Aktienmarkt: Gesunder Aufschwung oder Überhitzung?

Helaba: Trotz mancher Anlässe blieb eine Korrektur an den Aktienmärkten bislang aus. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Zyklusstadium, hohe Bewertung und extreme Gelassenheit sprechen weiterhin für Kursrückschläge.

 

Anleger haben aus den Ereignissen der vergangenen Monate eine Lehre gezogen: Egal was geschieht – es passiert nichts! Kaum jemand kann sich derzeit offenbar vorstellen, dass sich daran bald etwas ändern könnte.

 

Nach kleineren zwischenzeitlichen Ausschlägen bewegt sich die implizite Aktienvolatilität für die international führenden Indizes nahe der langfristigen Tiefststände und signalisiert damit extreme Gelassenheit. Schließlich bleibt zumindest in der Eurozone die Geldpolitik weiter ausgesprochen locker.

 


Potenzielle Ertragsbringer Mangelware

Mögliche Ertragsbringer sind indessen immer schwerer auszumachen. So hat sich die Bewertungsdifferenz zwischen US- und Euroaktien mit nachlassenden politischen Unsicherheiten im Euroraum nach den französischen Präsidentschaftswahlen inzwischen eingeebnet. Wohl auch deswegen kommt es immer häufiger zu Favoritenwechseln.

 

Selbst auf Einzeltitelebene gibt es in den Blue-Chip-Indizes kaum noch zurückgebliebene Werte. So notieren beispielsweise die 30 DAX-Titel mit einer und die EURO STOXX 50-Mitglieder mit zwei Ausnahmen über ihrer jeweiligen 200-Tage-Linie. Ein derart breit getragener Aufschwung wird unter technischen Aspekten zumeist zwar als positiv bewertet.

 

Es kann allerdings auch ein Anzeichen für eine Überhitzung sein. Als zuletzt im Frühjahr 2015 nahezu alle Indexmitglieder über diesem gleitenden Durchschnitt lagen, folgte eine ausgedehnte Korrektur.

 


Ernte einfahren
Dass sich Aktien derzeit in einer Übertreibungsphase befinden, signalisieren insbesondere fundamentale Faktoren. Trotz deutlicher Aufwärtsrevisionen der Gewinnschätzungen in den vergangenen Wochen bleibt die Bewertungssituation angespannt. Auf Basis der gängigsten Kennziffern (KGV, KBV, KCV und Dividendenrendite) bewegen sich sowohl US- als auch Euro-Titel oberhalb des langfristigen "Normalbandes".

 

Gleichzeitig scheinen wichtige konjunkturelle Frühindikatoren wie das ifo-Geschäftsklima derzeit ihren Gipfel auszubilden. Immerhin markierte das Konjunkturbarometer mit 114,6 Punkten zuletzt einen historischen Spitzenwert seit der Wiedervereinigung. Damit wird die Luft für Aktien, die in der Regel der Konjunktur voraus laufen, zunehmend dünner.

 

Die Analyse vergangener Zyklen seit 1965 zeigt, dass deutsche Standardwerte nach vergleichbar hohen Werten für das ifo-Geschäftsklima auf Sicht von 6 bis 12 Monaten im Durchschnitt Ertrags- einbußen zu verzeichnen hatten. Es gibt u.E. keine stichhaltigen Gründe dafür, dass es diesmal anders sein wird. Angesichts des ungünstigen Chance-Risiko-Verhältnisses raten wir weiterhin dazu, die erhöhten Notierungen antizyklisch zum Abbau der Aktienquote zu nutzen.

 

Autor: Markus Reinwand

 

 

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