Neue Sorgen für die Öl-Bullen – Ölflut in China

Bernstein BankGerade hatten sich die Long-Investoren vom historischen Absturz im April erholt. Seitdem hat sich der Ölpreis im Spotmarkt wieder von fast Null auf rund 40 Dollar nach oben gearbeitet. Doch der Rebound steht möglicherweise bald vor größeren Problemen. Wir beleuchten die Hintergründe.

Erholung von rund minus 37 Dollar
Die Geschichte am Ölmarkt könnte sich wiederholen: Im ersten Quartal hatten Trader lange den Förderquoten-Streit zwischen Saudi-Arabien und Russland sowie die Auswirkungen der Corona-Pandemie ignoriert und auf das Beste gehofft. Als am 6. März schließlich die Lage eskalierte und danach Riadh die Pumpen aufdrehte, implodierten die Ölkontrakte bis zum 20. April sogar in negatives Terrain – WTI wurde an diesem Tag mit minus 37,63 Dollar gehandelt.

Erst als sich die OPEC+ endlich auf massive Kürzungen einigte, ging es wieder nach oben. Bis jetzt – nun drohen wieder Turbulenzen durch die Fördermenge.

Denn eine Gruppe von Ölexporteuren rund um Saudi-Arabien innerhalb der R-OPEC+ — das ist Russland, die OPEC und einige nicht-OPEC-Exporteure – will die Pumpen wieder hochfahren. Dies berichteten gestern die Nachrichtenagentur Bloomberg und das „Wall Street Journal“. Ab August soll demnach der Ausstoß wahrscheinlich wieder um rund zwei Millionen Barrel hochgefahren werden. Der Hintergrund ist die Hoffnung, dass die Nachfrage nach dem globalen Corona-Lockdown wieder anziehe.

 


 

Am Mittwoch wolle das erweiterte Kartell dazu eine Videokonferenz abhalten. Insgesamt könnte es darauf hinauslaufen, dass die im April beschlossene drastische Förderkürzung von 9,6 Millionen Fass auf 7,7 Millionen Fass gelockert wird. Nicht nur wir vermuten, dass dies zu einem altbekannten Übel im Kartell führen wird: Betrug. Sprich, einige Länder werden sich nicht an die Quoten halten, da die Staatskasse leer ist.

 

IEA sieht das Tal durchschritten

Vor allem, da am Freitag die International Energy Agency Optimismus verbreitet hatte: Die schlimmsten Corona-Effekte seien vorbei. Im jüngsten Oil Market Report hieß es, in den vergangenen Wochen habe sich der Ölpreis bemerkenswert stabil gezeigt. Dabei sei im zweiten Quartal der globale Verbrauch um 10,75 Millionen Fass pro Tag eingebrochen – diese Menge sollte sich im zweiten Halbjahr auf nur noch minus 5,1 Millionen Barrel pro Tag erholen.

Und genau damit sind wir bei der möglichen Fehleinschätzung angelangt. Zum einen ist eine zweite, globale Corona-Welle weiter eine reale Gefahr für die Nachfrage nach Benzin oder Kerosin. Wann der Flugverkehr und der Tourismus wieder ihr altes Level erreichen, steht in den Sternen.

 

Ölflut in China
Zum anderen gibt es eine weitere schlechte Nachricht für die Bullen: Dem weltweit größten Ölimporteur laufen die Lager voll – China hatte den Absturz im Ölpreis genutzt und sich in großem Stil mit Crude eingedeckt. Vorige Woche berichtete das chinesische Wirtschaftsmedium „Caixin“ laut „Oilprice.com“, die Onshore-Tanks seien kurz vor der maximalen Kapazität angelangt.

Unter Berufung auf die Zahlen Informationsdienstleisters Oilchem China hieß es, die Tanklevel für Rohöl seien auf 69 Prozent geklettert. Was sich anhört, als gebe es noch Luft nach oben, stößt offensichtlich bald an bauliche Grenzen: „Caixin“ zufolge sehen Experten das absolute Maximum bei 70 Prozent.

 

Millionen Barrel warten auf Öltankern
Insgesamt bunkere das Reich der Mitte 33,4 Millionen Tonnen Öl, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nach massiven Zukäufen im Mai könne sich die Lage noch verschärfen, zumal in der traditionell starken Raffinerie-Industrie in der Provinz Shangdong im Osten der Absatz nur schleppend laufe.

Damit staut sich die Ölflut bis auf das Meer zurück.

Insgesamt schwimmen derzeit laut Clipper Data rund 70 Millionen Barrel vor der chinesischen Küste umher. Den Analysten zufolge hat sich damit die Menge an Öl auf der sogenannten „floating storage“ seit Ende Mai vervierfacht. Das sei so viel wie seit Anfang 2015 nicht mehr und das Siebenfache des monatlichen Durchschnitts im ersten Quartal 2020.

So müssten Öltanker inzwischen 15 bis 20 Tage warten, bevor sie ihre Ladung löschen könnten.

 

Regionale Konflikte bedrohen die Ölförderung
Bleibt anzumerken, dass es durchaus bullishe geopolitische Faktoren für den Ölpreis gibt. Nach wie vor schwelt beispielsweise der Syrien-Konflikt, der mit einem Eingreifen des Iran oder von Israel das Potenzial zum regionalen Flächenbrand mit sich bringt.

Weiter könnte die Lage in Libyen eskalieren und dort die Ölförderung versiegen lassen.

 


 

Und auch noch näher vor unserer Haustür ist die Kriegsgefahr gestiegen: Sollte die Türkei vor der griechischen Küste nach Öl und Gas bohren, ist die Frage, ob sich Athen das bieten lässt.

Weiter könnte Ankara einen Krieg provozieren, wenn es den einseitig als sein Hoheitsgebiet erklärten maritimen Riegel zwischen der Türkei und Libyen verteidigen wird.

Dann steht ein Konflikt mit Griechenland, der Republik Zypern und Israel an – die drei Länder wollen eine Gas-Pipeline nach Italien bauen, die südlich von Kreta genau durch die von der Türkei beanspruchte Zone im Mittelmeer läuft.

 

Versiegelte Ölquellen
Und auch aus anderen Gründen gibt es Argumente für einen bullishen Ölmarkt – doch die sind eher mittelfristig. So sieht der Hedge Fonds Northern Trace Capital bis 2025 einen Preis von 150 Dollar je Barrel. Im Gespräch mit dem „Wall Street Journal“ begründete er dies mit der durch Corona ausgelösten Drosselung von Investitionen in die Ölfelder. Ähnlich äußerte sich JPMorgan – die Bank sieht 100 Dollar je Fass.

Soll heißen:
Viele Ölfirmen sind pleite gegangen, einige mussten die Ölquellen einmotten. Doch viele Förderer haben kein Geld, um diesen Schritt rückgängig zu machen – und die Banken sind knausrig mit Krediten.

Wir werden sehen, welche Faktoren sich durchsetzen – die Bernstein-Bank behält die Angelegenheit für Sie im Auge und wünscht erfolgreiche Trades und Investments!

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