Sebastian Dullien: Deutschland steht vor einem gigantischen makroökonomischen Schock

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Wenn man sich die jüngsten Äußerungen aus Teilen der Bundesregierung zur Finanzpolitik 2023 anhört, so könnte man den Eindruck bekommen, dass dort eine wichtige Erkenntnis noch nicht angekommen ist:

Deutschland steht gerade vor einem gigantischen makroökonomischen Schock

Der Schock war nach der Ukraine-Invasion angelegt, aber er hat sich in voller Größe erst in den letzten Wochen materialisiert.

Haupttreiber sind die Energiepreise (vor allem Gas, siehe Grafik unten), dazu kommen nachgeordnet noch Nahrungsmittelpreise.

 

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Einen Eindruck von der Größenordnung des Schocks bekommt man, wenn man einmal die Nettoimportrechnung Deutschlands für fossile Energieträger abschätzt.
Das habe ich unten einmal getan, und zwar auf Basis der 2019 eingeführten Importmengen und dann bewertet jeweils mit den Preisen der folgenden Jahre.

Für den Rest von 2022 und für 2023 bin ich davon ausgegangen, dass die Preise jeweils auf dem aktuellen Niveau verharren.

 

 

Das erschreckende Ergebnis:

Im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau erlebt die deutsche Wirtschaft 2023 einen Schock in Größenordnung von mehr als 200 Mrd. € oder >5 % des BIP.

Dies ist die Summe, die kurzfristig Unternehmen, die Privathaushalte und/oder der Staat tragen müssen.

 

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Dabei haben wir hier noch konservativ gerechnet:

In die Rechnung ist nur ein Spotpreis für Gas von 225 €/MWh eingegangen, an den Future-Märkten wurden diese Woche zeitweise Preise von mehr als 300 € aufgerufen.
Würde der Gaspreis im kommenden Jahr tatsächlich bei 300 €/MWh liegen, so wäre der Schock noch einmal ca. 65 Mrd. € höher.
Einen Eindruck, wie stark das Ganze die Privathaushalte betrifft, bekommt man, wenn man einmal die absehbaren Preiserhöhungen von Erdgas auf die Haushalte umrechnet.

Anfang 2022 hat die Kilowattstunde Erdgas für Endkunden etwa 6,5 Cent gekostet, bei einem Großhandelspreis von knapp 20 €/KWh.
2021 verbrauchten die Privathaushalte rund 310 TWh Strom.

 

Steigt der Großhandelspreis um 200 €/KWh, bedeutet das (einschließlich 7 % MWSt.) für die Privathaushalte eine Mehrbelastung von fast 70 Mrd. € pro Jahr.
Hinzu kommt noch die Gasumlage, sodass 80 Mrd. € keine unrealistische Schätzung für die Gesamtmehrbelastung der Privathaushalte durch teures Gas wären.

 

Zur Einordnung:

Das entspricht fast 4 % der verfügbaren Einkommen des Haushaltssektors.
Da nur die Hälfte der Haushalte mit Gas heizt, bedeutet das Zusatzkosten für Gashaushalte von fast 8 % ihrer verfügbaren Einkommen oder etwa ein Nettomonatsgehalt pro Haushalt.

Natürlich ist denkbar, dass die Haushalte jetzt deutlich Gas sparen, aber auch nach 15 % Einsparung bliebe der Schock noch massivst.

 

 

Bei all diesen Rechnungen haben wir jetzt noch gar nicht über höhere Strom- oder Nahrungsmittelkosten geredet, die noch oben auf die Belastungen drauf kommen.

Diese Belastungen werden viele Haushalte nur dadurch auffangen können, dass sie ihren Konsum an anderer Stelle zurückfahren – Deutschland droht also sehr bald eine konsumgetriebene Rezession.

Natürlich wissen wir nicht, wie schnell der Schock genau durchschlägt.

Der tatsächliche Gasimportpreis etwa folgt dem Spotpreis nur mit Verzögerung und nicht immer vollständig, weil die Verträge zwar an die Börsenpreise gekoppelt sind, aber nicht unmittelbar und nicht 1:1.

 

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Die Gasversorger dagegen haben zum Teil vorausschauend beschafft und nicht alle erhöhen kurzfristig die Endverbraucherpreise.

Bislang sind die Endpreise von Gas laut destatis etwa erst um 80 % gestiegen, der große Schub steht noch bevor.

 

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Doch wie man es dreht und wendet:

Wenn die Börsenpreise hoch bleiben, kommt der Schock früher oder später, und der Schock droht gewaltig zu werden. Was die Regierung bislang (zumindest öffentlich) diskutiert, ist diese Herausforderungen vorne und hinten nicht gewachsen.

Man kann nur hoffen, dass man hinter verschlossenen Türen in BMF_Bund BMWK und beim Bundeskanzler schon weiter ist, als derzeit durchsickert.

 

Sebastian Dullien auf Twitter

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