Goldilocks im Stresstest

Der Aktienboom geht nun ins neunte Jahr, nur durch kleinere Baissephasen unterbrochen. Kein Wunder, dass die Anlagestrategen sich mit der Frage beschäftigen, ob das noch so weiterlaufen kann.

Abgesehen von notorischen Crashpropheten, sind die Prognosen eher beruhigend. Kein überschäumender Optimismus, aber die klare Botschaft: Vieles spricht für ein weiteres gutes Jahr an den Börsen.

Mut machen die Wirtschaftsdaten. Europa ist in Schwung gekommen. Amerika läuft ohnehin noch gut und dürfte durch die Trump’sche Steuerreform noch mehr Unterstützung bekommen.

Die Weltwirtschaft zeigt wieder robuste Wachstumsraten, zu denen auch die meisten Schwellenländer beitragen. Vor diesem Hintergrund dürfte der Gewinnzyklus der Unternehmen tendenziell weiter nach oben zeigen.

Die Notenbanken sind zwar dabei nach Jahren der expansiven Geldpolitik eine Zinswende einzuleiten, aber dies geschieht nur sehr vorsichtig. Die Fed ist am weitesten und bekommt demnächst einen neuen Präsidenten. Doch Jerome Powell steht für Kontinuität.

Die EZB wird allmählich ihre Anleihekaufprogramme reduzieren, aber eine echte Zinsanhebung dürfte erste 2019 erfolgen. Die Geldpolitik wird die Anlageklasse Aktien weiter unterstützen.

Politische Risiken werden in diesen Tagen häufiger zitiert. Immerhin gibt es in den USA einen unberechenbaren twittergetriebenen Präsidenten.

Doch politische Risiken gab es immer. Entscheidend ist, dass Krisen regional begrenzt bleiben und keine weltweiten wirtschaftlichen Verwerfungen nach sich ziehen. Solange gilt der Satz, dass politische Börsen kurze Beine haben. Das hat sich bisher auch 2017 bestätigt.

Also alles perfekt? Ja, wenn da nicht Goldilocks wäre. Dieses angelsächsische Kindermärchen steht seit Mitte der neunziger Jahre als Chiffre für die beste aller Welten.

In dieser Geschichte kommt ein blondgelocktes Mädchen in das Haus von drei Bären, die ausgegangen sind. Es findet drei Schüsseln mit Brei. Der Brei in der Schüssel von Papa-Bär ist zu heiß, der Brei in der Schüssel von Mama-Bär zu klumpig, aber der Brei in der Schüssel von Baby-Bär ist genau richtig: nicht zu heiß und nicht zu kalt, nicht zu klumpig und nicht zu flüssig – einfach perfekt.

Gern zitieren Analysten dieses Goldilockszenario, um eine Welt zu beschreiben, in der die Wirtschaftsdaten perfekt zusammenpassen: Wachstum und solide Unternehmensgewinne sowie keine Inflationsgefahren.

Wird also 2018 ein Goldilocks-Szenario erleben? Möglichweise und hoffentlich ja. Aber zieht man die Lehre aus diesem Märchen und den realen Märkten, ist erhöhte Wachsamkeit angebracht.

Im Märchen kracht der perfekt passende Stuhl Baby-Bärs zusammen, auf den sich Goldilocks setzt. Goldilocks war einfach zu schwer. Im realen Leben sind perfekte Szenarien oft trügerisch. Dann gibt es negative Überraschungen, die keiner vorher für möglich gehalten hat.
So war es 1997. Damals schwärmten viele an den Märkten von Goldilocks. Plötzlich löste die überbewerte thailändische Währung die Asien-Krise aus und stürzte die dynamische Wachstumsregion in massive Turbulenzen.

Zum zweiten Mal hörte ich von Goldilocks Anfang 2007. Damals erklärte mir der Chefstratege einer großen Fondsgesellschaft damit die ideale Welt. Kurz darauf brachen die Banken, vollgestopft mit wertlosen Kreditderivaten, zusammen und lösten eine Jahrhundertkrise aus.

Was soll man also davon halten, wenn jetzt auf vielen Diskussionen zum Jahresausblick 2018 vom Goldilocks-Szenario geschwärmt wird?

Sorglosigkeit ist der schlimmste Feind für den langfristigen Anlageerfolg. Jeder Investor darf gern jede Chancen nutzen – Aktien gegenüber Anleihen übergewichten, interessante Megatrends nutzen, gewinnstarke Nebenwerte auswählen –, aber er sollte auch immer wieder sein Depot einem Stresstest unterziehen.

Was wäre, wenn die Märkte um 30 oder sogar 50 % fallen? Wie funktioniert das Risikomanagement, gibt es ausreichenden Puffer, um notfalls auch schlimme Verlustphasen zu überstehen?

Über alle Prognosen hinweg, sind diese Fragen auch 2018 wichtig – sozusagen die ewigen Wahrheiten an der Börse.

Dr. Bernhard Jünemann, Finanzjournalist

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