zu antizipieren versucht.

Aktienmärkte reflektieren also nicht nur die aktuelle bzw. unmittelbar vor uns liegende Situation, sondern auch die fernere Zukunft. Dabei greifen sie zeitlich weit voraus.

So trägt beispielsweise nach unserem internen volkswirtschaftlichen Bewertungsmodell die Wirtschaftsleistung der nächsten fünf vor uns liegenden Jahre lediglich knapp 20 % zum fundamentalen Gesamtwert des Kapitalstocks einer Volkswirtschaft bei.

Die restlichen 80 % dagegen hängen von der Wirtschaftsleistung der darauf folgenden Jahre ab.

Wie hoch diese Leistung aber sein wird, wird entscheidend davon bestimmt, wie stark die Wirtschaft zukünftig wächst. Je stärker das Wachstum ausfällt, desto höher ist die zukünftige Wirtschaftsleistung und desto höher ist der Wert aller Produktionsfaktoren einer Volkswirtschaft.

Zugleich erhöht sich damit auch der Fundamentalwert aller Unternehmen und somit auch der Wert des Aktienmarktes.

So bewirkt gemäß unserem bereits erwähnten Bewertungsmodell schon eine relativ mäßige Erhöhung der gleichgewichtigen Wachstumsrate um nur einen halben Prozentpunkt eine Steigerung dieses Wertes um knapp 13%. Selbst geringfügige Erhöhungen dieser Wachstumsrate haben somit enorme Auswirkungen.

Viel mehr als durch einen krisenbedingten möglichen Rückgang des BIPs im nächsten Jahr wird die Aktienmarktentwicklung also davon bestimmt, wie sich durch die aktuellen Ereignisse die Zukunftsperspektiven verändern.

 

Innovationen heute stärken die Wachstumskräfte der Zukunft

Aufgrund des enormen Innovationsdrucks, der in der aktuellen Krise ja nicht nur auf den Unternehmen lastet, sondern auf der ganzen Gesellschaft, einschließlich sämtlicher staatlicher Institutionen, glauben wir, dass sich auch diese Krise, nachdem sie überwunden sein wird, positiv auf die Produktivität und Effizienz der Wirtschaft, aber auch des staatlichen Sektors auswirken wird.

Die dadurch gestärkten Wachstumskräfte werden die Zukunftsperspektiven für die gesamte Gesellschaft letztlich verbessern – und nicht verschlechtern, wie viele Defätisten uns derzeit glauben machen wollen.

Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass sich diese letztlich doch positiven Aussichten auch in den aktuellen Kursbewegungen widerspiegeln.

Deshalb gehen wir davon aus, dass die bisher zu beobachtenden Aktienmarktverluste keine Untertreibungen sind, sondern Reaktionen, die der aktuellen Situation durchaus gerecht werden.

Ausdrücklich möchten wir in dem Zusammenhang darauf hinweisen, dass diese Einschätzung keine Prognosen darüber liefert, was in den nächsten Wochen und Monaten an den Märkten passieren wird.

Das psychologische Momentum jedes Aktienmarktes – scharfe Kurskorrekturen, heftige und übertriebene Reaktionen auf aktuelle Ereignisse, abrupte Neubewertungen bereits bekannter Fakten usw., kurzum all das, was für reale Marktbewegungen so typisch ist – wird durch unsere langfristig orientierten Überlegungen nicht erfasst.

Es bleibt daher bei unserer grundsätzlichen Philosophie: Kurz- und mittelfristig sind Kursentwicklungen unmöglich zu prognostizieren, langfristig jedoch muss es in einer Marktwirtschaft freier Unternehmen und Finanzmärkte zwangsläufig aufwärtsgehen.

 


 

Fazit für die Aktienanlage

Unbestreitbar befinden wir uns derzeit in einer ernsthaften, nicht nur ökonomischen Krise. Deshalb sind viele überzeugt, dass weitere Aktienmarktverluste im Grunde unvermeidbar sind, und raten dazu, aus den Märkten auszusteigen. Wir halten das für keinen guten Rat.

Nach unserer Meinung wird in dieser fast ausschließlich pessimistischen Einschätzung übersehen, dass die Märkte ja bereits korrigiert haben, und das teilweise durchaus heftig.

Zudem werden die mit jeder Krise auch verbundenen positiven Aspekte vielfach ausgeblendet, insbesondere der gesteigerte Innovationsdruck und die dadurch gestärkten Wachstumskräfte.

Bereits bestehende Aktiendepots sollten daher keinesfalls panikartig aufgelöst werden. Für neu anzulegende Gelder dagegen bietet die aktuelle Marktschwäche sogar eine gute Gelegenheit, ein breit diversifiziertes internationales Aktiendepot aufzubauen.

Denn der alte Grundsatz gilt unverändert: Krisenzeiten sind Investitionszeiten; nicht im Sinne des Market-Timings, also des Versuchs, in wechselnder Folge gezielt vermeintlich günstige Aus- und Einstiegszeitpunkte abzupassen, sondern als Gelegenheit, sich endlich an der langfristig nach oben gerichteten Aktienmarktentwicklung zu beteiligen.

 

Autor: Prof. Dr. Stefan May, Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung der Quirin Privatbank

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