Türkische Lira in schwerer See – Keine Dollars von der Fed

Bernstein Bank: Wäre die Türkei noch ein Großreich, würden wir aktuell von einem „Imperial Overstretch“ sprechen – also einer Überdehnung des Imperiums. Ankara kämpft schlicht an zu vielen Fronten auf einmal: Offener Krieg in Syrien. Verdeckter Krieg in Libyen. Die Corona-Krise hat den Devisenbringer Tourismus gekillt.

Zudem provoziert das Land die Anrainer mit Öl-Ambitionen und der einseitigen Ausweitung seiner territorialen Ansprüche im Mittelmeer.

Das kann nicht gut enden für die Lira.

 

Ein Korridor quer durch das Mittelmeer
Im Mittelmeer läuft derzeit ein interessantes Kräftemessen in der Politik und auf dem Energiemarkt. Das aber vor allem Folgen haben dürfte für den Devisenhandel. Erst definierte Ankara im November 2019 in einem bilateralen Deal mit Libyen einseitig seinen Wirtschaftsraum neu – und legte einen Korridor quer durchs Mittelmeer.

Im Dezember 2019 erklärte die Türkei einen großen Teil des Mittelmeeres vor seiner Küste zu seiner Mavi Vatan– zur blauen Heimat.

Allerdings hat das Internationale Seerechtsabkommen von 1994 andere maritime Grenzen gezogen – und zugunsten von Griechenland, Zypern und Ägypten die 200-Meilen-Zone von der Küste und den Inseln aus berechnet.

 


 

Türkische Lizenzen in griechischen und zyprischen Gewässern
Im Januar 2020 schließlich begann die Türkei mit Probebohrungen nahe der Küste von Kreta – und damit laut Völkerrecht in griechischen Gewässern. Und nun der nächste Affront: Wie die Newssite Oilprice.com und auch die Nachrichtenagentur Anadolu berichteten, hat Ankaras Außenministerium gerade den Plan für die Vergabe von Förderlizenzen an die staatliche Energie-Firma Turkish Petroleum veröffentlicht. Schon zuvor hatte Ankara den Zeitplan ausgegeben, innerhalb von drei bis vier Monaten in umstrittenen Gewässern nach Öl und Gas zu bohren.

Athen reagierte am gestrigen Montag ungehalten. Außenminister Nikos Dendias erklärte, Griechenland sei bereit, auf die Provokation zu reagieren. Der Plan verletze die griechische Souveränität. Josep Borell, Hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, verurteilte das türkische Vorhaben, da die Gewässer zu Griechenland und der Griechisch-Zypern gehörten. Die Inselrepublik ist von türkischen Lizenzen regelrecht eingekreist, nordzyprische Drilling-Ansprüche liegen sogar vor seiner Küste.

Griechenland und die Republik Zypern plus Frankreich, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten hatten schon vorigen Monat die maritimen Forderungen der Türkei verurteilt.

Ankara nannte die Gruppe daraufhin eine „Allianz des Bösen“.

 

Turbulenzen für die türkische Lira

Genug Stoff also für heftige Konflikte. Und nun die Querverbindung zum Devisenmarkt: Neue, vielleicht sogar militärische Auseinandersetzungen dürften den maroden türkischen Staatshaushalt vollends versenken. Somit droht ein ähnliches Szenario wie Anfang Mai, als die türkische Währung auf ein Rekordtief rutschte.

Ein Dollar kostete mit 7,25 türkische Lira so viel wie noch nie zuvor.

 

Keine Dollars von der Fed
Die türkische Notenbank hatte bei der Federal Reserve und anderen Zentralbanken nach Finanzmitteln gefragt. Der Grund war der Schwund der Nettowährungsreserven, die von 40 Milliarden Dollar auf rund 28 Milliarden Dollar gesunken waren. Doch Fed-Mitglied Thomas Barkin verweigerte die Erweiterung von Swap-Kreditlinien, die klammen Staaten wie der Türkei Zugang zu frischen Dollars verschaffen. Die Mittel der US-Zentralbank seien nur dazu gedacht, die Märkte zu stabilisieren.
Der türkische Finanzminister Berat Albayrak versuchte, die internationalen Anleger zu beruhigen, indem er die türkischen Währungsreserven als „mehr als ausreichend” bezeichnete.

Ankara machte natürlich ausländische Banken für den Verfall der Lira verantwortlich: Spekulanten hätten Fremdwährungen im großen Stil gekauft und daraus folgende Lira-Verpflichtungen nicht bedient, um die Lira gezielt zu schwächen.

Die Finanzaufsicht untersagte den Banken BNP Paribas, Citi und UBS den Handel mit Lira.

 


 

Zu viele Konflikte auf einmal
Unser Fazit: Die türkischen Energie-Ambitionen könnten im Worst Case zu einem Krieg mit Griechenland, Zypern und Israel führen. Auch die Europäische Union ist potenziell ein Player und könnte Sanktionen verhängen; doch die Türkei könnte die Tore öffnen und Millionen von Migranten nach Europa lassen.

Falls die Türkei mit dem Griff nach Öl und Gas im Mittelmeer durchkommt, dürften die Petrodollars bald sprudeln. Und die türkische Lira stabilisieren. Falls es aber Widerstand der Anrainer gibt, wäre dies ein neuer Schlag für die Devise. Die Staatskasse ist leer, die Wirtschaft am Boden, Investoren meiden das Land.

Zudem hat sich die Türkei mit ihren diversen Feldzügen in Europa und Amerika keine Freunde gemacht – finanzielle Unterstützung ist nicht zu erwarten.

Warten wir also ab – die Bernstein-Bank hält Sie auf dem Laufenden und wünscht erfolgreiche Trades und Investments!

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