Rohstoffreport: Bullen kommen aus der Deckung

Helaba: Inzwischen kommen wieder diverse Rohstoffbullen aus der Deckung. Die zuletzt relativ robuste technische Verfassung macht ihnen Mut, eine große Rohstoff-Rallye und den seit langem besten Zeitpunkt zum Einstieg in Rohstoffe zu konstatieren. Soweit es aber die bemühten fundamentalen Rahmenbedingungen betrifft, bestehen doch erhebliche Zweifel.

In ihrer Doppelrolle als Früh- und Spätzykliker können Rohstoffe im Bereich des Konjunkturhochs durchaus noch einen „Schnaps drauflegen“. Durchgreifende Nachfrageimpulse aufgrund eines massiv anziehenden Verbrauchs – wie von den Bullen unterstellt – sind dann aber nicht mehr zu erwarten. Auch die Annahme global anhaltend günstiger Finanzierungsbedingungen und eines bald wieder sehr schwachen US-Dollar erscheinen fragwürdig.

Außerdem wurde der jüngste Anstieg der Rohstoffindizes durch die Verteuerung von Mineralölprodukten getragen, was wiederum auf den Einfluss exogener Faktoren auf der Angebotsseite zurückzuführen ist. So zeigt auch der CRB BLS (All Commodities) Spot-Index, der keine Mineralölprodukte, dafür aber 22 besonders konjunktursensitive Rohstoffe enthält, wenig Aufwärtsdynamik. Schließlich sind die extremen Wetten und die ungewöhnliche Terminkurve („deep backwardation“) bei Rohöl als Hypothek nicht zu unterschätzen.

Energie
Brent notiert inzwischen rund 70% höher als im letzten Sommer. Der US-Benzinpreis droht zur Hochsaison in den USA ein kritisches Niveau zu überschreiten und dies kurz vor den US-Parlamentswahlen im Herbst. Nicht nur Trump und die Republikaner dürften ein Interesse haben – auch in hohem Maße politisch ausgelöste spekulative Übertreibungen – an den Märkten einzufangen.

So scheinen auch Saudi-Arabien und Russland das Risiko eines nachfragezerstörenden Preisniveaus bei 80 USD je Barrel und darüber höher zu gewichten als weitere kurzfristige Windfall-Profite. Schließlich sind die extremen Wetten und die ungewöhnliche Terminkurve („deep backwardation“) bei Rohöl mit Blick auf die Marktpsychologie als möglicher Negativverstärker nicht zu unterschätzen.

Selbst wenn es zu Sanktionen kommt, bleibt die Frage, inwieweit das iranische Angebot tatsächlich dem Weltmarkt entzogen (Indien, China!) bzw. durch andere Quellen ersetzt wird. Längerfristig besteht allerdings das Risiko einer Eskalation des Konflikts im Nahen Osten.

Industrierohstoffe
Nach einem Anstieg von über 60 % seit dem letzten zyklischen Tief um den Jahreswechsel 2015/2016 scheint der LME-Primärmetalle-Index zuletzt an die Decke gestoßen zu sein. Markttechnisch wirkt er bereits seit Monaten nicht mehr so robust. Da der Rückenwind aus dem makroökonomischen Umfeld nachlässt, zeigen die Notierungen der einzelnen Metalle auch mehr Eigenleben.

Spätestens nach Abebben positiver Lagerimpulse dürfte abgesehen von temporären Anstößen etwa durch kurzfristige Produktionsausfälle aber auch hier die Dynamik zunächst überschaubar sein. Schließlich dürften selbst die teilweise hohen Absatzerwartungen aufgrund der zunehmenden Elektrifizierung von Automobilen erst einmal relativiert und mitunter durch ein deutlich wachsendes Angebot konterkariert werden.

Getreide
Gegenüber dem Stand vom Jahresultimo sind die Notierungen von US-Weizen um rund 27 % angestiegen. Ungünstige Wetterverhältnisse nicht nur in den USA, sondern auch in weiten Teilen Russlands, dem weltweit größten Weizenexporteur, haben die Produktionserwartungen deutlich sinken lassen. Der Angebotsausblick hat sich aus Sicht der Marktteilnehmer erheblich eingetrübt.

Allerdings waren die Lagerbestände noch zur Jahreswende sehr reichlich und deren Verhältnis zum Verbrauch historisch betrachtet auf Rekordniveau. Sollte es aber aufgrund rückläufiger Produktion zu spürbarem Lagerabbau kommen, könnte erstmals seit 2012 die Basis für eine durchgreifende Preiserholung gelegt werden. Die Alternative wäre ein Zwischenhoch wie zuletzt in 2017.

 


 

Genussmittel
Kakao war im ersten Halbjahr in unserem Universum der Ausnahmerohstoff. So legte die Notierung in der Spitze gegenüber dem Stand vom Jahresultimo um rund 55 % zu. Inzwischen ist die Spezialität wieder im Abstiegsmodus. Diese stark spekulativ getriebene Schaukelpartie ist seit Ende des letzten Jahrzehnts zu beobachten. Gefangen haben sich die Notierungen immer wieder im Bereich von 2.000 USD/t. Der obere Rand lag zumeist bei 3.500 USD/t.

Auch die Notierungen von Zucker führen ein stark spekulativ getriebenes Eigenleben. Die letzte Übertreibungsphase gab es hier 2016. Nach dem Test des Tiefs vom Sommer 2015 im April scheint das süße Gift zuletzt wieder in die Spanne zwischen 12 und 14 Dollar-Cent zurückgekehrt zu sein. Allerdings ist diese Entwicklung auch stark ereignisgetrieben, da die Liefersicherheit des großen Produzenten Brasilien durch die Streiks im Transportsektor gefährdet ist. Allerdings bleiben die fundamentalen Verhältnisse beim Hauptgenussmittel auf mittlere Sicht weiterhin durch Angebotsüberschüsse geprägt.

Tierprodukte
Der Hunger auf das tierische Eiweiß scheint in den USA in diesem Sommer kaum zu stoppen zu sein. Besonders beliebt in der aktuellen Grillsaison sind Rippchen und Koteletts vom Schwein. Auch die Exportseite läuft relativ rund. Möglicherweise haben die Streiks in Brasilien positive Auswirkungen für die US-Produzenten.

Allerdings zeigt sich in den USA auch schon ein Überangebot, selbst auf der Einzelhandelsebene. Bei US-Lebendrind spiegelt sich dies in den Notierungen wider. Die US-Rekordschweineherden scheinen aber bislang nur die Finanzinvestoren in die Short-Position zu bewegen. Bleibt vielleicht, das Ende der Grillsaison abzuwarten.

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