Showdown bei der türkischen Lira

Bernstein Bank:  Die Regionalwahl in der Türkei ist gelaufen, jetzt reagiert der Finanzmarkt. Ankara hat das Vertrauen komplett zerstört. Die Frage ist, ob die türkische Zentralbank die Stütze der Lira aufgeben muss. Ein Ausverkauf scheint mehr als möglich. Außer, das Land am Bosporus reformiert sich und kehrt zu seiner einstigen wirtschaftlichen Stärke zurück.

Erste Warnung von Moody‘s
Nach der Wahl verlor die türkische Lira nur moderat, die Frage ist, ob es dabei bleibt. Einen Warnschuss feuerte die Rating-Agentur Moody’s ab: Laut einer Meldung von CNBC am Montag beschwerte sich die Agentur über den Einsatz der bedenklich geschrumpften Forex-Reserven zur Stütze der Lira durch die türkische Zentralbank. Das Vorgehen unmittelbar vor den Regionalwahlen habe die Zweifel an der Unabhängigkeit der Währungshüter verstärkt.

Das Urteil von Moody’s: „Credit Negative“.

 

 

Fehde gegen Investoren
Die Wahl am gestrigen Sonntag hat dem Autokraten Recep Tayyip Erdogan somit nicht nur einen Denkzettel gebracht – so verlor seine AKP in der Hauptstadt Ankara das erste Mal seit 25 Jahren. Erdogan hat auch internationale Investoren verärgert. Eine Woche vor der Kommunalwahl hatte er gewettert: „Wer gegen unsere Währung wettet, zahlt einen hohen Preis.“ Kurz darauf meldete die türkische Regulierungs- und Aufsichtsbehörde, dass sie gegen mehrere Banken ermittele, die short in der türkischen Lira investierten; darunter seien auch zwei Banker von JP Morgan in der Türkei.

Lira-Short-Squeeze
Am Dienstag voriger Woche schließlich ritt die Türkei eine nie dagewesene Attacke auf Shorts. Die Overnight-Swap-Rate schoss auf horrende 1338 Prozent empor. Die Leihe von Lira wurde somit unbezahlbar. Banker und Analysten berichteten, kein einziger türkischer Geldgeber habe auch nur eine Lira verleihen wollen. Trotz Dementis des türkischen Bankenverbandes ging der Finanzmarkt von einer Order aus Ankara aus. Broker sprachen vom finanziellen Selbstmord der Türkei. Nach dem Donnerstag voriger Woche rutschte die Swap-Rate wieder auf die üblichen Level von bis zu 40 Prozent ab.

Der Markt in London war aufgetaut, Ankara musste kapitulieren.

 

 


 

 

Forex-Reserven verbrannt
Am vorigen Donnerstag dann der von Moody’s angesprochene Schock: Die türkische Zentralbank meldete ein Abrutschen ihrer Bestände an Gold und harten Devisen zum 22. März auf 24,7 Milliarden Dollar. Die Woche zuvor waren es noch 28,5 Milliarden gewesen. Die Lira tauchte umgehend ab. Die „Financial Times“ vermutete, dass die Türkei alleine im März rund ein Drittel ihrer Forex-Bestände verbrannt hat, um die Lira zu stützen.
Der Gouverneur der türkischen Zentralbank, Murat Cetinkaya, versuchte noch die Wogen zu glätten.

Der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu sagte er, die Netto-Reserven an ausländischer Währung hätten in den letzten März-Tagen wieder um 2,4 Milliarden Dollar zugelegt.

Das Finanzblog „ZeroHedge“ vermutete, dies liege an einem simplen Bilanztrick: In den Tagen vor der Wahl hatten die staatlichen Behörden das Mindesteinlage-Limit für Forex-Lira-Swaps von 10 auf 30 Prozent erhöht.

 

Flucht aus türkischen Assets
Die Short-Attacke setzte die Axt an den Kaufwillen der Investoren. Türkische Staatsanleihen und Aktien wurden auf den Markt geworfen. Die Kosten für fünfjährige Credit Default Swaps lagen zuletzt nur in der Ukraine, Argentinien und im Libanon höher. Das Vertrauen ist angesichts der Dauer-Wirtschaftsmisere sowieso schon lädiert: Von Februar 2018 bis Februar 2019 stiegen die Preise in der Türkei um rund 19,7 Prozent. Die Arbeitslosenrate liegt bei 13 Prozent, die Leitzinsen bei 24 Prozent.

Darlehen lassen sich kaum noch bezahlen, die Menge fauler Kredite bei türkischen Banken steigt.

 

 

 

Reform oder finale Kapitulation
Fragt sich, wann auch die letzten hartgesottenen Long-Anleger das Land verlassen. Alleine die horrende Volatilität über alle Assets dürfte das Land als nicht investmentfähig klassifizieren. Ein Argument allerdings spricht für die Erholung der Lira: Türkische Unternehmen haben eine Menge Schulden in Dollar aufgenommen. Sollte die Lira zu weich werden, wird der Schuldendienst unbezahlbar. Ankara muss somit die Lira zu retten.

Oder endlich Reformen durchziehen.

Früher hatte das Billiglohn-Land von der Produktion günstiger Exportgüter profitiert – so ist die Textilindustrie im Euroland Griechenland vernichtet, während sie in der Türkei boomt.

Drohende Ansteckung
Die Ansteckungsgefahr für Märkte wie Brasilien oder Indonesien ist wegen der Türkei-Krise groß. Schwellenländer-Fonds dürften wegen der Türkei Assets in anderen Emerging Markets abstoßen, um ihren gesamten VAR (Value at Risk) herunter zu fahren. Seit die Federal Reserve die US-Leitzinsen leicht angehoben hat, fließt sowieso verstärkt Kapital aus riskanten Märkten in die Vereinigten Staaten.

 

 

 

 

Erholung oder finaler Lira-Schock?
Anleger warten nun auf Signale für eine Besserung. Die Lira ist der Indikator dafür. Sie hat seit der vorigen Krise im Sommer 2018 rund 30 Prozent ihres Wertes verloren. In den abgelaufenen fünf Jahren steht sogar ein Minus von rund 63 Prozent in den Büchern. Offenbar befürchten selbst die Türken einen Absturz der Lira auf die Krisen-Level vom vorigen Sommer: Heimische Anleger halten laut Daten der Zentralbank inzwischen rund 176 Milliarden Dollar an Devisen.

Wir sind gespannt, wie es bei der türkischen Lira weitergeht – und wünschen Ihnen viel Erfolg in Ihren Trades!

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