Venezuela: Ein wirtschaftliches Pulverfass?

BlackRock Asset Management: Der Zerfall des politischen Systems in Venezuela hat sich dramatisch beschleunigt. Mit der Einberufung der verfassungsgebenden Versammlung, die das erklärte Ziel hat, das von der Opposition dominierte Parlament an die Kette zu legen, hat Präsident Nicolás Maduro einen unübersehbaren Schritt Richtung Diktatur vollzogen.

 

Konsequent nur, daß er in diesem Zuge die Generalstaatsanwältin Luisa Ortega, die sich von einer Unterstützerin zur Verteidigerin der alten Verfassung und damit letzten ernstzunehmenden Gegnerin des Präsidenten entwickelt hatte, ebenfalls entmachtete. Nun bleibt abzuwarten, wie sich das Militär positioniert. Gelingt es Maduro, auch die Armee auf seiner Seite zu halten, dürfte das politische Schicksal des einstmals reichen südamerikanischen Landes besiegelt sein.

 

Venezuelas Bevölkerung vor Bürgerkrieg?
Venezuela verfügt über eine größtenteils junge, relativ gut ausgebildete Bevölkerung und eine Mittelschicht, die einiges zu verlieren hat. Schon als Reaktion auf die zunehmende Drangsalierung durch den lange regierenden Hugo Chavez hat geschätzt eine gute Million Venezolaner, die meisten davon Angehörige der Mittel- oder Oberschicht, das Land verlassen.

 

Und es ist unwahrscheinlich, daß Maduros noch extremerer Versuch, das Land in eine stalinistische Diktatur zu verwandeln, auf Sicht in weiten Bevölkerungskreisen auf Gegenliebe stoßen wird. Die Unruhen, bei denen schon mehr als 120 Menschen gestorben sind, dürften also weitergehen. Die ökonomischen Konsequenzen liegen auf der Hand.

 

Schon hat die südamerikanische Freihandelsorganisation Mercosur Venezuela dauerhaft ausgeschlossen, die Schuldnerposition des Landes dürfte immer stärker in Frage gestellt werden. Mit einer Kontraktion des BIP um 10% und einer Inflation von über 700% befand sich die Wirtschaft schon 2016 im freien Fall, und in diesem Jahr hat sich die Lage verschlechtert.

 

Bei Eskalation der bürgerkriegsähnlichen Zustände ist zudem nicht auszuschließen, daß auch die Ölförderung und damit die einzige größere Einnahmequelle des Landes betroffen wird. Anleger, die venezolanische Assets in ihrem Portfolio haben, sollten gewarnt sein.

 

Was bedeutet das für die Anleger?
Anleger sollten sich von der zuletzt sehr niedrigen Volatilität an den Aktenmärkten nicht in Sicherheit wiegen lassen. Zwar droht von der für viele als schon entschieden geltenden Bundestagwahl aus unserer Sicht wenig Risiko einer drastischen Marktreaktion in die eine oder andere Richtung.

 

Die oben beschriebene Eskalation in Venezuela hat schon eher das Potential zum Schreckgespenst für die Finanzmärkte. Allerdings zeigen neue Analysen unserer Kollegen vom BlackRock Investment Institute (BII), daß politische Verwerfungen allein zwar für plötzliche Ausbrüche von Volatilität sorgen können, meist aber nicht dauerhaft das vorherrschende Volatilitätsregime beenden. Aber auch vorübergehende Vola-Spitzen können weh tun, wenn man nicht entsprechend positioniert ist.

Außerdem hängt das längerfristige Volatilitätsregime, wie wir wissen, zu einem Gutteil an den Zentralbanken. Womit wir bei den Inflationszahlen wären. Nach den starken US Arbeitsmarktzahlen und der wieder höheren Kerninflationsrate der letzten Woche scheint die Fed auf Kurs zu sein. Diese Woche gibt es frische Zahlen zu den US-Verbraucherpreisen.

 

Für Gesamt- und Kernrate werden jeweils 1,8% Jahreszuwachs erwartet. Es bleibt also zu erwarten, daß die Fed ab Herbst ihre Bilanzsumme schrumpfen wird, mit offenem Ende für die Marktzinsen. Und ob die US-Notenbank im Dezember noch einem Zinsschritt nachlegt, bleibt vom weiter positiven Verlauf an der Datenfront abhängig.

 

Dies alles erscheint aber als relativ unumstritten und hat deshalb kaum das Potential, die Märkte aus der Ruhe zu bringen. Es sieht also so aus, als sollte uns die entspannte Sommerstimmung noch ein wenig erhalten bleiben.

Autor: Dr. Martin Lück

 

 

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