Wie ansteckend sind Gewinnschätzungen?

DWS: Die Börse hat den aus China stammenden neuen Coronavirus scheinbar abgehakt. Das könnte man jedenfalls beim Blick auf den S&P 500 meinen, der am Mittwach ungefähr wieder auf dem Vorkrisen(berichts)niveau stand.

Das ist insofern bemerkenswert, als selbst bei einer baldigen Überwindung des Virus der wirtschaftliche Schaden dennoch bereits eingetreten ist, und sich derzeit noch täglich erhöhen dürfte. Das trifft auch US-Firmen, sofern sie etwa auf chinesische Touristen, auf Flüge nach China, auf Konsumenten in China oder auf die Produktionsstätten in der Provinz Hubei angewiesen sind.

Die Spuren dürften sich in erster Linie in den Zahlen zum ersten Quartal zeigen, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Ganzjahreszahlen. Gleicher Kurs bei geringerem Gewinn – damit würde der S&P einmal mehr von einer Bewertungsausweitung profitieren. Jener Faktor, der 2019 fast alleinverantwortlich für die S&P-500-Rally war. So man denn die 2019er Gewinne zugrunde legt, die gegenüber 2018 nicht gewachsen sind.

Doch der Markt schaut nach vorne. Und für 2020 erwartet er für den S&P 500 immerhin (noch?) einen Gewinnanstieg von 8,5 Prozent.

 


 

Was den Markt mittelfristig jedoch mehr bewegt, sind die Veränderungen der Schätzungen. Wie unser “Chart der Woche” zeigt, sieht es hier eher mau aus. Seit Juli 2019 hat der S&P 500 zwar um 17 Prozent zugelegt, die Gewinnschätzungen für 2020 sind jedoch um 3,6 Prozent zurückgegangen.

Verantwortlich waren dafür, wenig überraschend, die zyklischen Sektoren (siehe Grafik), während sich bei den defensiven Sektoren (Versorger, Gesundheit, Immobilien und defensiver Konsum) so wenig tat, dass wir sie gar nicht in die Grafik aufgenommen haben. Einziger positiver Ausreißer war einmal mehr der Technologiesektor, der es auch für das vierte Quartal 2019 schaffte, die hohen Erwartungen zu übertreffen.

Alles in allem dürften sich die Auswirkungen des Virus noch nicht in den Konsensschätzungen widerspiegeln. Warum aber sehen die Börsen scheinbar so nonchalant über den Virus hinweg? Vielleicht hoffen sie erneut auf jene Medizin, die sie stets als opportun für Wirtschafts- und Marktschwächen erachten: Geldspritze und -lockerungen seitens der Zentralbanken. Chinas Währungshüter haben die erste Dosis bereits verabreicht.

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