Ist es Zeit, sich gegen Inflation abzusichern?

Die

Inflationsraten

in den Industriestaaten befinden sich nach wie vor auf einem Rekordtief – doch die Anzeichen für eine Trendwende mehren sich. Wer sein Geld langfristig anlegen möchte, muss sein Depot auf das Szenario steigender Inflationsraten vorbereiten. Anleger haben dafür verschiedene Alternativen.

Kaum jemand hätte sich 2009, also inmitten der größten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg, vorstellen können, wie die Welt sieben Jahre später aussehen würde. Dass sich der Leitzins und die Inflation nämlich auch im Jahr 2016 trotz erster Anzeichen einer Trendwende noch immer auf einem historisch niedrigen Niveau bewegen würden, hätte sich wohl kaum jemand vorgestellt, auch dann nicht, wenn man gewusst hätte, dass die Notenbanken rund um den Globus ihre Geldmenge in einem beispiellosen Kraftakt steigern würden. Doch genau dies ist eingetreten: Die Notenbanken der sieben wichtigsten Industrienationen haben nach 2009 ihre Bilanzen um gigantische 5000 Milliarden US-Dollar ausgeweitet. Lawrence H. Summers, Harvard-Professor und ehemaliger Wirtschaftsberater von US-Präsident Obama, schrieb kürzlich in der Zeitschrift „Foreign Affairs“, dass Ökonomen mit diesem Wissen mit Sicherheit vorausgesagt hätten, dass die Inflationsthematik sich zu einem ernsthaften Problem entwickeln würde.


Des Deutschen größte Angst

Tatsächlich reagiert in Europa und wahrscheinlich in der gesamten westlichen Welt kein Volk so empfindlich auf steigende Preise wie die Deutschen. Das hängt mit den schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit zusammen. In den 1920er-Jahren stürzte die Hyperinflation Millionen Menschen in die Armut. So kostete in Berlin am 3. Januar 1923 ein Kilo Roggenbrot noch 163 Mark und ein Kilo Rindfleisch 1800 Mark; am 19. November 1923 lagen die entsprechenden Preise bei 233 Milliarden Mark und bei vier Billionen 800 Milliarden Mark. Ein US-Dollar kostete im Mai 1923 im Monatsdurchschnitt 47 670 Mark, am 20. November dann die beindruckende Zahl von 4 200 000 000 000 Mark.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhren die Menschen in Deutschland dann erneut, welch verheerende Folgen eine Geldentwertung hat, und seitdem ist die Inflationsangst fest im Gedächtnis vieler Deutscher verankert. Dabei gilt eine Teuerungsrate von rund zwei Prozent nach der gängigen volkswirtschaftlichen Lehre noch nicht einmal als Inflation. Von Inflation (aus dem Lateinischen inflare, „sich aufblasen, aufschwellen“) sprechen Ökonomen erst dann, wenn das Preisniveau andauernd und signifikant steigt, beziehungsweise wenn das vorhandene Geldvermögen über längere Zeit kontinuierlich entwertet wird. Doch tatsächlich ist trotz der bemerkenswerten Ausweitung der Geldmenge während der letzten Jahre das Gegenteil eingetreten, die Preissteigerungen in den USA, Europa oder Japan sind deutlich unter der Marke von zwei Prozent geblieben. In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Inflationsrate – gemessen am Verbraucherpreisindex – betrug nach Angaben des statistischen Bundesamtes im November 2016 +0,8 Prozent, womit die Verbraucherpreise gegenüber Oktober um lediglich 0,1 Prozent stiegen.


Warum steigt die Inflation kaum?

Doch warum sind steigende Preise nach einer Geldmengenausweitung unter normalen Umständen überhaupt so sicher zu erwarten wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche? Dies lässt sich mit der grundsätzlichen Funktionsweise der Geldpolitik erklären. Notenbanken haben die Aufgabe, die Geldmenge so zu steuern, dass sie in etwa mit der Produktion von Gütern und Dienstleistungen Schritt hält. Sind die Unternehmen zum Beispiel wegen einer weltweiten Krise und schwacher Nachfrage kaum ausgelastet, werden die Preise eher sinken. Auf der anderen Seite sind Notenbanken jedoch bestrebt, die Preise und damit den Wert des Geldes stabil zu halten. Sie lockern daher in einer Krise ihre Geldpolitik, erhöhen also die Geldmenge, damit die Zinsen sinken und Unternehmen wie Privatleute sich günstig mit Krediten versorgen können. Auf diese Weise soll die Wirtschaft insgesamt wieder auf einen Wachstumspfad zurückkehren.

Im Nachgang der Finanzkrise haben die weltweiten Notenbanken – insbesondere in den USA, in Europa und Japan – die Geldmenge in besonders großem Ausmaß erhöht. Die Lehrbuchmeinung würde daher erwarten lassen, dass die Preise und damit die Inflation steigen, da viel mehr Geld auf eine mehr oder weniger konstante Untermenge trifft. Doch der Index der Konsumentenpreise für die Eurozone liegt aktuell auf einem niedrigeren Niveau als noch im Vorjahr – denn tatsächlich gelangt das Geld kaum in den Wirtschaftskreislauf. Die von den Nationalbanken geschaffene zusätzliche Liquidität liegt im Wesentlichen auf den Giralgeldkonten, die die Geschäftsbanken bei den Notenbanken halten. Gleichzeitig hat das Kreditwachstum des Bankensektors abgenommen, wogegen sich üblicherweise die Kreditvergabe stark ausweitet, wenn die Notenbanken die Liquidität derart massiv erhöhen. Die Unternehmen investieren dann, soweit die Theorie, mehr und schaffen zusätzliche Arbeitsplätze, was den Konsum und das Wirtschaftswachstum antreiben sollte. Doch dieser Mechanismus hat während der letzten Jahre kaum funktioniert, sodass der Aufschwung trotz der Niedrigzinspolitik sehr verhalten ausgefallen ist.

Diese Entwicklung führt zur nächsten Frage – warum investieren Unternehmen dermaßen zurückhaltend? Als erster Grund ist die noch immer vorhandene Unsicherheit zu nennen. Angesichts der Schuldenkrise in Europa, einer tendenziell eher wachsenden Steuerbelastung und der fragilen Erholung der Gesamtwirtschaft fehlt vielen Unternehmern das Vertrauen, das größere Investitionen recht¬fertigen würde. Richtig ist zudem auch, dass die sich zunehmend digitalisierende Wirtschaft deutlich weniger Investitionen benötigt, als dies früher der Fall war. Der Instant-Messaging-Dienst WhatsApp beispielsweise ist, gemessen an dem durch Facebook bezahlten Kaufpreis in Höhe von rund 19 Milliarden US-Dollar, heute mehr wert als der Technologiekonzern Sony, der reale Güter herstellt und einen hohen Investitionsbedarf hat, um seine Fabriken zu betreiben. Bei WhatsApp hingegen genügen Programmierer, der Investitionsbedarf ist entsprechend gering. Aus diesem Grund weist die digitale Ökonomie insgesamt, gemessen an ihren Umsätzen, eine eher geringe Investitionsneigung

auf. So trifft also in der Summe eine abnehmende Investitionsneigung der Unternehmen auf der einen Seite auf einen andererseits steigenden Hang zum Sparen, der die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Konsum, Wachstum und Inflation bremst.

Tatsächlich steigen in der westlichen Welt die Ersparnisse an wie nie zuvor. Dies liegt teilweise an der demografischen Entwicklung und der damit verbundenen Tendenz, jahrzehntelang für die Zeit nach dem Erwerbsleben zu sparen, aber auch am erhöhten Wohlstand, der die Akkumulierung von Kapital in großem Ausmaß erlaubt. Dieses Ungleichgewicht von zu viel Kapital (Angebot) und zu geringen Investitionen (Nachfrage) führt dazu, dass der Zinssatz – also der Preis des Geldes – auf breiter Front sinkt. Einzelne Experten sind sogar der Auffassung, dass heute vielleicht sogar ein real negativer Zinssatz erforderlich ist, um ein Gleichgewicht zwischen Kapitalangebot und -nachfrage herzustellen. Auf globaler Ebene hat in den letzten 20 Jahren zudem die Öffnung der Märkte in China und Osteuropa dafür gesorgt, dass die Inflation gesunken ist. Die Konkurrenz der Niedriglohnländer, die mittlerweile mit moderner Technologie produzieren, hat wie ein lange anhaltender Preisschock.


Inflation gefährdet Sparziele

Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass irgendwann eine Normalisierung eintreten wird, wenngleich das Niedrigzinsumfeld noch einige Jahre anhalten könnte. Schon jetzt steht jedenfalls fest, dass der Aufschwung seit der Finanzkrise extrem langsam vorankommt, jedenfalls viel langsamer als erwartet. Wie sich eine niedrige Inflationsrate, die auf den ersten Blick nicht zu hoch erscheint, auf die langfristigen Ersparnisse auswirkt, zeigt folgende Rechnung: Nach 30 Jahren schwindet die Kaufkraft von 1000 Euro bei einer Inflationsrate von 2,7 Prozent p. a. auf nur noch 449 Euro. Liegt die Inflationsrate nur einen Prozentpunkt höher, also bei 3,7 Prozent p. a., verbleibt nach 30 Jahren nur noch eine Kaufkraft von 336,23 Euro. Zwei Drittel der Ersparnisse wären also verloren. Ein möglicher Weg, sich gegen solche langfristigen Inflationsfolgen abzusichern, ist ein breit diversifiziertes Portfolio von Sachwerten wie Aktien, Immobilien und Gold – aber auch ein Investment in inflationsgeschützte Anleihen, wofür sich aus Diversifikationsgründen der Kauf von Exchange Traded Funds (ETFs) anbietet.

Im Vergleich zu herkömmlichen Bonds haben inflationsgebundene Anleihen eine niedrigere Nominalverzinsung; hinzu kommt allerdings ein Ausgleich für die erwartete Inflationsrate, indem der jährliche Kupon sowie die Kapitalrückzahlungen angepasst werden. Auf diese Weise kann ein durch Inflation bedingter Kaufkraft verlust aufgefangen werden. Diese Strategie eignet sich insbesondere in einem Umfeld steigender Konsumentenpreise, da diese Anleihen helfen, einen durch Inflation verursachten realen Wertverlust des investierten Kapitals auszugleichen. Dabei ist der Nutzen von inflationsindexierten Anleihen umso größer, je stärker die Inflationserwartung des Anlegers von der Erwartung des Marktes – die sich in der Regel in den Kursen von nicht indexierten Anleihen widerspiegelt – abweicht und sich in der Folge tatsächlich auch einstellt.

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