Emerging-Markets-Aktien: Der Beginn eines neuen Zyklus?

James Donald, Portfoliomanager/Analyst und Leiter der Emerging-Markets-Plattform bei Lazard Asset Management in New York, sieht derzeit attraktive Chancen für Schwellenländeraktien. Aus seiner Sicht könnte sich die Anlageklasse am Beginn eines neuen, mehrjährigen Aufwärtszyklus befinden.

Der Blick zurück sei zunächst ernüchternd: „Emerging-Markets-Aktien haben sich in den letzten zwölf Jahren in US-Dollar gerechnet schlechter entwickelt als andere Aktienmärkte“, sagt Donald. Ein wesentlicher Teil der Underperformance gehe allerdings auf Währungsverluste zurück. Der über Jahre starke US-Dollar habe die Schwellenländer belastet. Zuletzt habe sich die Situation jedoch geändert: „Wir sind der Ansicht, dass der anhaltende Gegenwind durch den US-Dollar deutlich nachgelassen hat“, so der Portfoliomanager.

 

US-Dollarschwäche könnte Schwellenländer stützen

Angesichts einer Stabilisierung kurzfristiger Belastungsfaktoren rechnet Donald damit, dass sich die fundamentalen Treiber der Anlageklasse wieder stärker durchsetzen. Dazu zählten das hohe US-Zwillingsdefizit aus Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit – also ein gleichzeitiges Auftreten zweier massiver wirtschaftlicher Ungleichgewichte –, ein sich verbesserndes Wachstum außerhalb der USA sowie sinkende Zinsvorteile der USA gegenüber anderen Volkswirtschaften.

„Insgesamt sehen wir mittelfristig weiterhin einen stabilen bis schwächeren US-Dollar als den wahrscheinlicheren Kurs. Historisch war dies ein bedeutender Rückenwind für die Schwellenländer – durch stärkere Kapitalzuflüsse, Währungsunterstützung und attraktivere Gewinnaussichten“, erklärt Donald.

Der Zusammenhang zwischen US-Wirtschaft und Dollarentwicklung sei dabei zentral: „Wenn die US-Wirtschaft relativ stark gegenüber den Schwellenländerökonomien ist, tendiert auch der Dollar zur Stärke. Wir haben das in der letzten Dekade gesehen. Doch wenn die Dominanz der US-Wirtschaft nachlässt, schwächt sich in der Regel auch der Dollar ab – was historisch positiv für EM-Aktien war“, argumentiert der Experte.

 

Bewertungen und Gewinnwachstum sprechen für Emerging Markets

Neben der konstruktiven Währungsentwicklung verweist Donald auf attraktive Bewertungen und robuste Gewinnerwartungen. Schwellenländeraktien notierten aktuell mit einem deutlichen Abschlag gegenüber Industrieländern. Gleichzeitig habe sich die Profitabilität vieler Unternehmen verbessert. „Viele Unternehmen in den Emerging Markets weisen heute eine Profitabilität auf, die mit der entwickelten Welt vergleichbar ist und teilweise sogar über der von Europa oder Japan liegt“, sagt James Donald.

Treiber dieser Entwicklung seien insbesondere Technologie- und Produktionsstrukturen in Asien: „Ein großer Teil des KI-bezogenen Geschäfts ist in den Emerging Markets beheimatet – insbesondere in Taiwan und Südkorea. Dort findet ein erheblicher Teil der technologischen Wertschöpfung statt.“ Zudem profitierten viele Schwellenländer als Produzenten von Rohstoffen und Basisgütern in Phasen höherer Inflation.

Auch die Gewinnerwartungen unterstrichen dieses Bild: Für 2026 werde laut Schätzungen von J.P. Morgan und MSCI ein Gewinnwachstum (EPS) von 35 Prozent für die gesamten Emerging Markets, 43 Prozent für EM ex China und 40 Prozent für EM Asien prognostiziert. Den größten Beitrag leiste Südkorea mit rund 140 Prozent. Zum Vergleich: In den USA würden 18 Prozent erwartet, in Europa 13 Prozent. Donald räumt jedoch ein, dass eine weitere Eskalation des Konflikts im Nahen Osten die Gewinnerwartungen kurzfristig belasten könnte.

 

Strukturreformen könnten Profitabilität steigern

Donald sieht zudem strukturelle Veränderungen, die die Profitabilität vieler Unternehmen weiter verbessern könnten. In China, Südkorea und Taiwan hätten zahlreiche Unternehmen in den vergangenen Jahren hohe Barbestände aufgebaut, gleichzeitig sei die Kapitalrendite jedoch gesunken. „Es ist wahrscheinlich, dass sich dies künftig verändert“, so Donald. Demografische Entwicklungen und wachsender Druck institutioneller Investoren könnten dazu führen, dass Unternehmen ihre Kapitalallokation stärker auf Profitabilität und Effizienz ausrichten.

Regional erwartet der Experte keine synchrone Entwicklung der Weltwirtschaft – und bewertet dies positiv: „Wir möchten, dass sich Regionen unterschiedlich entwickeln und nicht alle Märkte gleichzeitig boomen oder schwächeln. Genau daraus entstehen attraktive Investitionsmöglichkeiten.

 

Geopolitische Risiken bleiben entscheidender Faktor

Als wichtigstes Risiko nennt Donald den Konflikt im Nahen Osten. Sein Basisszenario sei ein anhaltender, aber begrenzter Konflikt über wenige Monate mit Ölpreisen um 100 US-Dollar. Eine weitere Eskalation könne jedoch deutlich stärkere Folgen für Inflation, Weltwirtschaft und Kapitalmärkte haben. „Dadurch würden die Ölpreise einen weiteren Schub in Richtung der 150-US-Dollar-Marke bekommen. In diesem Fall ist eine globale Rezession zu befürchten“, warnt Donald.

Trotz dieser Risiken sieht Donald die Voraussetzungen für einen neuen EM-Zyklus als gegeben. Historisch hätten Schwellenländer bereits gezeigt, welches Potenzial in solchen Phasen stecke: „Während der letzten großen Outperformance-Phase der Schwellenländer von 2001 bis 2007 übertrafen die Schwellenmärkte die Industrieländer in einem außerordentlichen Maße“, so der Experte. Entscheidend sei dabei, dass sich solche Entwicklungen über mehrere Jahre hinweg entfalten würden.

 

Anlegerinteresse nimmt wieder zu

Donald beobachtet zudem eine Veränderung im Verhalten institutioneller Investoren: „Zum ersten Mal seit vielen Jahren stellen sich viele Investoren die Frage, ob sie zu stark in den USA und zu wenig in Schwellenländern investiert sind.“ Die Anlageklasse sei über Jahre hinweg in den Hintergrund geraten.

In den vergangenen Monaten habe das Interesse jedoch spürbar zugenommen. Unter diesen Voraussetzungen hält Donald den Beginn eines neuen, mehrjährigen Aufwärtstrends in den Emerging Markets für möglich.

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