Ölpreis mit klarer Richtung nach oben

Nach einem klaren Aufwärtstrend im Jahr 2009 ist der Ölpreis seit Anfang 2010 in eine ausgeprägte Berg- und Talfahrt übergegangen. Gegenwärtig kann man am Ölpreis, ebenso wie an den Aktienkursen, vor allem den Grad der herrschenden Konjunkturskepsis bzw. der Risikofreude der Anleger ablesen.

Wenn die derzeit hohe Unsicherheit um die „EWU-Verschuldungskrise“ abebbt, dürfte der Weg wieder eher frei für die fundamentalen Kräfte am Ölmarkt werden. Und diese verschieben sich allmählich wieder zugunsten einer steigenden Nachfrage. Auf Jahressicht rechnen die Experten der Postbank mit einer festeren Tendenz der Ölnotierungen.

Nach Erreichen des weltweiten konjunkturellen Tiefpunktes um den Jahreswechsel 2008/2009 startete der Preis für Rohöl eine lange anhaltende Erholungsphase. Der Aufstieg der Weltwirtschaft aus dem konjunkturellen Tal, und insbesondere der kräftige Aufschwung in wichtigen Ländern der Emerging Markets, ging mit zunehmender Rohölnachfrage dieser Länder einher. Die Ölnachfrage der Industriestaaten, die insgesamt deutlich stärker von der Finanzmarktkrise in Mitleidenschaft gezogen worden waren, blieb dagegen lange Zeit schwach. Die globale Aufschwungstendenz beflügelte dennoch auch die Phantasie der Anleger. Bei einem vergleichsweise niedrigen Einstiegsniveau des Ölpreises und in einem Umfeld extrem niedriger Zinsen erschien ein Investment in Rohstoffe lohnenswert. Ab dem Frühjahr 2009 wetteten nichtkommerzielle Anleger wieder zunehmend auf einen steigenden Ölpreis.

In den letzten Wochen sind diese Wetten deutlich zurückgefahren worden. Die seit Anfang 2010 schwelende „EWUVerschuldungskrise“ sowie zum Teil bereits begonnene oder zumindest angekündigte Sparprogramme diverser Länder schüren aktuell die Sorge vor einem Rückfall in eine Stagnations- oder gar Rezessionsphase in der Eurozone. Zudem besteht die Befürchtung, dass wieder stärker aufflammende Verspannungen an den Finanzmärkten auch andere Länder außerhalb der Eurozone stärker in Mitleidenschaft ziehen könnten. Vor diesem Hintergrund hat Gold als sicherer Hafen im Preis weiter zugelegt, während die Preise für konjunktursensible Rohstoffe wie Rohöl, aber auch Industriemetalle wie z.B. Kupfer und Aluminium Anfang Mai einen deutlichen Dämpfer erhalten haben – und dies trotz zuletzt guter Konjunkturdaten in den USA wie auch in den großen EWU-Ländern. Von nahe 90 Dollar je Fass Anfang Mai gemessen an der Sorte Brent hat der Ölpreis in den Folgewochen kurzfristig auf unter 70 Dollar je Fass nachgegeben.

Globale Ölnachfrage erholt sich

Aktuell erholt sich der Ölpreis wieder und nimmt Kurs auf die 80-Dollar-Marke. Ein allzu kräftiger Anstieg ist auf Jahressicht aber auch nicht zu erwarten. Weder herrscht derzeit Knappheit an Rohöl, noch droht vorerst eine Knappheitssituation. Auf der Angebotsseite steht zwar die von der OPEC im Januar 2009 beschlossene Fördermengenkürzung im Raum, die dem damaligen Preisverfall Einhalt gebieten sollte. Allerdings hat die Quotendisziplin im Lauf von 2009 und auch 2010 immer mehr nachgelassen. Während eine Fördermenge von 24,8 Millionen Fass Öl pro Tag vereinbart ist, förderten die elf den OPEC Quoten unterworfenen Mitgliedstaaten Ende Mai gut 27 Millionen Fass Öl pro Tag. Und auch trotz dieser deutlichen Quotenüberschreitung verbleiben immer noch hohe freie Förderkapazitäten, die bei einem kräftigen Anstieg der Ölnachfrage rasch mobilisiert werden könnten. Dies gilt erst recht, als nach Angaben von Saudi Arabien dessen Förderkapazitäten um 2 Millionen Barrel pro Tag auf jetzt 12,5 Millionen Barrel pro Tag zugenommen haben. Hinzu kommt der Umstand, dass sich die Lagerbestände an Rohöl OECD weit noch immer am oberen Rand der Bandbreite der letzten fünf Jahre bewegen. Dies trifft insbesondere für den stärksten Ölnachfrager zu – die USA. Ein plötzlicher Nachfrageanstieg könnte also zunächst auch durch einen Lagerabbau bedient werden.

Laut Prognose der US-Energiebehörde EIA dürfte 2010 das weltweite Angebot die Nachfrage nur noch knapp übertreffen. Grund dafür ist eine wieder deutlicher zunehmende weltweite Nachfrage. Diese sollte sich gemäß EIA im Jahr 2010 um 1,5 Millionen Fass pro Tag (+1,8%) auf 85,5 Millionen Fass pro Tag erhöhen. In den beiden vorangegangenen Jahren war die nachgefragte Ölmenge jeweils geschrumpft. Der Großteil der Steigerung dürfte auf nicht-OECD-Länder zurückgehen. Alleine auf China dürfte gut ein Drittel der Steigerung entfallen.

Erstmals seit vier Jahren dürfte aber auch die US-Nachfrage nach Rohöl wieder leicht gegenüber dem Vorjahr ansteigen. In den letzten Monaten war hier eine Belebung vor allem der Benzinnachfrage spürbar. Insgesamt hat dies die Nachfrage nach Öl und Ölprodukten erhöht. Dies spiegelt sich auch in einer höheren Kapazitätsauslastung der Raffinerien wider. Für 2011 prognostiziert die US-Energiebehörde einen weiteren Anstieg der weltweiten Ölnachfrage um 1,6 Millionen Fass pro Tag auf dann 87,12 Millionen Fass pro Tag. Im kommenden Jahr könnte dann erstmals seit 2007 die weltweite Nachfrage wieder das Angebot übersteigen, was zu einem Abbau der hohen weltweiten Lagerbestände führen sollte. Vor diesem Hintergrund sprechen die Fundamentaldaten für einen tendenziellen Anstieg des Ölpreises.

Bewegungen im Wechselkursgefüge könnten Ölpreis beeinflussen

Der Ölhandel erfolgt üblicherweise in US-Dollar. Häufig ist in den letzten Jahren mit einem starken Dollar ein tendenziell sinkender Ölpreis einhergegangen bzw. umgekehrt mit einem schwachen Dollar ein steigender Ölpreis. Mit etwa 1,20 Dollar je Euro sehen wir den Euro als weitgehend fair bewertet an. Dies entspricht auch unserer Prognose auf Jahressicht. Gemessen am aktuellen Euro-Dollar-Kurs wäre damit auf Jahressicht keine große Wechselkursänderung verbunden, so dass der Einfluss auf den Ölpreis begrenzt wäre. Hat der Dollar zuletzt gegenüber dem Euro noch profitiert, so könnte als ein neuer, potenziell belastender Faktor für den Dollar, die von China angekündigte flexiblere Wechselkurshandhabung zwischen Yuan und Dollar künftig eine größere Rolle spielen. Ließe China eine deutlichere Yuan-Aufwertung zu, könnte der Dollar auch gegenüber anderen Währungen etwas deutlicher leiden. Ein schwacher Dollar wiederum könnte den Ölpreis stützen, da für China, aber auch andere Länder, dann Ölimporte billiger würden.

Inflationsrisiken bei derzeitigem Ölpreisausblick gemäßigt

Inflationsrisiken über steigende Rohstoffpreise bleiben mit Blick auf die erwartete Ölpreisentwicklung gemäßigt. Vor allem in den Industrieländern, in denen die Konjunkturerholung noch nicht in einen selbst tragenden Aufschwung eingemündet ist, würde ein heftiger Ölpreisanstieg einen erneuten Rückgang der Ölnachfrage nach sich ziehen. Dies wiederum würde den Ölpreis wieder bremsen.

Angesichts der noch hohen Unsicherheit, die derzeit an den Finanzmärkten herrscht, dürften die konjunktursensiblen Rohstoffe vorerst noch unter Druck bleiben. Auf Jahressicht gehen wir aber von höheren Ölnotierungen aus, wenn die „EWU-Schuldenkrise“ abebbt und sich die fundamentale Lage bessern dürfte. Auch wenn es in einigen Staaten wie etwa China zu einem etwas gedrosselten Wachstumstempo kommt – was mit Blick auf dortige Inflationsgefahren durchaus wünschenswert ist – dürfte die Wachstumsdynamik ausreichen, um eine steigende Tendenz des Ölpreises zu unterstützen. Bei einer fortschreitenden wirtschaftlichen Genesung auch der USA, dem immer noch mit Abstand größten Ölnachfrager, rechnen wir auf Jahressicht mit einem um 85 Dollar pendelnden Ölpreis. Risiken bestehen im derzeitigen Umfeld wohl in beide Richtungen.

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