Zwischen Ölpreisschock und KI-Boom: Was Schwellenländeraktien jetzt antreibt
Schwellenländeraktien gehen aus Sicht von James Donald, Leiter der Emerging Markets-Plattform bei Lazard Asset Management, mit einer robusten, aber zunehmend uneinheitlichen Ausgangslage in die kommenden Monate.
Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran habe diese Unterschiede zusätzlich verstärkt: Höhere Energiepreise, gestörte Transportwege und steigende Inflationsrisiken wirkten sich je nach Land und Region sehr verschieden aus. „Der Iran-Konflikt macht einmal mehr deutlich, dass Anleger Schwellenländer nicht als einheitlichen Block betrachten können“, sagt Donald. Die Ölpreise seien nach Ausbruch des Konflikts zeitweise auf über 120 US-Dollar je Barrel gestiegen; Störungen in der Straße von Hormus hätten die Sorgen um die Energieversorgung zusätzlich verstärkt.
Kurzfristig entstehe dadurch makroökonomischer Druck vor allem auf energieimportierende Volkswirtschaften. Gleichzeitig blieben die langfristigen strukturellen Treiber für Schwellenländeraktien intakt – insbesondere KI-Infrastruktur, Halbleiterproduktion und die Neuordnung globaler Lieferketten.
Asien: Energieimporte als Belastungsfaktor
Energieimportierende Volkswirtschaften wie Indien, Südkorea, Indonesien, die Philippinen, Thailand und Vietnam seien besonders von anhaltender Energiepreisvolatilität betroffen. Viele Regierungen hätten zunächst mit Subventionen, Steuersenkungen, dem Einsatz strategischer Reserven oder alternativen Liefervereinbarungen reagiert. Sollte der Energiepreisdruck länger anhalten, könne der Anpassungsdruck jedoch zunehmend auf die Geldpolitik übergehen. Mehrere asiatische Zentralbanken müssten dann möglicherweise vorsichtig oder sogar leicht restriktiv bleiben, um Zweitrundeneffekte einzudämmen. Indien sei ein besonders gravierender Fall und sowohl über höhere Energiepreise direkt als auch über steigende Kosten für Düngemittel und Nahrungsmittel indirekt betroffen. Zugleich könnten höhere Lebensmittelpreise den Druck in Ländern erhöhen, in denen Nahrungsmittel einen großen Anteil am Inflationskorb ausmachen. Dies könne beispielsweise erneut Indien, aber auch die Philippinen oder Ägypten betreffen. „Für Anleger bedeutet das: Selbst strukturell attraktive Wachstumsmärkte könnten kurzfristig durch makroökonomische Belastungen gebremst werden“, sagt Donald.
Taiwan und Südkorea profitieren vom KI-Zyklus
Der stärkste strukturelle Wachstumstreiber innerhalb der Schwellenländeraktien bleibt aus Sicht von Donald jedoch der Technologiesektor in Nordasien. Der Iran-Konflikt ändere wenig an den langfristigen Kräften, die Taiwan und Südkorea unterstützten. Der Ausbau von KI-Infrastruktur, Halbleiterproduktion und Rechenzentren trage weiterhin maßgeblich zum Gewinnwachstum in den Emerging Markets bei. Besonders gefragt seien moderne Logikchips, Advanced Packaging, High-Bandwidth Memory und andere Komponenten für KI-Anwendungen. In Taiwan bleibe Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) ein zentraler Knotenpunkt dieser Lieferkette. In Südkorea profitierten Speicherhersteller von der strukturellen Neubewertung von High-Bandwidth Memory, dessen Angebot im Verhältnis zur Nachfrage von KI-Chipentwicklern weiterhin begrenzt sei. „Taiwan und Südkorea sind längst nicht mehr nur zyklische Technologiemärkte“, sagt Donald. „Sie sind zentrale Bausteine der globalen KI-Infrastruktur und damit strategisch wichtige Bestandteile vieler Emerging Markets-Portfolios.“
Die starke Wertentwicklung der beiden Märkte im laufenden Jahr spiegele daher nicht nur eine zyklische Erholung wider, sondern auch eine Neubewertung der Ertragskraft führender Halbleiterunternehmen. In US-Dollar gerechnet hätten die Aktienmärkte in Taiwan und Südkorea laut Daten von MSCI bis Ende Juni 2026 um 62 Prozent beziehungsweise 119 Prozent zugelegt.
Gleichzeitig bleibe der Zeithorizont wichtig: Wie sich die Umsätze die kommenden Monate entwickelten, ließe sich gut prognostizieren. Für 2027 würde die Prognose aber unsicherer. .
China bleibt relativ widerstandsfähig
China sei gegenüber direkten Energieversorgungsengpässen vergleichsweise besser geschützt als viele andere asiatische Volkswirtschaften. Große strategische Reserven, diversifizierte Importkanäle und die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Energiequellen zu wechseln, verschafften dem Land Flexibilität. Die wichtigsten Risiken seien indirekter Natur: schwächeres Wachstum wichtiger Handelspartner, steigende industrielle Inputkosten und mögliche Störungen bei den Lieferketten für Petrochemikalien oder anderen Vorprodukten.
Aktienanleger müssten zwischen kurzfristigen makroökonomischen Belastungen und strukturellen Sektorthemen unterscheiden.
Lateinamerika zwischen Rohstoffen, Wahlen und Nearshoring
Auch Lateinamerika biete Chancen, allerdings unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen. In Brasilien stünden die Präsidentschaftswahlen im Oktober im Mittelpunkt. Der politische Kurs nach der Wahl werde für Aktien mit Binnenmarktfokus wichtig sein. Gleichzeitig sei Brasilien außenwirtschaftlich in einer günstigen Position: Das Land profitiere von robuster chinesischer Nachfrage nach Agrarrohstoffen wie Sojabohnen und Fleisch sowie von den frühen Phasen einer Neuordnung der Lieferketten in Amerika. Der Zinspfad sei für brasilianische Aktien ebenso wichtig wie der Wahlausgang. Die brasilianische Zentralbank habe im März ihren Lockerungszyklus begonnen, nachdem der Leitzins Anfang 2026 bei 15 Prozent gelegen habe.
Bis Juni sei der Satz auf 14,25 Prozent gesenkt worden. Höhere Energie- und Lebensmittelpreise im Zuge des Iran-Konflikts hätten die Erwartungen weiterer Zinssenkungen jedoch belastet. In Mexiko bleibe Nearshoring ein zentraler Treiber der Aktienmarktstory. Bei der Überprüfung des USMCA-Abkommens zwischen den USA, Mexiko und Kanada verlängerten die USA das Abkommen zwar nicht in seiner bisherigen Form, kündigten es aber auch nicht auf. Bestehende Handelspräferenzen, Ursprungsregeln und Investitionsschutzmechanismen blieben intakt.
Zugleich schaffe der Übergang zu jährlichen Überprüfungen bis 2036 jedoch neue Unsicherheiten für Unternehmensinvestitionen. „Mexikanische Aktien dürften weiterhin vom Trend zum Nearshoring profitieren“, sagt Donald. „Damit die Investmentstory intakt bleibt, braucht sie jedoch einen stabilen und berechenbaren Handelsrahmen. Jede zusätzliche Unsicherheit kann die Kapitalallokation von Unternehmen belasten.“
Aktive Auswahl wird wichtiger
Mit Blick auf die nächsten Monate hält Donald abschließend fest: „Schwellenländeraktien bleiben widerstandsfähig. Die nächste Phase wird jedoch noch stärker von Differenzierung geprägt sein. Wer nur auf die Anlageklasse als Ganzes schaut, übersieht die eigentlichen Chancen. Besonders interessant sind aus unserer Sicht weiterhin Märkte und Unternehmen, die von strukturellen Trends wie KI-Infrastruktur, Halbleitern, Rohstoffen oder der Neuordnung globaler Lieferketten profitieren.“
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