Brennpunkt Iran – bleiben die Aktienmärkte gelassen?
Die weltweiten Finanzmärkte sind seit dem letzten Wochenende mit einem neuen Krieg im Nahen Osten konfrontiert. Nach den Militärschlägen der USA und Israels gegen den Iran gab es wechselseitige Attacken und mittlerweile ist auch eine Reihe anderer Nahost-Staaten (plus Zypern und die Türkei) vom Iran bzw. von der libanesischen Hisbollah angegriffen worden.
Das Wichtigste in Kürze:
- Der Kriegsausbruch im Iran und die damit einhergehenden Preissteigerungen bei Öl und Gas stellen die Finanzmärkte vor neue Herausforderungen.
- Bislang reagieren die Märkte allerdings weitgehend besonnen. Bleiben wichtige Rohstoffrouten versperrt, könnte sich dies allerdings ändern.
- Die Aktienmarkthistorie lehrt: Auch in Zeiten extremer geopolitischer Krisen bewährt sich die berühmte ruhige Hand bei der Vermögensanlage.
Straße von Hormus wird zum geopolitischen Risiko für Ölhandel
Börsenseitig keimen bei kriegerischen Akten in der Region also logischerweise schnell Sorgen um die Ölproduktion in diesen Ländern auf. Aktuell konzentriert sich die Aufmerksamkeit allerdings eher auf einen extrem wichtigen Transportweg für Öl: die Straße von Hormus. Diese Meerenge verbindet den Persischen Golf im Norden mit dem Golf von Oman im Süden und dem Arabischen Meer – und sie wird von iranischer Seite militärisch bedroht, was aktuell gleichbedeutend mit einer Sperrung ist. Etwa ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs wird durch diese Meerenge befördert.
Die folgende Grafik illustriert, welche Länder welche Menge Rohöl auf diesem Weg exportieren und wohin es geht. Ins Auge springt, dass die Abnehmer überwiegend aus Asien stammen.

Sorgen vor entsprechenden Lieferengpässen haben die Ölpreise in Europa und den USA bis zum späten Donnerstag um rund 10% anziehen lassen. Sie liegen damit wieder auf einem Niveau, das wir zuletzt Mitte 2025 gesehen haben, nach den US-israelischen Angriffen auf das iranische Atomprogramm. Von Preisen wie zu Zeiten des russischen Einmarsches in die Ukraine sind wir aber noch relativ weit entfernt, wie das nachfolgende Chartbild zeigt.

Eskalation im Persischen Golf lässt Gaspreise deutlich steigen
Da es vor Ort praktisch keine Ausweichmöglichkeiten gibt und wegen des aktuellen Produktionsstopps nach Angriffen auf die katarischen Anlagen war die Preisreaktion an den Gasmärkten zumindest im grundsätzlich auf Gasimporte angewiesenen Europa und ebenso in Asien drastischer. In Europa haben sich die Preise im Laufe der Woche fast verdoppelt.
Der führende europäische Referenzpreis „TTF“ (Title Transfer Facility) bewegte sich zuletzt in Bereich von 50 Euro pro Megawattstunde. Von den 2022er-Niveaus, als der Preis meist zwischen 100 und 200 Euro schwankte (Spitzenwerte über 300 Euro), sind wir aber noch weiter entfernt als beim Öl.
Die Aktienmärkte reagieren für gewöhnlich sensibel auf stärkere Energiepreissteigerungen. Erweisen sich diese als nachhaltig, baut sich über steigende Inflation (und in der Folge meist steigende Zinsen) Druck auf die Wirtschaftsleistung und die Unternehmensgewinne auf.
Vor diesem Hintergrund fällt die unmittelbare Reaktion an den Börsen bislang erfreulich gelassen aus, was die nachfolgende Grafik mit dem Aktienmarktverlauf in den USA und in Deutschland seit Jahresbeginn verdeutlicht. Die anfänglich leichten Wochenverluste wurden in den USA schon wieder aufgeholt und der DAX liegt seit Wochenbeginn mit rund 4% im Minus (Stand Donnerstagmittag). Im 5-Jahres-Chart ist die Bewegung kaum sichtbar.

Wie immer lässt sich über die konkreten Gründe von Kursentwicklungen nur spekulieren. Es liegt aber nahe, dass die Marktteilnehmer in ihrer ersten Reaktion von einer zeitlich sehr begrenzten Blockade ausgehen. Speziell in Europa dürfte auch positiv zu Buche schlagen, dass – im Gegensatz zur Situation vor 3 Jahren – keine akuten Versorgungsengpässe drohen. Die Abhängigkeit von Öl und Gas, das über die Straße von Hormus importiert wird, ist erheblich geringer als seinerzeit die von den russischen Importen.
Die USA sind mittlerweile so autark in der Öl- und Gasförderung, dass das Risiko von Versorgungsengpässen dort schon länger sehr gering ist. Asien wird in der aktuellen Situation am stärksten belastet, was sich auch im Börsenverlauf widerspiegelt. Die Wochenverluste waren dort etwas höher.
Anhaltender Konflikt könnte Druck auf Aktienmärkte erhöhen
Wenn dann Unternehmen ihre Investitionen verschieben und der private Konsum ins Stocken kommt, kann aus Unsicherheit ein Nachfrageproblem werden. Beides ist bislang aber „lediglich“ ein Risiko und keine Realität.
Sollten die Märkte stärker nachgeben, hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass Kriege und kriegsähnliche Geschehnisse, speziell auch solche mit Bezug zum Nahen Osten bzw. mit starkem Einfluss auf die Rohstoffpreise, in der Historie keine nachhaltigen Kurseinbrüche zur Folge hatten. Oft waren die Rückschläge überschaubar oder wurden sehr schnell wieder aufgeholt, was die nachfolgende Grafik verdeutlicht.

Die in der Übersicht auch nach einem Jahr noch tiefroten Entwicklungen (erste Ölkrise und 11.09.2001) relativieren sich durch die fulminanten Kursentwicklungen in den Folgejahren.
Alles in allem ergibt sich aufgrund der aktuellen Ereignisse bei einer aus guten Gründen gewählten Anlagestrategie kein Handlungsbedarf. Auch die neuerliche Eskalation im Nahen Osten wird die globalen Aktienmärkte und die Weltwirtschaft nicht aus den Angeln heben. Letztere hat schon öfter unter Beweis gestellt, dass sie auch aus solchen Situationen mit Hilfe von Anpassungsfähigkeit und Innovationsgeist gestärkt hervorgehen kann.
Fazit
- Die ersten Reaktionen der Aktienbörsen auf den aktuellen Krieg im Iran sind bisher trotz merklich anziehender Öl- und Gaspreise erfreulich moderat ausgefallen.
- Da sich die extrem fragile Situation im Nahen Osten aber wohl kaum im Handumdrehen beruhigen dürfte, hilft es, sich gedanklich auch auf stärkere Kursrückschläge einzustellen.
- Historisch betrachtet sind solche geopolitischen Schocks an den Aktienmärkten aber nur von relativ kurzer Dauer.
- Aus unserer Sicht besteht in einem auf Ihre persönlichen Anlageziele und ihre individuelle Risikomentalität abgestimmten Wertpapierdepot kein Handlungsbedarf.
- Internationale Aktien bleiben langfristig die aussichtsreichsten Renditelieferanten – zwischenzeitliche „Verschnaufpausen“ inklusive.
Disclaimer & Risikohinweis
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Infos über Quirin Privatbank
Die Quirin Privatbank AG wurde 2006 als erste Honorarberaterbank in Deutschland gegründet – mit der Mission, die Menschen in Deutschland zu besseren Anlegern zu machen. Die Bank ist Spezialist für professionelle, individuelle Vermögensverwaltung und einen langfristigen Vermögensaufbau.
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