Auto-Aktien: VW, Porsche, BMW und Mercedes-Benz – historische Einstiegschance oder dauerhafte Wertfalle?
Die deutschen Autoriesen stecken in der tiefsten Strukturkrise seit Jahrzehnten: Stellenabbau in Rekordhöhe, Margen im Keller, China-Absturz und der gnadenlose Druck der chinesischen Konkurrenz – VW, Mercedes-Benz, BMW und Porsche kämpfen um ihre Zukunft. Für Privatanleger im DAX stellt sich die Frage: Ist das die Chance des Jahrzehnts zum Einstieg ?
Oder eher eine klassische Wertfalle, die das Portfolio dauerhaft belastet?
Der Status quo: Zahlen, die wehtun
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Der VOLKSWAGEN-Konzern meldete für das erste Halbjahr 2026 ein operatives Ergebnis von 5,9 Milliarden Euro (-11,6 Prozent), die Umsatzrendite lag bei mageren 3,8 Prozent.
Die Auslieferungen brachen um 6,3 Prozent ein, in China sogar dramatisch. Die Prognose für den Umsatz wurde gesenkt.
Parallel laufen Pläne für einen Abbau von bis zu 100.000 Stellen und für mögliche Werksschließungen.
Porsche, einst die Cash-Cow des Konzerns, kämpft mit Absatzeinbrüchen (erstes Halbjahr: -16 Prozent, China -32 Prozent) und hat bereits Tausende Stellen gestrichen.
Die Marge erholte sich zwar auf acht Prozent, bleibt aber weit unter den früheren Spitzenwerten.
Volkswagen Chart
Porsche Chart
BMW senkte die Prognose für die operative Marge im Auto-Segment auf 1-3 Prozent und stellt Restrukturierungskosten von bis zu einer Milliarde Euro in Aussicht. MERCEDES-BENZ zeigte im zweiten Quartal gemischte Zahlen – der Konzerngewinn legte zu, doch das Pkw-Geschäft blieb schwach, vor allem in China (Absatz im ersten Halbjahr: -28 Prozent). Kostensenkungen und unbezahlte Mehrarbeit stehen im Raum.
Die Bewertung ist historisch niedrig: VW-Vorzüge (Ticker: VOW3.DE) handeln mit einem KGV von rund 3,5–4, BMW und Mercedes um die 7–8.
Die Marktkapitalisierungen liegen teilweise unter 40 Milliarden Euro – das ist ein Bruchteil früherer Höhen.
BMW Chart
E-Mobilitäts-Umbruch und chinesischer Angriff
Zwar ist bei den deutschen Autobauern der Wechsel zur Elektromobilität im Gange – aber er ist teuer und verläuft schleppend. In Deutschland stiegen die Neuzulassungen reiner Elektroautos im ersten Halbjahr 2026 um 48 Prozent auf einen Anteil von knapp 25 Prozent. Zudem bleibt VW vom Volumen her Marktführer. Doch insgesamt schrumpft der Marktanteil der deutschen Marken.
Gleichzeitig boomt der chinesische E-Autobauer BYD: Im ersten Halbjahr hat er bereits über 26.000 Zulassungen in Deutschland verzeichnet, ein Plus von über 300 Prozent. Mit seiner Premium-Marke Denza greifen die Chinesen jetzt auch den Luxus-Markt an und werben mit der Technologieführerschaft beim Schnellladen.
Zugutehalten muss man den deutschen Herstellern, dass sie bei Reichweite und Ladeleistung aufholen – doch in punkto Kostenführerschaft und Software-Geschwindigkeit liegen die Chinesen weiterhin vorne.
Überkapazitäten in europäischen Werken (Auslastung oft unter 60 Prozent) und hohe Fixkosten machen die Lage für die deutschen Autoproduzenten zusätzlich brisant.
Was bedeutet das für Autoaktien im DAX-Portfolio des Privatanlegers?
Autoaktien haben im DAX zwar an Gewicht verloren, belasten aber weiterhin viele Depots. Wer breit gestreut investiert ist, spürt die relative Schwäche: Während der DAX neue Rekorde markiert, hinken VW, BMW und Mercedes deutlich hinterher.
Zwar ergeben sich insofern Chancen, als die Bewertungen so niedrig sind, dass bereits eine moderate Erholung der Margen (zurück Richtung 6–8 Prozent) und eine Stabilisierung in China für deutliche Kursgewinne sorgen könnten. Erfolgreiche Restrukturierungen und neue E-Plattformen ab Ende 2026/2027 könnten den Turnaround einleiten. Zudem könnten hohe Dividendenrenditen locken – Voraussetzung ist aber, dass die Höhe der Ausschüttungen gehalten werden. Die Risiken sind aber nicht von der Hand zu weisen.
Da ist der fundamentale Strukturwandel: Chinesische Hersteller gewinnen nicht nur in China, sondern auch in Europa Marktanteile. Software, Batterien und Kostendisziplin entscheiden die Zukunft – und hier haben die Deutschen definitiv Nachholbedarf. Weitere Gewinnwarnungen, Dividendenkürzungen oder sogar Werksschließungen bleiben realistisch.
Eine dauerhafte „japanische“ Stagnation mit niedrigen Werten bei KGV oder KUV ist definitiv möglich.
Fazit für Anleger:
Wer spekulativ und risikobereit ist, findet im Autosektor eine klassische antizyklische Investitionschance – historisch günstig bewertet und mit Turnaround-Potenzial. Für den langfristig orientierten Privatanleger im DAX-Portfolio sollte aber eher Zurückhaltung gelten.
Die Autoindustrie bleibt ein Risikofaktor. Es empfiehlt sich daher eher selektiv vorzugehen, etwa über ETFs mit Untergewichtung oder über gezielte Einzelpositionen nach klaren Fortschritten bei den Sparprogrammen, als blind vermeintlich günstig zu kaufen.
Um im Bild zu bleiben: Für deutsche Autobauer steht die Börsenampel aktuell auf Gelb – die nächsten Quartalszahlen und die Umsetzung der Restrukturierungen entscheiden, ob sie auf Grün oder zurück auf Rot umschlägt.
Ein Kommentar von Jens Klatt, Marktanalyst beim Online-Broker XTB
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