Die EZB und die Kunst, sich selbst zu widerlegen

99 Prozent – so sicher ist der Markt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) am 10. September den Einlagensatz auf 2,50 Prozent anheben wird. Laut Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors S.A., hat Christine Lagarde ihre Lieblingsformel „datenabhängig, ohne Vorfestlegung“ offenbar selbst entsorgt. „Die Falken im Rat waren in den letzten Wochen lauter als je zuvor“, lautet seine Beobachtung. Für Dezember rechnen Marktteilnehmer mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent für einen weiteren Schritt.

 

Die Inflationszahlen als Alibi

Scheinbare Schützenhilfe lieferte den Falken die August-Inflation: In Deutschland lag sie bei 2,9 Prozent, in Frankreich bei 2,7 Prozent, in Spanien mit 4,5 Prozent auf Drei-Jahres-Hoch. Der Treiber sei überall derselbe: Energie, befeuert vom Iran-Konflikt, der die Ölmärkte seit einem halben Jahr durchschüttelt. „Nur hat das mit geldpolitischer Straffung ungefähr so viel zu tun wie ein Regenschirm mit der Bekämpfung eines Erdbebens“, so Held.

Während man beim Preiskampf feuere, schlafe das Wachstum: im zweiten Quartal 0,4 Prozent im Euroraum, 0,5 Prozent in der gesamten Europäischen Union (EU). Das ist näher am Stillstand als am Boom. Die Einkaufsmanager malen zwar ein optimistischeres Bild, aber die EU-Kommission hat ihre 2026-Jahresprognose dennoch von 1,2 auf 0,9 Prozent zusammengestrichen. Jörg Held ordnet ein: „Eine Notenbank, die in dieser Lage die Zinsbremse zieht, trifft nicht eine überhitzte Wirtschaft, sondern sie schwächt eine ohnehin schon lahmende Konjunktur.“

 

Falscher Hebel, falscher Zeitpunkt

„Das Mandat der EZB heißt Preisstabilität und nicht Symbolpolitik. Und die aus diesem Mandat resultierende Reaktionsfunktion unterscheidet seit jeher zwischen selbstgemachter Nachfrageinflation und importiertem Angebotsschock“, erläutert Held. „US-Finanzminister Scott Bessent hat es für die Fed auf den Punkt gebracht. Der Satz passt eins zu eins auch auf Frankfurt: Man erhöht traditionell nicht in einen Angebotsschock hinein, außer es zeigen sich handfeste Zweitrundeneffekte.“ Die aber suche man in den aktuellen Daten trotz erhöhter Kerninflation vergebens.

Jörg Held fasst zusammen: „Wir schließen uns Bessents Schlussfolgerung an. Der von den Märkten praktisch schon zementierte Zinsschritt ist falsch und kontraproduktiv. Wer sein Mandat ernst nimmt, lässt dem Energiepreisschock die Zeit, sich als vorübergehend zu erweisen, statt mit dem Zinshammer auf ein Problem einzuschlagen, das er gar nicht lösen kann.“

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